Im Editorial vom 1. Mai1 habe ich die folgenden vier Gründe genannt: Ich schilderte eingangs die Missionsstrategie der irischen Mönche, die auch bei uns die zweite Evangelisierung unserer Gegend ausgelöst haben. Sie knüpften am heidnischen, nicht-christlichen Denken und Handeln an und zeigten, warum Christus in eine grössere Freiheit führt. Eine Strategie, die auch in unserm neuheidnischen, postmodernen Zeitalter verheissungsvoll ist. Unsere Kirchgemeinde war zweitens bereit, sich vertieft auf die Tauffrage einzulassen, schuldhaftes Verhalten gegenüber den Täufern einzugestehen und neue alte Taufformen zuzulassen. Es ist drittens gelungen, die Erneuerungsbewegung des Pietismus in der Landeskirche zu behalten statt ihn an Freikirchen auszulagern. Und viertens waren die hiesigen Pfarrherren immer wieder bereit, sich auf neue, mehr partizipative Gottesdienstformen einzulassen, nicht zuletzt auch im Gespräch mit jungen Kirchenmitgliedern. Im Folgenden ergänze ich dieses Lernen aus der Kirchengeschichte mit drei weiteren Aspekten.
5) Angebote für alle Altersgruppen
Das Kirchgemeindehaus (KGH) steht für die zunehmende Vielfalt der Aufgaben der Kirchgemeinde, die Aufwertung der Arbeit von Laien in Gruppen und die Ergänzung durch ausserkirchliche Vereine. Das kirchliche Leben wurde immer mehr in die Hände von Laien gegeben, die von den Pfarrern begleitet wurden. Wohl am schönsten repräsentiert findet sich die Idee des KGH im Kirchenkaffee, das praktisch jeden Sonntag stattfindet. Mit seiner gut ausgebauten Küche dient das KGH heute aber auch manchem ausserkirchlichen Verein – etwa den Samaritern und dem Frauenverein – als beliebtes Kurs- und Sitzungslokal. Der Frauenverein führt den Basar und die Altersnachmittage zusammen mit der Kirchgemeinde durch. Neben den Schulräumen dürfte das KGH gemäss heutigem Stand das meistgenutzte öffentliche Gebäude im Dorf sein.
Im Jahr 1892 luden ein paar Mitglieder des Christlichen Vereins junger Männer (CVJM) und der Evangelischen Gesellschaft singfreudige Leute zum gemeinsamen Singen ein. Das war der Start zum ältesten Kirchenchor in unserer Gegend. Das Liedgut setzte sich ausschliesslich aus «geistlicher Musik» zusammen. Neben den Proben wurde auch die Gemeinschaft intensiv gepflegt. Weil das jahrelange Mitmachen im Kirchenchor vor allem für Jüngere kaum noch möglich war, wird der Chor heute in Form von Chor-Projekten durchgeführt, für die man sich immer wieder neu entschliessen kann. Mit manchmal englischen, oft auch moderneren und einfach singbaren Liedern wird das Liedgut so ausgewählt, dass auch Eltern mit ihren schulpflichtigen Kindern und junge Erwachsene problemlos mitsingen können. Ein Projekt benötigt etwa sechs Proben, die wegen den Kindern bereits um 19 Uhr beginnen, gefolgt vom Auftritt im Gottesdienst.
Spätestens mit Frau Elsa Wälti wurde Oberdiessbach ab Mitte des letzten Jahrhunderts zu einem Hotspot der Sonntagsschularbeit, nicht nur vor Ort sondern auch schweizweit. Die Sonntagsschule wird heute in zwei Altersgruppen angeboten: Für Kinder ab 4 Jahren bis und mit der 1. Klasse unter der Bezeichnung «Mikado» (Eingang) und von der 2. Klasse bis und mit der 5. Klasse unter den Namen «Domino» (abgeleitet von dominus = «der Herr»). In beiden Gruppen werden biblische Geschichten erzählt und mit Singen, Basteln und Malen vertieft. Für Jugendliche der 6. bis 8. Klasse schliesslich gibt es seit 2005 den Jugendgottesdienst «Come-in».
Damit auch Eltern mit kleinen Kindern an den Sonntags-Gottesdiensten teilnehmen können, wurde ca. 2001 ein Kinderhort eingeführt, «Chinder-Arche» genannt. 15 Minuten vor Gottesdienstbeginn sind die freiwilligen Helferinnen und Helfer bereit, um die Kleinkinder zu betreuen.
Seit 1952 gibt es die Junge Kirche. Typische Programmteile waren in dieser Zeit das Vorlesen von spannenden Geschichten, Lichtbildervorträge, Frage-Antwort-Runden, meist mit dem zuständigen Pfarrer und spielerische Elemente wie das Theaterspielen, Lismen, Basteln, das Singen, Musizieren und Musik hören und als Dauerthema die «Freundschaft zwischen Mädchen und Burschen». Auch heisse gesellschaftliche Themen wurden aufgegriffen: so das Frauenstimmrecht, die Abtreibung, die Frage, ob die Aktivität der Presse, des Radios und des Filmes nicht unsere Aufnahmefähigkeit übersteigt oder «Kernenergie – Segen oder Fluch?». Dazu kamen Tageswanderungen, der Maibummel, Ski-Events, JK-Wochenenden und die JK-Lager. Während die schweizerische Junge Kirche heute Geschichte ist, gedeiht die Oberdiessbacher JK, und das trotz dem typischen Auf und Ab einer Jugendarbeit. Grund dafür sind das Engagement einzelner engagierter Leiterinnen und Leiter, die immer wieder neu geknüpften Kontakte mit den Konfirmanden und die konstante Unterstützung durch den Kirchgemeinderat bzw. die zuständigen Angestellten. Zu den «Geheimrezepten» dürfte aber auch das parallele Engagement im Mitleiten der Jungschar und in anderen Gefässen der Kirchgemeinde zählen.
Jungschar, so nennt sich ein Freizeitangebot der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Oberdiessbach für Kinder vom Kindergarten bis zur neunten Klasse, das es seit 1982 gibt. Kinder erleben in der «Jungschi» Kameradschaft unter Gleichaltrigen, sie bewegen sich in der Natur, finden Vorbilder in älteren Leiterinnen und Leitern und entdecken viel Neues. Die Jungschi ist ein idealer Ausgleich zum Kinderalltag, hier kann das Kind sich selber sein. Ohne Leistungserwartungen an die Kinder werden ihre individuellen Fähigkeiten und Kreativität gefördert und ihre Persönlichkeit gefestigt.
Auch die älteren Menschen kommen im KGH auf ihre Rechnung. Der Frauenverein bietet im Winterhalbjahr ein Seniorenessen an, die Kirchgemeinde ihrerseits einen Seniorennachmittag mit einem guten Thema und einem schmackhaften z'Vieri. 2002 führte das Ehepaar Urs und Susanne Hitz die Seniorenferien ein. Sie finden seither alle zwei Jahre statt und ergänzen den eintägigen Seniorenausflug, den es schon länger gibt und der nun in den Zwischenjahren durchgeführt wird.
Das KGH steht auch für Gruppen und Aktivitäten, die direkt dem internen Gemeindebau dienen. So die heutige Mitarbeiterwerkstatt (MIT), zu der Vertreterinnen und Vertreter aller Gruppen in der Kirchgemeinde eingeladen sind. Sie dient u.a. der Vernetzung und Koordination der unterschiedlichen kirchlichen Aktivitäten. Die MIT wird seit 2005 vorbereitet von der «Spurgruppe Gemeindearbeit» (SGA), die 2000 als Prozessbegleitungsgruppe gestartet worden war. Pfr. Thomas Wild wollte damals mit einer Gruppe gemischt aus aktiven Laien, interessierten Angestellten und mindestens einem Pfarrer den Gemeindebau breiter abstützen. Heute dient die SGA dem Kirchgemeinderat als «Think-Tank», der ihm Ideen zuspielt oder Vorschläge aus dem Rat aufgreift und bearbeitet.
Ein wichtiger Faktor des Gemeindebaus nach innen waren die Gemeindewochenenden. Sie fanden ab 1995 bis zumindest 2006 jährlich statt, später dann im Wechsel mit den Gemeindeferien. An diesen Wochenenden wurde der Sonntagnachmittag mit einer Zeit für den offenen Austausch über die Kirchgemeinde genutzt. Und der Gottesdienst wurde immer mehr zu einem Werkstatt-Gottesdienst, bei dem alle gemäss ihren Gaben mitwirken konnten. Beides half mit, die Kirchgemeinde zu entwickeln und an die Bedürfnisse anzupassen.
Im KGH – und dezentral in den Quartieren – wird unter der Woche in grösseren zeitlichen Abständen für das Dorf gebetet, meist im Rahmen der Evangelischen Allianz. Menschen, die ihren Glauben mithilfe von Gesprächen über Bibeltexte vertiefen wollen, treffen sich in Haus- und Gesprächskreisen, die von der Kirchgemeinde koordiniert und oft von Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfessionen besucht werden.
Kurz und gut: Im KGH wuselt es tüchtig, nicht nur am Sonntag, sondern auch unter der Woche. Eine schöne und wichtige Ergänzung zu dem, was nebenan in der Kirche läuft. Damit diese Vielfalt auch bei den Leuten ankommt, war und ist eine gute Information wichtig. Und dazu braucht es immer wieder neue Wege.
Die jüngsten Entwicklungen sehen so aus: Nach Vorarbeiten durch Pfr. Thomas Wild wurde 2003 von Pfr. Urs Hitz und einem Team eine erste Website ins Leben gerufen. Sie wurde seither mehrmals überarbeitet und von Pfr. Daniel Meister mit einem Newsletter ergänzt. Er sorgte auch dafür, dass es seit 2021 eine Kirchen-App gibt, die über kirchliche Kreise hinaus sehr gerne genutzt wird.
6) Vielfältiges Einladen zum Glauben
2015 trug die Kirchgemeinde ihre Botschaft in einer besonderen Weise nach aussen. Sie nahm die katholische Tradition des Stationenweges auf: Ursprünglich wird dabei im Kirchengebäude der Weg Jesu von der Geburt bis zum Tod visualisiert, meist an Kirchenfenstern. Bei uns wurden die einzelnen Stationen ins Freie versetzt. Statt mit dem Karfreitag abzuschliessen, ging der Weg weiter bis zu Pfingsten mit der Gründung der christlichen Gemeinde. Nach einer ersten Durchführung im Jahr 2015 wurde die zweite Durchführung im Coronajahr 2021 besonders eindrücklich, weil hier die Passion Christi mit dem weltweiten Leiden durch Corona verbunden wurde.
Immer wieder gibt es auch Veranstaltungen, bei denen die Grundlagen des Glaubens zum Thema gemacht werden, quasi als Kirchlicher Unterricht (KUW) für Erwachsene. So lud Pfr. Thomas Wild im Jahr 2000 den katholischen Gemeindediakon Urban Camenzind zu einem Glaubensgrundkurs unter dem Stichwort «Credo 2000» ein. Der Credo-Kurs wurde seit 2010 mehrfach durchgeführt, zuletzt im Jahr 2022. Andere Formen von Weiterbildungen waren Gesprächskreise über Bücher, welche die grundlegenden Fragen rund um den Glauben thematisieren oder Anlässe, die an gesellschaftlich und existenziell wichtigen Fragen anknüpfen. So etwa eine Reihe über die Herausforderungen und Chancen der Ehe, Referate über den Menschenhandel oder den Islam.
Anlässlich von Tauf- und Konfirmationsgottesdiensten, Trauungen oder Abdankungen kommen immer wieder auch Menschen in den Gottesdienst, die mit dem Glauben (noch) wenig am Hut haben. Die Predigten sind dann oft so aufgebaut, dass auch sie den Ruf zum Glauben hören können, wenn sie das wollen.
7) Mitgestalten des Dorfes
«Diakonie» meint «Dienst am Nächsten». Vor der staatlichen Sozialarbeit wurde diese Aufgabe oft von der Kirche übernommen, allein oder ergänzend zu staatlichen Institutionen. Sie nahm so ihre diakonische Aufgabe war. Um 1723 wird ein Herrschafts-Armenrodel zu Diessbach mit umfangreichen Listen von Menschen in Armut geführt. Und um 1851 gab es in Oberdiessbach einen Armenverein. Um 1900 wurden tragische Familienschicksale in Dossiers erfasst. Da kam eine Witwe allein nach Oberdiessbach, der geholfen wurde. Menschen wurden 1902 in der Armenanstalt Riggisberg oder im Asyl Gottesgnad untergebracht oder gar in die «Irrenanstalt» Münsingen verlegt. Dazu gäbe es viele weitere Beispiele.
Ein neueres Beispiel ist die Zusammenarbeit von Pfr. Roland Langenegger mit dem lokalen Pflegezentrum Kastanienpark. Er ist dort seit Herbst 2022 für die Aufgabe der Lebensberatung mit einem Pensum von 20% angestellt. Seine Aufgabe heisst trösten, zuhören, beten, diskutieren – für die Bewohner und die Angestellten. Noch konkreter ist das Trauercafé. Es wird seit dem 1. November 2023 von der Stiftung Kastanienpark und der Kirchgemeinde im Kastanienpark angeboten und findet sechs Mal im Jahr statt. Das Trauercafé ist ein Ort, an dem Trauernde zusammenkommen können, um ihre Gefühle, Erfahrungen und Gedanken in einer unterstützenden und einfühlsamen Umgebung zu teilen.
Die «normalen» Gottesdienste werden durch Mitglieder der Kirchgemeinden und die Pfarrämter der Region wöchentlich im Altersheim durchgeführt, zudem zweimal monatlich im Kastanienpark. Sie sind laut der Leiterin des Altersheims unter der Woche die meistbesuchte Veranstaltung des Altersheims.
Darüber hinaus prägen Mitglieder der Kirchgemeinde zusammen mit anderen Menschen guten Willens seit Jahren die werteorientierte Ortsentwicklung. Das habe ich in meinem entsprechenden Buch ausführlich thematisiert – auch mit Oberdiessbacher Beispielen2.
Kommen Sie doch selber vorbei
Vermutlich gibt es auch in Ihrer Kirchgemeinde Spuren von erwecklichen Erfahrungen in der lokalen Kirchengeschichte. Knüpfen Sie an diesem Reichtum an und arbeiten Sie mit anderen zusammen geduldig an der Wiederbelebung Ihrer Kirchgemeinde. Dies im Hören auf den Herrn der Kirche – Jesus Christus – und inspiriert vom Heiligen Geist, bzw., wenn Sie die dritte Person der göttlichen Dreieinheit in ihrer Weiblichkeit betonen wollen, von der Tochter Gottes3.
Wenn Sie mehr über unsere lokale Kirchengeschichte erfahren wollen, lade ich Sie gerne ein zur Vernissage der Broschüre «Die Kirche Oberdiessbach – ein Spaziergang durch die Kirchengeschichte». Sie findet am 13. Juni in der Kirche Oberdiessbach statt, von 19.00 bis 19.45 Uhr, gefolgt von einem Lobgottesdienst. Dies im Rahmen des kirchlichen Sommerfestes4, an dem Sie sich vorgängig verpflegen können. Herzlich willkommen!
2 «Wenn die Bevölkerung das Dorf entdeckt. Sieben Strategien für eine werteorientierte Ortsentwicklung – und was die Kirche dazu beitragen kann.» 2023, Bern, Berchtold-Haller-Verlag.
4 Eine Vorschau der Vernissage finden Sie auf unserer Website: https://www.insist-consulting.ch/agenda.html und weitere Infos zum Sommerfest auf der Website der Kirchgemeinde: www.kirche-oberdiessbach.ch

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