Stadt gegen Land?

Unser Kolumnist kennt Stadt und Land aus eigener Erfahrung. Das sind tatsächlich unterschiedliche Lebensräume. Dasselbe gilt auch für verschiedene Landregionen. Da können sich Gräben öffnen. Der Beitrag zeigt, was es braucht, um sie zu überbrücken.

(Lesezeit: 5 Minuten)

Während der ersten Schulferienwoche wechselten meine Frau und ich uns darin ab, eine unserer Töchter von unserem Wohnort im Emmental mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Berner Lorrainequartier zu begleiten. Unsere naturwissenschaftlich interessierte Tochter besuchte einen Workshop bei Frau Mint, einer Soziologin und Medienwissenschaftlerin, die seit zwanzig Jahren in der Kinder- und Jugendförderung tätig ist. Die Kursleiterin hat sich auf eine gezielte Förderung der Kompetenzen in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) spezialisiert. Gemäss ihrem Label setzt sie bewusst auf eine geschlechtergerechte Bildung und die Förderung von Talenten beider Geschlechter, sodass bei ihren Kursen jeweils gleich viele Plätze für Mädchen wie Jungen angeboten werden.

 

(Bild von Mircea Iancu auf Pixabay) 

Unterschiede wahrnehmen

Mittlerweile ein «Landei» geworden, das aus beruflichen Gründen vor über zehn Jahren mit Kind und Kegel aus der Region Bern ins tiefe Emmental gezogen ist, sind für mich seither Fahrten in die Stadt immer wieder eine spannende Erfahrung. Als in der kirchlichen Kommunikation tätiger ausgebildeter Sozialarbeiter, Vater dreier Kinder im Jugendalter und Ressortvorsteher einer regionalen Schulorganisation mit rund 700 Schülerinnen und Schülern, bin ich kein typischer Verfechter des sogenannten Stadt-Land-Grabens.

Es liegt mir fern, einen solchen Graben hochzustilisieren oder gar aktiv zu kultivieren. Gleichwohl lassen sich gewisse Differenzen bezüglich unterschiedlicher Lebensrealitäten nicht von der Hand weisen. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich vor zwei Jahren meine langjährige berufliche Tätigkeit in der Bundeshauptstadt an den Nagel hängen. Der Kursbesuch unserer Tochter bot mir nun die Gelegenheit, wieder einmal regelmässig nach Bern zu fahren. Er führte mir vor Augen, wie unterschiedlich gesellschaftliche Fragen je nach Lebensumfeld wahrgenommen und diskutiert werden.  

Seit meinem Stellenwechsel arbeite ich nicht mehr in einer urbanen Umgebung, sondern – vergleichbar mit meiner Emmentaler Wohngemeinde – in einem ländlich geprägten Umfeld im Luzerner Hinterland. Interessanterweise bestehen trotz der landschaftlichen und räumlichen Nähe auch zwischen diesen beiden Regionen – dem Emmental und dem Luzerner Hinterland – bedeutsame Unterschiede hinsichtlich des sozialen und kulturellen Zusammenlebens. Bei gesellschaftspolitischen Diskussionen, insbesondere auch im Vorfeld von eidgenössischen Abstimmungen, wird hüben wie drüben immer wieder der Stadt-Land-Graben ins Feld geführt. Die Städte würden die Landbevölkerung überstimmen. Und umgekehrt. In politisch unsicheren Zeiten, wie sie am gesellschaftlichen Leben derzeit nicht spurlos vorbeigehen, werden solche Differenzen noch stärker wahrgenommen. 

 

Im Gespräch bleiben

«Me muess halt mitenand rede», besagt eine landläufige Redewendung. Eine einfache Formel, welche meines Erachtens gut auch der Bibel entstammen könnte. Jesus ist während seiner Wirkungszeit immer wieder auf die Leute zugegangen. Er hat sich für die Menschen interessiert. Für Männer ebenso wie für Frauen, was zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich war. Er war im Gespräch mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten.

Als Christinnen und Christen haben wir anhand der biblischen Überlieferungen starke Beispiele, wie wir auf andere Menschen zugehen und als Brückenbauerinnen und Brückenbauer agieren können. Gerade dort, wo gesellschaftliche Unterschiede betont werden, erinnert uns das Evangelium daran, dass das Trennende nicht das letzte Wort haben soll. Alle Menschen sind wunderbare Geschöpfe Gottes. Wir sollen unsere Mitmenschen lieben wie uns selbst, ja sogar unsere Feinde. Gemäss der Überlieferung von Matthäus identifiziert sich Christus auch mit den Geringsten und Bedürftigsten. Was wir ihnen tun, das tun wir ihm.

In Galater 3 lesen wir: «Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau.» Alle sind gleicherweise Geschöpfe Gottes. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Nehmen wir uns also ihnen allen gleichermassen an. Gehen wir auf andere Menschen zu und seien wir gemäss unserem grossen Vorbild Brückenbauerinnen und Brückenbauer. Sorgen wir dafür, dass Trennendes nicht das letzte Wort hat. Ob Juden oder Griechen, Männer oder Frauen, Landeier oder Stadtmenschen – überwinden wir aktiv Grenzen, um das Verbindende, unsere gemeinsame Geschöpflichkeit, zu suchen und zu stärken und allen unseren Mitmenschen im Sinne Christi zu begegnen.

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