Mein Name ist Beni Bucher. Ich bin selber hier im Quartier Hirzenbach im Kreis 12 von Zürich aufgewachsen. Hirzenbach ist eines von drei Quartieren hier in Zürich-Schwamendingen. Mein ganzes Leben hat sich mehr oder weniger hier abgespielt. Ich bin hier in der Kirchgemeinde, also in der Reformierten Kirche Zürich Hirzenbach aufgewachsen, habe im lokalen Handballverein 20 Jahre Handball gespielt und Junioren trainiert und bin auch hier zur Schule gegangen.
Bis ich irgendwann einmal das Gefühl hatte, dass ich eigentlich weg von Schwamendingen wollte. Es gab hier nicht viel für junge Menschen. Es ist eher ein Quartier zum Schlafen und Wohnen, abgesehen von den Vereinen mit wenig Möglichkeiten für junge Menschen, etwas zu unternehmen. Das Quartier hat eine gute geographische Lage, ist nah am Wald, nah am Greifensee, man ist schnell in der Stadt, aber auch schnell am Flughafen.
Damals ging ich nach Neuseeland und arbeitete dort in meinem ersten Beruf als Landschaftsgärtner. Ausgerechnet dort hatte ich meinen Berufungsmoment für das Quartier. Ich hatte den Eindruck, ich solle nicht vom Quartier davonlaufen, sondern zurückkommen, mich selber investieren und zu einem lebendigen Quartier beitragen. Und das habe ich dann auch gemacht.
Der Traum
Ich startete mit einer Jugendarbeit in der Kirchgemeinde, während ich parallel noch Landschaftsarchitektur studierte. Der Wunsch, dort zu arbeiten, wo ich wohne und lebe, wurde in dieser Zeit immer grösser, immer stärker, und ich fragte mich, wie ich das machen könnte.
Ein Visions-Team unserer Kirchgemeinde träumte von einem Café im Quartier. Dieses Café sollte mehr sein als einfach ein kommerzielles Café, es sollte ein Ort sein, der wirklich Menschen zusammenbringt in eine Gemeinschaft hinein, wo sie aufblühen und wachsen können. Ich bot damals an, die Projektleitung zu übernehmen, obwohl ich keine Ahnung von Gastronomie hatte. Ich kannte nicht einmal den Unterschied zwischen einem Espresso und einem Café Crème. Dem Team reichte es, dass ich Herzblut fürs Quartier hatte, und so wurde ich 2014 von der Reformierten Kirche Zürich Hirzenbach für diese neue Aufgabe angestellt. Zuvor hatte ich schon Zivildienst geleistet in der Kirchgemeinde, aber das war nun das erste Mal eine Anstellung.
Ich wohne immer noch im Quartier, zusammen mit meiner Frau und meinen drei Jungs, und die gehen in das gleiche Schulhaus wie ich damals vor 30 Jahren. Ich habe gerne Neues und so wurde ich unterdessen von der reformierten Kirche angestellt als Ermöglicher sowie für Fundraising und Kommunikation.
Mehr als nur Kaffee trinken
COFFEE & DEEDS bedeutet Kaffee und Taten. Wir streben nach einem lebendigen Quartier mit einer tragfähigen Gemeinschaft. Das COFFEE & DEEDS lebt vom Engagement von über 110 aktiven Freiwilligen. Das Coffee ist eine schöne Plattform für verschiedene Deeds: Hier können verschiedene Taten entstehen und wachsen. Unsere Haltung ist, dass jede und jeder etwas zu geben hat, aber jede und jeder braucht auch irgendwo etwas, ist angewiesen auf andere Menschen.
Wir sind ein Café-Betrieb, der Dienstag bis Sonntag geöffnet hat, Donnerstagabend jeweils bis 22 Uhr mit Musik, Lesungen und Spielabenden. Die Stufe eins der Deeds ist, dass wir wenn immer möglich Zeit und ein offenes Ohr für unsere Gäste haben. Wir wollten so als Kirchgemeinde einen Schritt ins Quartier machen, um überhaupt zu hören und herauszufinden, was die Leute beschäftigt und was die Menschen im Quartier brauchen.
Das COFFEE & DEEDS wurde bewusst nicht im Kirchgemeindehaus eingerichtet, sondern auf der anderen Strassenseite, damit es möglichst einfach zugänglich war für die Menschen des Quartiers. Es sollte nicht nur für diese Menschen da sein, sondern ihnen die Möglichkeit bieten, sich selber einzubringen und neue Angebote, neue Formate zu realisieren.
Wir bieten heute auch niederschwellige Beschäftigungsmöglichkeiten und Jobcoachings an. Wir haben keine Leistungsvereinbarungen mit der IV oder dem RAV. Trotzdem sind bei uns Arbeitslose beschäftigt und Menschen, die nicht mehr im ersten Arbeitsmarkt tätig sein können. Es gibt Menschen mit Migrationshintergrund, die einfach die Sprache bei uns besser lernen möchten. Wir vermitteln Menschen auch an andere Stellen weiter, weil wir nicht alles selber lösen können, das ist nicht unser Anspruch.
Unser finanzielles Ziel ist, dass wir als Café-Betrieb selbsttragend sind. Allerdings ist die Deeds-Stelle bezahlt durch den Förderverein der Kirchengemeinde. Das könnten wir nicht über den Tagesbetrieb finanzieren. Es war uns von Anfang an wichtig, dass das Café schön gestaltet ist. Wir haben einen hohen Anspruch an die Gestaltung und an die Produkte und versuchen gleichzeitig, die Preise so niedrig wie möglich und damit quartierverträglich zu halten, um verschiedene Menschen zusammenzubringen.
Das passende Angebot für das Quartier
Während den Bautätigkeiten in den letzten 10 bis 15 Jahren wurden viele Häuser aus den 50er- und 60er-Jahren abgerissen und neu gebaut. Der neu entstandene Wohnraum ist nicht mehr so günstig wie der, der abgerissen wurde. Dadurch ist eine höhere soziale Diversität an Menschen im Quartier entstanden. Es gibt noch immer die Dreizimmerwohnung einer Genossenschaft aus den 60er-Jahren für 900 Franken pro Monat und daneben eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau, die 3000 Franken kostet. Logischerweise werden diese Wohungen nicht von Menschen aus dem gleichen sozialen Milieu bewohnt.
Unsere Backwaren – Torten, Kuchen, Brownies, Amaretti – werden alle von freiwilligen Mitarbeitenden produziert. Sie liessen ihre privaten Küchen vom Kantonalen Labor abnehmen, damit wir ihr Gebäck nachher im Café verkaufen dürfen. Ein spezielles Produkt sind die Scones, die von unserem Pfarrer vorproduziert und im Café fertig gebacken werden. Auch die Clotted Cream wird von uns selber hergestellt. Somit dürfen wir mit gutem Gewissen sagen, dass dies der einzige Ort in Zürich ist, wo man die Scones so original bekommt.
Man kann bei uns frühstücken und brunchen, und dies natürlich auch als ganze Gruppen für Geburtstage oder andere private Feiern. Wir sind im Quartier auch mit unserem Kaffeewagen unterwegs, dies an öffentlichen und privaten Anlässen. Dafür haben wir einen alten Postwagen umgebaut.
Unsere Deeds beinhalten verschiedene Angebote wie Deutschkonversation, Fachbegleitung, Lerncoaching, Englischkonversation, Schach mit Raffaello, ein Hebammen-Café, ein Eltern-Kind-Singen, ein Bibelentdecken und noch vieles mehr. Das ist ebenfalls einer unserer Leitsätze: Wir geben weiter, was wir täglich von Menschen und Gott geschenkt bekommen.
Durch eine Begegnung im COFFEE & DEEDS ist auch die Villa YoYo entstanden: ein öffentlicher Treff für Kinder im Quartier, der dienstags, mittwochs und donnerstags am Nachmittag geöffnet ist. Auch die Villa YoYo muss sich selber tragen. Das kann sie dank Spenden und Vereinbarungen mit der Stadt Zürich. Die Betreuung wird von Fachpersonen geleitet und durch das Mitwirken von Freiwilligen ergänzt.
Während der Corona-Pandemie ist aus der Villa YoYo heraus die Frauenoase entstanden. Die Leitung der Villa YoYo hatte während dieser Zeit festgestellt, dass die Mütter der Kinder sehr einsam waren. Und dies nicht nur während der Pandemie, sondern auch bereits zuvor. Die Frauenoase findet zweimal wöchentlich in der Villa YoYo statt und ist als niederschwelliger Zugang für Frauen im Quartier gestaltet.
Ein weiteres Projekt, das wir in den letzten vier Jahren realisieren und im Sommer 2025 einweihen durften, war ein Pumptrack. Er wurde gemeinsam mit dem Gemeinschaftszentrum Hirzenbach realisiert. Es war schön zu erleben, wie nach und nach mehr Menschen zu dieser Initiative stiessen und die verbliebene Finanzierungslücke von verschiedenen Institutionen, dem Gewerbe und Genossenschaften aus dem Quartier geschlossen werden konnte. Für den Pumptrack definierten wir den Leitsatz: bewegen und begegnen.
Zukunftspläne
Bereits im Jahr 2019 hatten wir den Wunsch, den Strassenbereich zwischen COFFEE & DEEDS, Villa YoYo und der Reformierten Kirche Zürich Hirzenbach zu einer Begegnungszone umzugestalten. Das braucht noch etwas Zeit. Aber aus der Initiative «Stadtgrün» konnte ganz pragmatisch Geld verwendet werden, um asphaltierte Bereiche zu entsiegeln und zu begrünen, und so wurde der Platz schon etwas freundlicher. In diesem Bereich gibt es auch eine Entsorgungsstelle, welche dank der Umgestaltung ansprechender wurde. Nun wird weniger Abfall liegen gelassen oder illegal entsorgt. Im Juni 2025 wurde dieser Platz von Simone Brander, Stadträtin von Zürich, während des Jubiläumsfests von COFFEE & DEEDS feierlich eröffnet. Das Motto des Stefansplatzes heisst: Mehr Grün für mehr Begegnung im Quartier.
Das grösste Projekt, das wir aktuell verfolgen, ist der Ersatzneubau der Stefanskirche zum Stefansviertel. Hier soll ein Ort des ganzheitlichen Lebens entstehen, mit Wohnen, Arbeit und Freizeit, Essen und Trinken und Spiritualität. Wir bauen nicht, weil wir uns verändern wollen, sondern wir bauen, weil wir uns verändern und unsere Vision mehr Platz und mehr Möglichkeiten braucht.
Ausserdem soll der Neubau zur finanziellen Nachhaltigkeit beitragen. Die Wohnungen sollen den Unterhalt des Gebäudes finanzieren und so für künftige Generationen tragfähig machen. Das Stefansviertel ist als Quartierprojekt gestaltet. Es soll aber auch ein Leuchtturmprojekt sein, das Modellcharakter für die ganze Stadt Zürich und darüber hinaus hat.
Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Formen des Zusammenlebens verändern sich, traditionelle soziale Strukturen verlieren an Stabilität, während gleichzeitig das Bedürfnis nach Orientierung, Gemeinschaft und Sinn deutlich zunimmt. Diese Entwicklung ist nicht abstrakt, sondern im Alltag vieler Menschen spür- und sichtbar. Das Stefansviertel setzt genau an dieser Stelle an: nicht als isoliertes Bau- oder Infrastrukturprojekt, sondern als konkrete, gelebte Antwort auf eine gesellschaftliche Herausforderung.
Kurz und gut: Alles was wir tun, zielt darauf ab, Raum für Begegnung und Gemeinschaft untereinander und mit Gott zu schaffen.

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