Der Fremdenführer von Bever fragte uns nach dem Betreten der Kirche vorne im Chor, ob wir das Kreuz gesehen hätten. Unsere Augen gingen sofort zu den Wänden und nach oben. In reformierten Kirchen ist es typisch, dass im Innern der Kirche selten ein Kreuz abgebildet ist – das würde zu katholisch wirken. Darum war ich nicht erstaunt, dass wir kein Kreuz fanden. «Schauen Sie auf den Boden», forderte uns der Fremdenführer auf. «Sie sind auf dem Längsbalken des Kreuzes in die Kirche eingetreten und stehen im Chor nun auf einem der Seitenbalken.» Tatsächlich! Man müsste das Ganz wohl von oben fotografieren. Das Bild, das ich später knipsen konnte (Bild), lässt diese geniale Idee zumindest erahnen. Mich faszinierte vor allem die damit verbundene Theologie: Wir können nur über das Kreuz in die Kirche gelangen!
Ein inspirierender Spaziergang
Auch in der heute reformierten Oberdiessbacher Kirche muss man im Innern lange nach einem Kreuz suchen. Man findet es schliesslich ganz oben im Chorgewölbe – und steht damit sozusagen unter dem Kreuz. Doch lesen Sie selber, wie die Broschüre eingeführt wird.
«Die Kirche ist vielleicht nicht das prägendste Gebäude im Dorf, sicher aber das älteste Bauwerk. Die heutige Kirche geht zurück auf das Jahr 1498. Spuren ihrer Vorgängerinnen lassen sich bis ins 12. Jahrhundert finden, als die Stadt Bern gegründet wurde. Vermutlich ist die Kirche somit älter als das Dorf. Wie auch immer: Diese Kirche und ihre Umgebung haben viele Geschichten zu erzählen. Um sie zu hören und zu verstehen, müssen wir genau hinsehen und hinhören. Ich lade Sie deshalb zu einer Entdeckungsreise durch diese Geschichten ein.
Wir beginnen mit dem Kirchbrunnen und dem Eingang zur Kirche, steigen hoch zur Empore, setzen uns in das Kirchenschiff und das Chorgestühl, lassen uns in den Kirchturm entführen, werfen einen Blick auf die Kirche von aussen und widmen uns schliesslich den benachbarten Gebäuden – dem Pfarrhaus und dem Kirchgemeindehaus. Die Geschichten folgen Schritt für Schritt aufeinander und stammen aus ganz unterschiedlichen Zeitepochen. Falls Sie zwischendurch die chronologische Übersicht verlieren, bringt der Zeitstrahl ganz am Schluss wieder Ordnung in die ganze Geschichte.»
Bei der Vernissage Ende Juni schilderten drei Personen ihren Eindruck, den sie beim Lesen gewonnen hatten. Die Gemeindepräsidentin versicherte, dass sie dieses Büchlein in einem Zug durchgelesen habe. Sie war erstaunt, dass dies ursprünglich eine katholische Kirche war. Und als Juristin verblüffte sie u.a. das Wirken des Chorgerichtes, das für moralische Ordnung im Dorf und in der Kirche sorgte. Die Präsidentin des lokalen Dorfentwicklungsvereins «Zäme für Oberdiessbach» bekannte, dass sie zum ersten Mal in dieser Kirche stehe. Sie würdigte das Werk aber auch aus ihrer weniger kirchennahen Sicht als gut gelungen. Und der Journalist Karl Johannes Rechsteiner von der «Interessengemeinschaft Oberdiessbacher Geschichte» fand diesen Spaziergang in die lokale Kirchengeschichte inspirierend und kombiniert mit einem leicht verständlichen Zugang zur dahinterstehenden Theologie. In der «Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch» vom 25.6.26 fasste er seine Eindrücke wie folgt zusammen.
Ein Spaziergang durch die Kirche erzählt von der Geschichte des Dorfes
«Die Kirchgemeinde feierte die Vernissage einer Broschüre von Hanspeter Schmutz. Er spaziert darin durch fast ein Jahrtausend der Geschichte von Dorf und Kirche.
Wohl schon im zwölften Jahrhundert stand ein Kirchlein beim kyburgischen Hof Diesbach. Hier versammelten sich die Menschen aus der Region des heutigen Oberdiessbach, damals ein dünn besiedeltes Gebiet mit wenigen Siedlungen. Erwähnt wurden diese Wurzeln einst in einer Chronik aus Einigen – und nun in einer neuen Publikation der Kirchgemeinde, die dank der Unterstützung der Gemeinde und dem Verein «Zäme für Oberdiessbach» gratis an die Bevölkerung abgegeben werden kann. Das vom ehemaligen Lehrer, Berater und Gemeinderat Hanspeter Schmutz erarbeitete Werk umfasst über 100 Seiten, sein umfangreicher Inhalt entspricht mehr einem Buch als einer Broschüre.
Er habe dies quasi aus der «Vogel-Perspektive» verfasst, erklärt Schmutz: 'Die Grundlage bildete die bisherige Dorfgeschichte von drei Generationen an Dorfchronisten: von Hermann, Niklaus und Peter Vogel.' Dazu kamen ergänzende Recherchen im Kirchenarchiv und Gespräche mit Leuten aus der Kirchgemeinde.
Das Lesen der Diessbacher Kirchengeschichte ist ein Eintauchen in eine andere Welt. Aufgebaut ist die Lektüre als Spaziergang durch die heutige Kirche und Umgebung. Der Weg führt vom ehemaligen Löwenbrunnen zu den prächtigen Wappen über der massiven Kirchentüre, hoch zur Empore und der Orgel bis ins Kirchenschiff. Im Chor werden wir an die Reformation und katholische Vergangenheit erinnert, als die Kirche dem Erzengel Michael gewidmet war. Dabei tauchen besondere Geschichten auf – vom Taufstein und den Täufern und ihrer Verfolgung, von der patrizischen Herrschaft, sichtbar beim von-May-Stuhl und der von-Wattenwyl-Grabkapelle
oder von der Kanzel, einem «Hotspot der Kirche», wie Hanspeter Schmutz es nennt. Der Spaziergang endet nach dem Kirchturm beim Kirchhof, den Pfarrhäusern, dem Kirchgemeindehaus und dem dort stattfindenden Leben samt einer Liste aller Pfarrerinnen und Pfarrer seit dem Jahr 1266.
Diese lokale Kirchengeschichte entpuppt sich als höchst aktuelle Erzählung. Man fällt nicht aus der Zeit in etwas Vergangenes, sondern taucht ein in den Fluss der Zeit, wo uns frühere Themen wie etwa der Umgang mit Krieg auch heute weiterhin unter den Nägeln brennen.
An der von Pfarrer Daniel Meister moderierten Vernissage überbrachten Gemeindepräsidentin Bettina Gerber, Zäme-für-Oberdiessbach-Präsidentin Selina Davatz und Karl Rechsteiner von der IG Oberdiessbacher Geschichte anerkennende Grussworte. Organist Simon Waber schaffte den Spaziergang durch die Jahrhunderte musikalisch durch zwei Medleys, zuerst mit geistlichen Liedern und zum Schluss mit Liebesliedern, die wie die neue Oberdiessbacher Kirchenbroschüre heutige Menschen mit vorangegangenen Generationen verbinden.»
Akustische Grüsse ins Dorf
Tatsächlich ist die Kirche auch ein musikalisches Ereignis. Neben der Orgel in der Kirche geben die Kirchenglocken auch dem ganzen Dorf musikalische Impulse. Eine Präsenz, die in der Regel unterschätzt wird, denn: Glocken laden zum Gebet ein. Während Radio SRF 1 jeweils am Samstag kurz vor 19 Uhr in der Sendung «Glocken der Heimat» neuerdings manchmal die Tonhöhe und die Glockeninschriften verschämt verschweigt, erläutert die Kirchenbroschüre allen, die es hören wollen, die Hintergründe dieser Glocken-Botschaften im Viertelstundentakt.
«Wir steigen nun auf zum höchsten Punkt der Kirche. Heute hängen hier vier Glocken, die den Tag und die Woche in unserem Dorf akustisch strukturieren. Unsere älteste Kirchenglocke lässt den Ton a’ erklingen. Sie stammt aus dem Jahr 1569 und ist 550 kg schwer. Später kam eine zweite dazu, die 1773 umgegossen wurde (f’, 1050 kg). Sie wurde 1896 mit einer dritten ergänzt. Leider war sie aber einen halben Ton zu hoch gegossen worden. Mit dem neuen Geläute von 1947 wurde sie ersetzt durch die nun grösste d’-Glocke (1700 kg). Zusammen mit der dazu gehängten g’-Glocke (700 kg) konnte somit die heutige Harmonie d’, f’, g’, a’ erreicht werden.
Früher mussten die Glocken von Hand geläutet werden. Bei einem vollen Geläute eine anspruchsvolle Aufgabe, die mehrere Personen am Seilzug verlangte. Heute wird die elektrische Läutvorrichtung über das Handy der Sigristen gesteuert. Inschriften auf drei der vier Glocken verbinden den Glockenklang mit biblischen Botschaften. Die älteste und höchste Glocke (a’) verkündet 'Allein Gott sei Ehr und Preis', die g’-Glocke wünscht abends 'Friede sei mit euch'; die tiefste d’-Glocke mahnt – etwa bei Abdankungen – 'O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort', während die f’-Glocke ohne Kommentar zum Mittagsgebet einlädt. Die volle Harmonie entspricht den Anfangstakten des Liedes 'O Heiland, reiss die Himmel auf'.»
Doch: Hören Sie doch gleich selbst auf diese Glocken und die Orgel – und sehen Sie sich einige Bilder der Kirche an1.
Am Schluss bleibt das Kreuz – als Beginn für das Neue
Der Spaziergang durch die Kirchengeschichte endet im Andachtsraum neben dem Chor. Hier hängt ein Kreuz aus Stacheldraht vor einer Folie mit dem ganzen Text der Bibel in 5-Punkteschrift, einem Kunstwerk des Oberdiessbacher Künstlers Jürg Zurbrügg. Die Botschaft des Kreuzes wird in der Broschüre wie folgt zusammengefasst:
«Diese Botschaft hat die Welt im Verlauf der Kirchengeschichte geprägt. Auch unser Dorf. Wie weit sie auch uns prägt und verändert, entscheiden wir ganz persönlich für uns selbst. Wer sich auf die Botschaft des Kreuzes einlässt, kann nicht gleichgültig bleiben. Das Kreuz fordert uns auf zu einer Entscheidung. Wichtig ist dabei zu wissen, dass Gott sich bereits entschieden hat – für uns. Das ist die Botschaft des Evangeliums in der Bibel. Seit Karfreitag, Ostern und Pfingsten ist die Beziehung zu uns von Gott her vorbereitet. Weil diese Verbindung von Liebe geprägt ist, kann sie nur freiwillig zustande kommen. Deshalb ist unsere Antwort gefragt. Gott lädt uns und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, ein, ihm zu vertrauen.
Erlauben Sie mir an dieser Stelle ein Beispiel einer solchen Antwort aus der weiten Welt. Der indische Christ Sadhu Sundar Singh (1888-1929) hat diese Entscheidung in ein schlichtes Lied gefasst. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, sein Vater war Sikh, seine Mutter Hindu. In einer Missionsschule hörte er erstmals vom christlichen Glauben, wollte sich aber nicht darauf einlassen. Nach einer Vision wurde er Christ. Er 'brach damit mit seiner Familie, die ihn verstiess. Er lebte fortan asketisch, ohne Besitz ... . Seine Hauptaufgabe sah er darin, durch die Dörfer zu ziehen und Jesus Christus zu verkünden. Viele Inder wurden durch ihn Christen, und er faszinierte Landsleute ebenso wie Christen aus dem Westen.'
Der Text seines bekanntesten Liedes2 illustriert seine Entscheidung und seinen anschliessenden Lebensweg: 'Ich bin entschieden, Jesus zu folgen. Niemals zurück, niemals zurück. Wenn niemand mit mir geht, ich folge Jesus. Niemals zurück, niemals zurück. Die Welt liegt hinter mir, das Kreuz steht vor mir. Niemals zurück, niemals zurück.' Unsere Entscheidung wird vielleicht weniger radikal sein. Sie wird aber unser Leben verändern – und das Leben der Menschen um uns herum.»
Die Kirche und das Dorf
Zum Schluss: Lassen Sie sich doch durch die Vorstellung dieser Broschüre zum Besuch der Kirche in Ihrem Dorf oder Stadtquartier einladen. Vielleicht gibt es dazu bereits eine verfasste Geschichte. Oder Sie schreiben selber eine. Falls Sie sich vom Oberdiessbacher Beispiel anregen lassen wollen: Ich stelle Ihnen gerne per Post ein Gratis-Exemplar zu. Zudem biete ich einstündige Kurz-Führungen an3. Zwei Ausschnitte aus der Broschüre habe ich ja bereits über das Forum zugänglich gemacht4.
1 https://youtu.be/eXzNe6ZMb18?si=mcnMlqiiEjy-hTSP
2 https://youtu.be/ER1K8Wni3yI?si=XWzpqBJtoHyycXEN
3 https://www.kirche-oberdiessbach.ch/organisation/geschichte/kirchenfuehrungen
Hinweis: Stopp-Armut-Konferenz am 31.10.26
Die Initiative «Stopp-Armut» der Schweizerischen Evangelischen Allianz ist eine Partnerin der insist-consulting gmbh. Ich freue mich über alle, die ich am letzten Samstag im Oktober in Basel treffen werde. Prospekt und Detailprogramm: https://stoparmut.ch/konferenz/
Buch-Hinweis: Texte, die trösten
Hans-Joachim Eckstein ist nicht nur ein tiefgründiger Theologe, der die Bibel gut verständlich und oft gemischt mit Schalk auslegen kann, er weiss auch um die ernsten Phasen des Lebens, die traurig machen können. Auch dazu findet er Worte: poetisch in Form von lyrischen Texten, manchmal sogar übersetzt in ein leicht singbares Lied. Solche Gesamtkunstwerke schafft im deutschen Sprachraum wohl kaum ein theologischer Dozent besser als er. Das zeigt auch sein neustes Buch «Du zählst meine Tränen» mit lyrischen Texten, die ab und zu verbunden werden mit erläuternden theologischen Hintergründen. Ein Buch das dazu anregt, gerade auch in der Trauer Gott näher kennenzulernen. Das Lied zum ersten Gedicht «Der deine Tränen zählt» rührt sogar mich zu Tränen. Sie finden es hier:
https://www.youtube.com/watch?v=db_Drw3AEpU
Eckstein, Hans-Joachim. «Du zählst meine Tränen. Texte des Trostes in Traurigkeit.» Holzgerlingen, 2026, R. Brockhaus-Verlag. Gebunden, 224 Seiten, CHF 25.90, ISBN 978-3-417-01080-0.

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