Mobilität: Reisen im Sommer – ein Ärgernis und eine Horizonterweiterung 

Wenn ich mal Ferien habe, bleibe ich zuhause. Ich geniesse es, nicht reisen zu müssen. Das muss ich schon zur Genüge für meinen Beruf als Weltraumforscher. Diesen Sommer beispielsweise musste ich im Juli an ein Arbeitsmeeting in Princeton (USA) fliegen. Sechs Tage nach der Heimkehr fuhr ich mit dem Zug an eine Weltraumkonferenz in Florenz.Was bringt diese Reiserei im Sommer überhaupt?

(Lesezeit: 10 Minuten)

Über die Weisheit, eine Konferenz auf die statistisch gesehen heisseste Zeit des Jahres in der Toskana anzusetzen, kann man geteilter Meinung sein. Es könnte aber ein durchdachter Schachzug der Konferenzleitung gewesen sein: Wenn man tagsüber aus dem heruntergekühlten Konferenzgebäude heraustrat, traf einen die Wucht der Mittagshitze von 38° bis 40° C – im Schatten! – in der Innenstadt von Florenz mit einer solchen Wucht, dass man es sich zweimal überlegte, ob man die Nachmittagsvorträge schwänzen und sich stattdessen die Uffizien oder eines der anderen Museen anschauen wollte. 

(Bild von G.C. auf Pixabay)

Das leidige Thema Flugreisen

Ich kenne kaum einen Forscher oder eine Physikerin in meinem Alter, die Berufsreisen mögen. Es ist ein notwendiges Ärgernis. Klar, es gehört dazu, man muss die eigene Forschung präsentieren, das Institut an internationalen Gremien vertreten und Kollegen treffen; aber das Problem beim Reisen sind Zeit, Geld und die Umweltfolgen.

Jede Woche Konferenz bedeutet eine Woche, in der man kaum Zeit hat, in Ruhe an den eigenen Forschungsprojekten zu arbeiten. Oft kommen dazu noch der Jetlag, wenn die Konferenz in einer anderen Zeitzone stattfand und weiterer Reiseverdruss, so dass Reisen schwer auf die Produktivität und manchmal auf die Gesundheit schlagen kann.

Ein konkreter Fall bei mir sah so aus, dass ich am Sonntagabend mit mehreren Stunden Verspätung heimkehrte und dann am Montagmorgen übernächtigt zurück ins Büro wanken musste. Das Geldproblem versteht sich von selbst: Eine ganze Woche Konferenz kommt das Institut mit Hotel und Reisekosten und Konferenzgebühren und allem weiteren Drum und Dran rasch auf mehrere tausend Franken zu stehen, selbst wenn die Konferenz in Europa stattfindet. Das ist ein Kostenpunkt für Universitäten in der Schweiz. Für Teilnehmende aus Entwicklungsländern ist es oft ein unüberwindliches Hindernis. Und dann ist da noch der Einfluss der Reisen auf die Umwelt. Die durch die Mobilität allgemein verursachten Treibhausgase tragen einen wesentlichen Anteil zur Klimakrise bei, die wir diesen Sommer in Europa (gerade auch in Florenz) am eigenen Leib zu spüren bekommen haben.

 

Was tut die Universität Bern?

In diesem Zusammenhang will ich unsere Philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Bern lobend erwähnen. Die Roadmap Klima 2030 ist in den letzten Runden der Beratung (1) (https://klima.unibe.ch/roadmap_klima_2030/index_ger.html) und sieht nach dem jetzigen Stand vor, die CO2-Emissionen aller Aktivitäten unserer Forschungsabteilungen «um 10% pro Jahr über den Zeitraum von drei Jahren» zu reduzieren. Den Gesamtausstoss reduzieren heisst für uns vor allem: Reduktion der Flugreisen. Im Jahr 2024 machten die Dienst-Flüge über 60% der Treibhausgasemissionen sämtlicher Aktivitäten der Universität Bern aus (2)! https://klima.unibe.ch/unibe/portal/microsites/micro_klima/content/e1561437/e1804141/e1785912/e1786106/Treibhausgasbericht2024derUniversitaetBern_ger.pdf

 

Was das Reisen bringt

Heisst das also einfach nicht mehr an Konferenzen fliegen? Das wäre gut für die Umwelt, schonend für die Nerven und fürs Portemonnaie – und das effizienteste Mittel zum Erreichen der Roadmap Klima 2030. Ich tue bereits mein Möglichstes und vermeide Dienst-Flugreisen soweit es nur geht. Privat bin ich seit 15 Jahren nicht mehr geflogen. Aber Konferenzen in den USA oder Ostasien auf dem Landweg zu erreichen, das bleibt, sagen wir einmal, herausfordernd. Oder man führt Telekonferenzen durch (bei uns nur Telecon genannt) statt in der Welt herumzujetten, schliesslich sind wir im 21. Jahrhundert.

Was kann die persönliche Begegnung oder der persönliche Reiseeindruck, was eine Telecon oder eine e-Mail nicht kann? Ich sah in diesem Sommer drei Gründe für berufliche Reisen und für Treffen vor Ort in Person: Wir konnten die Details unserer Forschung viel detaillierter und verständlicher besprechen und Missverständnisse, die durch Fernkommunikation entstehen können, minimieren. Wir konnten Berufliches, aber auch Persönliches, besprechen, was wir per Mail einander nie und nimmer geschrieben hätten. Und es gab das Unvorhergesehene: Indem wir abends oder in der Pause mit Kollegen zusammensassen und diskutierten, kamen wir auf neue Ideen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die wir gar nicht geplant hatten und in einer Telecon nicht möglich gewesen wären. Und dann kam es an der einen Konferenz sogar zu einer Versöhnung zwischen verschiedenen Forschern und Gruppen, die sich vor zehn Jahren zerstritten hatten. Solche Dinge sind nur möglich, wenn man reist und sich mit anderen Menschen trifft.

 

Was mich sonst noch beschäftigt und beeindruckt hat an der Konferenz in Florenz

Die Schönheit und die Hitze in der Innenstadt von Florenz im August habe ich bereits angedeutet. Ich bin ein harter Langstreckenläufer, aber ohne eine laufende Klima-Anlage im Hotelzimmer wachte ich jeweils mitten in der Nacht schweissgebadet auf.

Was mich auch beeindruckte waren die Vorträge rund um Satelliten und die durch sie eröffneten Möglichkeiten – und Umweltprobleme. Ja, es gibt auch Umweltprobleme im Weltall. Eines davon ist der sogenannte Weltraumschrott in der Erdumlaufbahn. Die Zahl der in den Umlauf beförderten Satelliten nimmt Jahr zu Jahr rasant zu, insbesondere von Satelliten kommerzieller Anbieter für die Telekommunikation. Sind zu viele Satelliten im Umlauf, steigt die Gefahr von Kollisionen, welche die Weltraumfahrt für alle Teilnehmer unsicher machen. Und um alte Satelliten ordnungsgemäss aus dem Verkehr zu ziehen, muss man sie meist in der Erdatmosphäre verglühen lassen. Dies kann wiederum zu Problemen in den höheren Schichten der Atmosphäre führen, welche die Forschung noch nicht genau einschätzen kann. Ein Vertreter der Europäischen Weltraumorganisation (European Space Agency, ESA) legte dar, dass wir den vorhandenen Platz in der Erdumlaufbahn ums Vierfache übernutzen – schon vor zehn Jahren und auch heute. Zwar wurden im letzten Jahrzehnt Fortschritte im Bereich Technologie und Regulierung erzielt, doch wurden diese zunichte gemacht durch den rapiden Anstieg der Anzahl Satelliten. Parallelen zum stagnierenden, aber leider kaum sinkenden CO2-Ausstoss des Schweizer Strassenverkehrs (https://www.srf.ch/news/schweiz/co-bilanz-der-schweiz-co-ausstoss-im-verkehr-sinkt-weiter-aber-nicht-genug) sind unübersehbar. Als Reaktion empfahlen mehrere Kommissionen des wissenschaftlichen Komitees, das die Konferenz organisierte (3) COSPAR, https://cosparhq.cnes.fr/), der zuständigen UNO-Kommission,  den Zugang zum Erdorbit – insbesondere zum Low Earth Orbit, wo die meisten Telekommunikationssatelliten sind – zu regulieren, damit der Zugang zum Weltall längerfristig für alle gesichert bleibt.  

Schliesslich warf auch diese Konferenz wieder die Frage nach einer umweltkompatiblen und gerechten Mobilität auf: Ein nigerianischer Professor, der in unserer Session zum Thema Zugang zum Weltall für Entwicklungsländer hätte reden sollen, konnte sich die Konferenz mit Anreise und Hotel und Gebühren selbst mit einem Teilstipendium schlicht und einfach nicht leisten. Hybride Konferenzen, die auch eine online-Teilnahme ermöglichen, sind technisch schwieriger und von manchen persönlich Anwesenden weniger gern gesehen, aber man sollte die Option anbieten. Aus Gründen der Gerechtigkeit und der Umwelt.

Der aktuelle Hitzesommer wird, wenn wir mit den Treibhausgasemissionen so weitermachen wie bisher, in 20 Jahren der Normalzustand in der Schweiz sein (siehe Figur mit gemessenen und berechneten Temperaturverläufen auf  https://www.meteoschweiz.admin.ch/klima/klimawandel/steigende-temperaturen.html für das Szenario SSP5-8.5)

Dieser Sommer hat es uns erneut vor Augen geführt: Wir müssen unsere Treibhausgasemissionen schneller reduzieren. Das heisst einfach ausgedrückt: Schluss mit dem Verbrennen von Öl, Benzin, Erdgas und Kohle. Das gilt auch fürs Reisen. Anpassungen an ein heisseres Klima mit häufigeren Wetterextremen sind auch wichtig, aber werden alleine nicht ausreichen, um grössere Umweltzerstörungen, unbezahlbare Schäden und Ungerechtigkeiten abzuwenden. Diese Klimamassnahmen müssen nicht nur von Einzelpersonen, sondern auch von der ganzen Gesellschaft und der Politik getroffen werden. In der Schweiz kommt hier etwa die Mobilitätsbon-Initiative (5) (https://www.mobilitaetsbon.ch/de) zum Zug: Diese strebt einen verursachergerechten Preis für Flugreisen aus der Schweiz an. Wenn man die durchs Fliegen verursachten Klimaschäden (z.B. Ernteausfälle durch Dürre, Schäden durch Waldbrände und Erdrutsche, Verteuerung des Warentransports wegen unschiffbaren Flüssen) müsste ein Flugticket wesentlich teurer als ein Bahnbillet sein. Das so eingenommene zusätzliche Geld soll daher in den Zugverkehr investiert werden.  

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