Im Jahr 1964 schlenderte der US-Philosoph Arthur Danto durch eine Galerie in New York und stand vor Holzkisten, die exakt aussahen wie die Versandkartons von Brillo-Seifenpads. Andy Warhol hatte sie dort gestapelt. Was unterscheidet einen Alltagsgegenstand von einem Meisterwerk?
Von Aboutness …
Wenn zwei Dinge völlig identisch aussehen, das eine aber im Supermarktregal verstaubt und das andere für Millionen im Museum steht – wo liegt dann der Unterschied? Die Begegnung mit Warhols Kisten revolutionierte Dantos Denken. Seine Antwort war eine radikale Behauptung: Es ist das Prinzip des «Über-etwas-Seins» (Aboutness). Ein gewöhnlicher Gegenstand existiert nur. Er erfüllt einen Zweck oder nimmt Platz weg. Ein Kunstwerk dagegen besitzt immer einen semantischen Gehalt. Es will etwas mitteilen.
Den Unterschied könnte man so zusammenfassen:
1) Die echte Seifenkiste im Lager hat Ware transportiert. Wie ein stummer Karton. Sie hat keine Idee transportiert.
2) Die sprechende Box Warhols hingegen reflektiert die Konsumkultur und hinterfragt so auch die Grenzen der Kunst selbst.
3) Erst durch die Intention des Künstlers und die Interpretation des Publikums entsteht der Wert dieses Gegenstandes. Dabei geht es auch um den Geist des Betrachters.
... zu Nothingness
Lässt sich dieser Ansatz auch auf die zeitgenössische Kunst übertragen, die wir heute in Museen oder in Kunst-Messen sehen? Die diesjährige Eröffnung der Biennale von Venedig hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Einerseits führte die politisch motivierten Kontroversen um die Teilnahme bzw. Eröffnung des russischen und des israelischen Pavillons die Jury dazu, geschlossen zurückzutreten, sodass es keine Preisverleihung geben wird. Andererseits ist es das Streben nach Qualität – im weiteren Sinne nach Originalität und Bedeutung –, das die kritische Öffentlichkeit gespalten hat.
Ein Beispiel für starke Dissonanzen ist der österreichische Pavillon, welcher der Performancekünstlerin und Choreografin Florentina Holzinger anvertraut wurde. In einer Reihe von Performances im viel diskutierten Projekt «Seaworld Venice» versucht die Künstlerin, das fragile Gleichgewicht zwischen Leben, Konsum und Natur anhand des Elements Wasser hervorzuheben. Diese Performances sind nicht frei von Provokation, Skandal und Schmerz.
In einer davon befindet sich die sogenannte «menschliche Glocke»: Eine Glocke, die an einem Kran befestigt und hochgezogen wird. Die Performerin im Inneren der Glocke wird, nackt und kopfüber hängend, als lebender Glockenklöppel benutzt. Auf dem Biennale-Gelände verkündet die Performerin die Zeit und den Schmerz eines lebenden Körpers, der gleichzeitig auch als Skulptur dient. Die sakrale Funktion des Objekts verliert ihre Identität angesichts des nackten, ungeschminkten Körpers, der unter den neugierigen und/oder unverblümten Blicken des Publikums gewaltsam bewegt wird.
Die Tradition
Die Kühnheit und Brutalität der Performances der österreichischen Künstlerin und Choreografin finden ihren Ursprung in der Tradition der österreichischen Kunst, insbesondere wenn man an die Bewegung der Wiener Aktionisten in den 1960er-Jahren denkt.
Schon damals hatte die Gruppe, bestehend aus Otto Muehl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus, das Publikum durch ihre Radikalität und explizite Gewalt beeindruckt und schockiert. In diesem Sinn kann man sagen: «Sie nutzten ihre Werke, um Tabus zu brechen, oft illegale und manchmal abstossende Aussagen zu treffen, die ihre heftige Unzufriedenheit mit der ihrer Meinung nach spiessigen, bürgerlichen Regierung und Gesellschaft im Österreich der Nachkriegszeit zum Ausdruck brachten1.»
Das gilt auch für Florentina Holzinger, die mit körperlicher Ausdauer und Grenzüberschreitung experimentiert, um die auf verschiedenen Ebenen wahrgenommene und/oder erlittene Macht auf der Ebene des physischen Körpers greifbar zu machen.
Worum geht es hier eigentlich?
Worum geht es eigentlich, wenn wir als Betrachter heute Kunst – in all ihren Formen – wahrnehmen oder konsumieren? Die naheliegendste Frage betrifft die inhaltliche Bedeutung des Werks, sei es ein Musikstück, ein Gemälde oder eine Theateraufführung. Wie können wir unter Anwendung von Dantos Prinzip die «Aboutness» eines Kunstwerks definieren?
Die gleiche Frage gilt auch für diejenigen, die Kunst produzieren: Was versuchen wir durch den Einsatz unserer Fantasie und die Arbeit unserer Hände zu verstehen? Wie finden, bzw. wie geben wir einem Kunstwerk, einer Performance oder einem Song Sinn?
Zum Schluss sollten wir nicht vergessen, woher wir kommen – sowohl in geistlicher als auch in kultureller Hinsicht. Jeder Künstler, jede Künstlerin und jeder kreative Mensch ist Teil eines Systems, das wir auch als Kultur bezeichnen. Als Christ, der in einer gefallenen und damit unvollkommenen Welt lebt, möchte ich mit einem Zitat des Gospelmusikers Andraé Crouch schliessen, in der Hoffnung, dass dies uns alle ermutigen möge, auch inmitten des Leids mit Freude kreativ zu bleiben.
«Kultur ist das, was wir aus der Welt machen. Kultur ist in erster Linie die Bezeichnung für unser unermüdliches, rastloses menschliches Bestreben, die Welt, so wie sie uns gegeben ist, zu nehmen und etwas anderes daraus zu machen [...]. Kultur ist auch das, was wir aus der Welt machen, im tieferen Sinne des Wortes. Wenn uns eine Szene in einem Film oder der Text eines Liedes verwirrt, fragen wir unsere Freunde: «Was hältst du davon?» Wir bitten unsere Freunde dabei normalerweise nicht, eine neue Szene zu schreiben oder einen neuen Text zu singen – wir verlangen keine weitere Schöpfung. Wir meinen: Welchen Sinn entnimmst du dem Ganzen? Wir bitten um eine Interpretation … Bedeutung und Gestalten gehen Hand in Hand – Kultur, so könnte man sagen, ist die Tätigkeit, Bedeutung zu schaffen2.»
1 https://www.theartstory.org/movement/viennese-actionism/ (Stand 18.08.2026)
2 Andraé Crouch: Culture Making. Recovering our creative calling. In: Colin Harbinson: Stone by Stone. The church, the artist and cultural restoration, S. 19

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