Bibel: Versöhnung – von Angesicht zu Angesicht 

Theologische Begriffe sind oft abstrakt. Das Alte Testament kann uns dabei helfen, dass Abstraktes konkret wird. So zum Beispiel zur Frage, was Versöhnung bedeutet. Davon handelt die Geschichte des Streites zwischen Jakob und Esau. Ein Schlüsselwort in der Erzählung ist das Angesicht.

(Lesezeit: 9 Minuten)

Grundlegend zum Verständnis sind die drei folgenden Texte aus 1. Mose 32 und 33:

«Versöhnen will ich sein Angesicht mit dem Geschenk, das vor meinem Angesicht hergeht. Danach erst will ich sehen sein Angesicht. Vielleicht erhebt er mein Angesicht1

«Und Jakob nannte den Ort Pnuël, denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und doch wurde mein Leben gerettet2

«Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen3

(Bild von Kingrise auf Pixabay)

Der Ältere wird dem Jüngeren dienen

Schon im Mutterleib wird über den Zwillingen Esau und Jakob ausgesprochen: «Der Ältere wird dem Jüngeren dienen»4. Schon im Mutterleib kämpfen Esau und Jakob um den Segen des Erstgeborenen. Jakob packt Esau an der Ferse und wird damit zum «Fersenhalter». Wäre er erfolgreich, wäre er der Ältere und hätte den Orakelspruch gegen sich.

Von nun an strebt Jakob danach, ihn zur Erfüllung zu bringen. Er kauft dem fast verhungerten Esau das Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht ab. Mithilfe seiner Mutter Rebekka täuscht er den blinden Vater Isaak, als der über Esau den Erstgeburtssegen aussprechen will. So segnet Isaak Jakob, den er für Esau hält, und spricht: «Sei Gebieter für deinen Bruder und niederbeugen sollen sich vor dir die Brüder deiner Mutter!»5.

Jakob ist nun rechtmässig Herr über seinen älteren Bruder, der ihm zu dienen hat. Er hat nach der Herrschaft gestrebt und er hat die Herrschaft erlangt. Doch Esau denkt nicht daran, Jakob zu dienen. Er will Jakob töten. Jakob bleibt nur die Flucht nach Haran. Er verlässt das verheissene Land, kehrt zurück in die Stadt Haran, aus der sein Grossvater Abraham ausgezogen war. Als er das verheissene Land verlässt, geht die Sonne unter6.

 

Der betrogene Betrüger lernt zu dienen

Die Zeit in Haran zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus: Erstens wird Jakob mit den gleichen Tricks betrogen, die er selber gegen Esau angewandt hatte. Jakob hatte sich als der Ältere verkleidet. Er möchte die jüngere Tochter Rahel heiraten, doch die ältere Tochter Lea verkleidet sich als die Jüngere. Erst nach vollzogener Hochzeit bemerkt Jakob den Betrug. Süffisant sagt sein Onkel Laban: «Es ist nicht Sitte an unserem Ort, dass man die Jüngere vor der Erstgeborenen gibt7.» Zweitens muss Jakob, der herrschen wollte, lernen zu dienen: Sieben Jahre dient er um Lea, sieben weitere Jahre um Rahel und danach noch sechs Jahre, um sich einen eigenen Besitz zu verdienen. Als Erstgeborener Isaaks hätte er den Besitz des Vaters geerbt. Doch weil er eigenmächtig die Verheissung erfüllen wollte, ist er nun ohne Besitz und ohne Erbe im Ausland und muss sich selber ein Vermögen erarbeiten. Er, der herrschen wollte, muss zwanzig Jahre lang dienen.

 

Der betrogene Betrüger bekehrt sich nicht

Wer aber denkt, dass diese Lektion Jakob zu einem anderen Menschen macht, täuscht sich. Er trickst und betrügt munter weiter. Dies wird nicht nur deutlich daran, wie er mehrfach seinen Onkel Laban reinlegt, sondern vor allem auch daran, wie er reagiert, als er bei seiner Rückkehr erfährt, dass sein Bruder Esau ihm mit vierhundert Mann entgegenzieht. Es geht ihm vor allem darum, seine eigene Haut zu retten. Er will Esau mit einem Geschenk bestechen: «Versöhnen will ich sein Angesicht mit dem Geschenk, das vor meinem Angesicht hergeht. Danach erst will ich sehen sein Angesicht. Vielleicht erhebt er mein Angesicht8.» Das Schlüsselwort des Angesichts wird hier eingeführt. Versöhnung bedeutet, dass zwei Menschen sich wieder ins Angesicht, in die Augen, sehen können. Der, der schuldig geworden ist, schämt sich und schaut zu Boden. Sein Angesicht muss erhoben werden. Der, an dem die Schuld getan wurde, hat sein Angesicht abgewandt oder zugedeckt. Für Versöhnung müssen sich beide Angesichter einander zuwenden.

Jakob teilt sein Lager in zwei Gruppen, die er vorausschickt: «Wenn Esau über das eine Lager kommt und macht es nieder, so wird das andere entrinnen9.» In welches Lager er Lea und in welches er Rahel schickt, ist leicht zu erraten. Das erste Lager geht voraus, es folgt das zweite. Jakob aber geht nicht mutig voran, sondern er versteckt sich zuhinterst: «Er blieb allein zurück10

Das Angesicht Gottes und Jakobs Bekehrung

Mit all seiner List bereitet Jakob sich darauf vor, Esau zu begegnen. Doch als er seine beiden Familiengruppen mit allem Besitz vorausgeschickt hat und allein zurückbleibt, begegnet er jemand anderem: «Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach11.» Der Mann kann Jakob nicht überwinden. Er verletzt Jakobs Hüfte und fordert ihn auf, ihn gehen zu lassen. Jakob aber will ihn nicht gehen lassen, wenn er ihn nicht zuerst segnet. So fragt der unbekannte Mann: «Was ist dein Name?» Und Jakob antwortet: «Jakob». Martin Buber hat kommentiert, dass Jakob mit seinem Namensbekenntnis («Fersenhalter») zugleich ein Schuldbekenntnis ablegt. Und jetzt nimmt der unbekannte Mann den Schuldnamen von ihm: «Du sollst nicht mehr Jakob heissen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.» Nicht in den zwanzig Dienstjahren in Haran, sondern in der Begegnung mit dem Angesicht Gottes bekehrt sich Jakob und bekommt eine neue Identität. Nachdem der Mann Jakob gesegnet hat und verschwunden ist, nennt Jakob den Ort Pnuël – «Angesicht Gottes»: «Denn ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und doch wurde mein Leben gerettet12.» Verschiedene Ausleger haben darauf hingewiesen, dass in der Logik der Erzählung Jakob glauben muss, dass er mit Esau ringt, bis er in seinem Gegner Gott selbst erkennt. Die Begegnung mit Esau wird im Kampf mit Gott gleichsam vorweggenommen. Als Jakob Pnuël verlässt, geht ihm die Sonne auf13; seine Verletzung aus dieser Begegnung wird ihn das Leben lang begleiten.

 

Versöhnung – von Angesicht zu Angesicht

Vor der Begegnung mit Gott hat sich Jakob hinter seiner Familie und hinter seinem Besitz versteckt. Doch jetzt geht er vor ihnen her und verneigt sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kommt14. Esau rennt ihm – wie im Gleichnis der Vater dem verlorenen Sohn – entgegen, fällt ihm um den Hals, küsst ihn und weint. Als Esau Jakob nach seiner Familie fragt, antwortet er: «Es sind die Kinder, die Gott deinem Diener geschenkt hat15.» Und als er ihn nach seinen Herden fragt, antwortet Jakob: «Dass ich Gnade fände vor meinem Herrn16.» Jakob, dem zugesagt wurde, dass er über seinen Bruder Gebieter sein werde und dass seine Brüder sich vor ihm verneigen werden, verneigt sich vor ihm nicht nur siebenmal zur Erde, sondern spricht ihn als Herrn an und nennt sich seinen Diener. Esau aber sagt zu Jakob: «Mein Bruder! Behalte, was du hast17

Und Jakob sagt:  «Nicht doch! Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, dann nimm mein Geschenk aus meiner Hand! Denn ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht, und du hast mich freundlich angesehen. Nimm doch meinen Segen, der dir gebracht worden ist, denn aus Gnaden hat es mir Gott geschenkt18

Wir erfahren nicht, was in Esau vorgegangen ist, wir erfahren aber, was von Jakobs Seite notwendig war, damit Versöhnung geschehen konnte: Er musste in seinem Bruder das Angesicht Gottes erblicken. Dies hat es ihm ermöglicht, über seinen Bruder nicht mehr herrschen zu wollen, sondern bereit zu sein, ihm zu dienen. Die Verheissung konnte sich für Jakob nur erfüllen, wenn er davon abliess, sie erzwingen zu wollen. Da, wo Jakob zum Gegenteil der Verheissung bereit ist (wie Abraham, als er bereit ist, Isaak zu opfern), beginnt sie sich zu erfüllen. Zugleich erkennt Jakob, dass das, was er Esau schenkt, nicht «sein Geschenk» ist, sondern «sein Segen», den er «aus Gnaden von Gott» empfangen hat. Der Erstgeburtssegen ist nicht dafür da, um ihn für sich zu behalten, sondern um ihn weiterzugeben.

 

1 1. Mose 32,21

2 32,31

3 33,10b

4 25,23

5 27,29

6 28,11

7 29,26

8 32,21

9 32,9

10 32,25a

11 32,25b

12 32,31

13 32,32

14 33,3

15 33,5

16 33,8

17 33,9

18 33,10-11

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