Die Bibel gilt als das meistverkaufte Buch der Welt. Warum ist das so? Roland Hardmeier nennt einen möglichen Grund: «Die Bibel ist ein literarisches Kompendium der Extraklasse und das einflussreichste Werk der Weltgeschichte1.» Sein Buch will die Hintergründe dazu geben. Er versucht mit seinem Werk, «ein 'Making of' der Bibel und eine Weltgeschichte» vorzulegen. Und zeigt dabei u.a. «inwiefern die uralten biblischen Schriften die Welt verändert und buchstäblich 'Weltgeschichte' geschrieben haben», insbesondere im Blick auf die Entfaltung von Weltbildern, Kulturen und Nationen. Der Autor fasst das gleich zu Beginn so zusammen: «Ohne die Bibel wäre die Welt nicht besser, sondern schlechter2.»
Bei der Entwicklung dieser These geht er davon aus, dass die Bibel vielfältig und trotzdem eine Einheit ist; sie ist tief und bleibt ein Geheimnis: «Menschenwort und Gotteswort in einem. Sie ist wie Wasser, Dampf und Eis: dasselbe und doch unterscheidbar. In den biblischen Schriften bezeugen Menschen ihren Glauben. ... In diesem menschlichen Zeugnis meldet sich nach christlicher Überzeugung Gott selbst zu Wort. ... Der Geist Gottes haucht den Worten der Bibel Leben ein3.»
Roland Hardmeier ist sich bewusst, dass man mit der Bibel auch Unfug treiben kann, etwa indem man Texte aus dem Zusammenhang reisst und sie dazu missbraucht, Macht auszuüben. Was es heisst, mit der Bibel sorgfältig, präzise und zugleich vertrauensvoll umzugehen, zeigt das vorliegende neue Buch.
In 7 Teilen und 70 Kapiteln durch die 70 Bücher der Bibel
Das Buch startet mit der Tora – mit den fünf Büchern Mose. Es sei «das einflussreichste literarische Werk des Alten Orients»4. Ohne die Tora würde es das Neue Testament nicht geben, zudem weder das Judentum, das Christentum und die westliche Welt, wie wir sie kennen. Wie Roland Hardmeier etwa durch den Pentateuch – das fünfte Buch Moses – führt, hat er bei uns kürzlich vorgestellt5.
In einem zweiten Teil kommen die Geschichtsbücher des Alten Testaments zum Zuge, welche die grossen Linien der Geschichte Israels zeigen: von den Glaubensvätern zur Zeit der ägyptischen Pyramiden bis zum babylonischen Exil und der Entstehung des Judentums im 6. Jahrhundert vor Christus. Linien mit manchen problemvollen Geschichten. Diese ungeschminkte Wahrheit sei wichtig, betont der Autor. «Die Geschichtsbücher legen ... zusammen mit der Tora die Basis für eine Entwicklung, die auf die Überwindung von Gewalt und Ungerechtigkeit abzielt6.»
In Teil drei geht es um die weisheitlichen Bücher Hiob, Sprüche, Prediger, Hoheslied, zusammen mit den Psalmen. «Mit ihnen tauchen wir in die kreativste Epoche der Bibel ein und begegnen Songwritern, Dichtern, Philosophen und Weisheitssuchern7.» Diese Schriften behandeln ähnliche Themen wie andere antike Kulturen, die biblische Weisheit sei aber tiefer, wuchtiger und schöner, sagt der Autor.
Im vierten Teil kommen die Propheten zu Wort. Nun stürze man «nach der hellen Epoche der Weisheit in ein dunkles Zeitalter voller Aberglauben, kriegerischer Auseinandersetzungen und politischer Schlammschlachten». Es geht um die Auseinandersetzung zwischen Hofpropheten, die «in Krisenzeiten lauter gute Nachrichten verbreiten, welche die Leute gerne hören»8 und den Propheten Gottes, welche diese «Deepfakes» aufdecken. Sie seien «Wächter für den Glauben, Anwälte der Armen, Fürbitter für die Nation». ... Überzeugt wie Martin Luther, poetisch wie William Shakespeare, hartnäckig wie Nelson Mandela.»
Teil fünf führt mit den vier Evangelien in die Zeit des Neuen Testamentes. Es bestätige laut dem Autor das Alte Testament und enthalte gleichzeitig viel Neues. «So viel, dass die alten Schläuche des Judentums den neuen Wein der Lehre Jesu nicht fassen können und es zum Konflikt zwischen den Juden und den Jesusnachfolgern kommt9.» Die Evangelien seien eine literarische Gattung für sich, «fundamental anders als alles bisher Dagewesene». Die antiken Epen seien seien kunstvolle Dichtung, «die Evangelien jedoch faktenbasiert». Mit Jesus trete «Gott selbst in die Geschichte ein10.»
In Teil sechs kommen dann die neutestamentlichen Briefe und die Apostelgeschichte zur Sprache. Und damit vorerst die Zeit der ersten Liebe: «Die Jesusnachfolger lieben einander und teilen ihren Besitz11.» Zwanzig Jahre nach Jesu Himmelfahrt sei dann aber ein Krisengipfel in Jerusalem nötig gewesen. Die junge Kirche sei die einzige Gemeinschaft der Antike gewesen, «in der echte Diversität herrscht». Sie sei beinahe Opfer ihres Erfolgs geworden und an ihren Unterschiedlichkeiten zerbrochen. Der Gipfel habe in einen Kompromiss gemündet. «Die Briefe ... geben einen Einblick in die innere Dynamik der expandierenden Bewegung», in die immer mehr Griechen und Römer eingetreten seien, darunter «auffallend viele emanzipierte Frauen».
Der siebte und letzte Teil des vorliegenden Buches befasst sich schliesslich mit der Wirkung der Bibel auf die westliche Welt. Dabei geht es um das römische Staatschristentum, Reformation und Gegenreformation, Aufklärung und die u.a. durch das Christentum ausgelösten sozialen Reformen.
Ein wichtiges Buch für die heutige Zeit
Heute seien wir in Europa daran, uns unserer christlichen Wurzeln zu entledigen, schreibt Roland Hardmeier. «Moral gibt es noch, aber sie hat ihren transzendenten Bezug verloren. Was der Mensch ist und wozu er existiert, schrumpft auf seine immanenten Möglichkeiten zusammen12.» Das sei zu wenig, um eine solidarische Gesellschaft zu bauen, schreibt der Autor. Deshalb sei es wichtig, die zeitlose Botschaft der Bibel zu verstehen, sie aufmerksam zu lesen, die Texte auf sich wirken zu lassen, sich von offenen Fragen nicht abhalten zu lassen und neu staunen zu lernen.
Nur schon dieser kurze Blick auf die Einführung zu diesem Buch zeigt seinen Wert: Mit aktuellen Bezügen und seiner heutigen Sprache lädt es dazu ein, das Buch der Bücher wieder aus dem Schrank zu holen und im Original zu lesen. Wir sind Teil dieser neuen alten Geschichte und sollten uns nicht scheuen, mit alltäglichen Handlungen, inspiriert vom Glauben an den dreieinen Gott, an dieser Geschichte weiterzuschreiben. Unsere Welt hat unser integriertes Christsein dringend nötig.
1 Seite 11
2 Seite 12
3 Seite 16
4 Seite 17
6 Seite 19
7 Seite 20
8 Seite 21
9 Seite 22
10 Seite 23
11 Seite 24
12 Seite 26

Schreiben Sie einen Kommentar