Unser Autor untersucht in seiner dreibändigen Einführung in die Missionswissenschaft die religiöse Vielfalt auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede und zeigt, wie es möglich wird, ganz unterschiedlichen Menschen beim Vermitteln der christlichen Botschaft auf Augenhöhe zu begegnen. Er stellt die drei Bände in einem kurzen Überblick vor.
Band 1: Wer bist du, und wer bin ich?
Im ersten Band meiner Missiologie «Wer bist du, und wer bin ich?» führe ich den Begriff der Weltanschauung als Grundkonzept für die Tiefenstrukturen des Menschen ein. Zuerst stelle ich die Grundbegriffe meiner Studie vor: Persönlichkeit, Kultur und Religion. Dann befasse ich mich vertieft mit den Begriffen Weltanschauung und Identität sowie mit ihrer Transformation und analysiere die Weltanschauungen in der Bibel, Theologie und Gemeindepraxis. Schliesslich untersuche ich die unterschiedlichen Formen von Persönlichkeit, Gesellschaften, Kulturen und Religionen, die auf unserer Erde zu finden sind.
Um die Tiefenstrukturen von Menschen, Kulturen und Religionen zu beschreiben, sprechen Philosophie und Geisteswissenschaften von Weltanschauung, einem Begriff, den wir so in der Bibel nicht finden. Sie verwendet dafür die Worte Herz oder Gewissen. In meinen Büchern benutze ich die Begriffe Weltanschauung, Weltverständnis, Weltsicht und Weltbild synonym zur Beschreibung der tiefen Schichten von Persönlichkeit, Kultur und Religion. Die Tiefenstrukturen ermöglichen einen vereinfachten Weg zur Vermittlung des Evangeliums und sind gleichzeitig eine «Abkürzung» bei der Kulturanalyse, weil Persönlichkeit, Kultur und Religion auf der Ebene der Weltanschauung aufeinandertreffen. Dieser Ansatz macht es auch möglich zu verstehen, wie Gott Menschen, Kulturen und Religionen verändert. Die Verwandlung des Menschen in der Tiefe seines Wesens und die Bildung einer neuen Identität in Christus sind ja in der Tat das Ziel eines jeden Dienstes im Reich Gottes.
Trotz ihres schlüssigen Charakters ist die Weltanschauung aber ein recht vages Konzept – genauso wie die Konzepte Persönlichkeit, Kultur, Religion und Identität. Aus diesem Grund haben viele Theologen, Philosophen und Kulturanthropologen diese Konzepte aufgegeben. Ich nehme hier die entgegengesetzte Position ein und schlage vor, die Vorstellungen von Weltanschauung und Identität durch praktische Modelle aus Theologie, Philosophie und Geisteswissenschaften alltags- und praxistauglich zu machen.
Ich wähle dafür fünf Modelle, in denen die Aussagen der Bibel und der Wissenschaften Gemeinsamkeiten aufweisen:
1. Die Schöpfungsordnung ordnet mit ihrem Ablauf die verschiedenen Elemente der Schöpfung in einem Schichtenmodell.
2. Die fünf Erlösungs-Konzepte (Soteriologie) – Gott, der Mensch, das Böse, die Sünde und das Heil – entsprechen den grundsätzlichen Lehren der Bibel und der Theologie.
3. Die Orientierung in der Zeit (Zeitorientierung) zeigt, ob wir eher in die Zukunft oder in die Vergangenheit schauen.
4. Das Mana – ein Begriff für spirituelle Energie – bezeichnet das aussergewöhnlich Wirksame, das Wundersame.
5. Die Gewissensorientierung zeigt, welche Grundwerte wir haben. Sie nimmt das Scham-/Schuld-Modell auf, das ich in Beziehungs- oder Regelorientierung umbenenne.
Das Schichtenmodell der Schöpfungsordnung, die fünf soteriologischen Konzepte und die Zeitorientierung repräsentieren vor allem die kognitiven Aspekte der Weltanschauung. Die emotionalen und bewertenden Aspekte sind in den Modellen der Gewissensorientierung und des Mana einbezogen.
Band 2: Was glaubst du?
Im zweiten Band der Missiologie «Was glaubst du?» blicke ich erneut mit einem Blick durchs Prisma der Weltanschauung auf die tieferen Schichten der Religionen. Der Leser mag sich mit Recht fragen: Warum noch ein weiteres Buch über die Religionen? Was könnte gerade mich als Autor befähigen, es zu schreiben? Einerseits wäre eine Reihe «Einführung in die Missionswissenschaft» ohne eine Einführung in die Religionen unvollständig. Andererseits nimmt die Zahl der Menschen, die sich zu einer Religion bekennen, entgegen der allgemeinen Wahrnehmung im Westen, weltweit zu. Während sich 1970 ca. 80 % der Weltbevölkerung zu einer Religion bekannten, waren es 2025 schon 93 %. Darüber hinaus hat die religiöse Durchmischung ausser in Afrika südlich der Sahara stark zugenommen.
Man würde deshalb annehmen, dass die persönlichen Kontakte zwischen Christen und Anhängern anderer Religionen auch zugenommen haben. Leider ist das Gegenteil der Fall. Geschätzte 87 % der Buddhisten, Hindus und Muslime kennen keinen Christen persönlich. Diese Zahl variiert allerdings stark in den verschiedenen Religionen und Weltregionen. Zum Beispiel kennen in Nordamerika 56 % der Muslime einen Christen persönlich, in Europa sind es weniger als 18 %. Am seltensten ist der persönliche Kontakt in Asien. Dort kennen nur 12 % der Nichtchristen einen Christen persönlich. Gründe für die fehlenden Kontakte sind die örtliche Ghettoisierung, die fehlende Kenntnis der anderen Religionen und als Folge davon die Angst vor dem religiös «Anderen».
Der folgende jüdische Witz veranschaulicht das komplizierte Verhältnis zwischen den Religionen und zwischen den Konfessionen. Ein katholischer Priester, ein protestantischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbiner sind in eine hitzige theologische Diskussion vertieft. Plötzlich erscheint ein Engel und sagt zu ihnen: «Gott sendet euch seinen Segen. Gelobt Frieden und euer Wunsch wird vom Allmächtigen erfüllt.» Der Pfarrer sagt: «Lass jeden Katholiken aus unserem geliebten Land verschwinden. Dann wird Frieden herrschen.» Der Priester sagt: «Es soll auf unserem Boden kein einziger Protestant mehr sein. Dann wird unser Land Frieden erfahren.» – «Und du, Rabbi», fragt der Engel, «hast du keinen Wunsch?» – «Nein», antwortet der Rabbi, «erfülle einfach die Wünsche dieser beiden Herren und ich werde glücklich sein!»
Was mich als Verfasser dieser Missiologie betrifft: Ich habe mehr als zwanzig Jahre in Afrika gelebt, und zwar in einem Umfeld, das von Geisterglauben und Volksislam durchdrungen war. Darüber hinaus habe ich im Lauf meiner Unterrichtstätigkeit auf drei Kontinenten (Afrika, Asien und Europa) die wichtigsten Religionen aus erster Hand kennengelernt: die traditionellen Religionen in Afrika, den Islam in Afrika und Asien, die fernöstlichen Religionen zwischen Sri Lanka und China und das Judentum in Europa. In jedem Kontext hatte ich regelmässige Kontakte mit der lokalen Bevölkerung und intensiven wissenschaftlichen Austausch insbesondere mit den Studierenden an theologischen Institutionen vor Ort.
Als Mittel zur Datentriangulation, einer Forschungsstrategie der empirischen Sozialforschung, bei der laut Wikipedia verschiedene Methoden oder Sichtweisen auf das gleiche Phänomen angewendet werden oder verschiedenartige Daten zur Erforschung eines Phänomens herangezogen werden, habe ich zu jeder Religion Recherchen durchgeführt, verbunden mit persönlichem Kontakt mit deren Anhängern und Austausch mit den Studierenden. Diese Triangulation hat mir erlaubt, eine Perspektive zu entwickeln, die auf die Tiefenstrukturen zielt und damit wie oben erwähnt eine willkommene Vereinfachung angesichts der Komplexität des Themas möglich macht.
Der zweite Band beginnt mit einer Übersicht auf die Religionen, zunächst allgemein, dann mit einem Einblick in ihre zahlenmässige Bedeutung. Ich fahre fort mit einer kurzen Geschichte der Entwicklung des Religionsbegriffs. Dann erörtere ich diesen zunächst unter biblisch-theologischen Gesichtspunkten, dann aus der Sicht der westlichen Philosophie der Religionen und anschliessend nach dem interdisziplinären Ansatz der Religionswissenschaften. Danach definiere ich die Begriffe Religion und Spiritualität und überlege, welches ihre körperliche Grundlage im Gehirn sein könnte. Zum Abschluss behandle ich die Religionen mit Blick auf ihre Weltanschauung und gebe eine kurze Einführung in die Kommunikation des Evangeliums.
Band 3: Die gute Nachricht mit andern teilen
Im dritten Band «Die gute Nachricht mit andern teilen» gehe ich ausführlich auf diesen Aspekt ein und behandle die Kommunikation des Evangeliums im Spiegel der Bibel-, Kommunikations- und Missionswissenschaft.
Im evangelischen Milieu ist es üblich, von der Verkündigung der guten Nachricht, der Predigt des Evangeliums oder ganz einfach der Evangelisation zu sprechen. Die Diskussionen, die innerhalb der Lausanner Bewegung während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darüber geführt wurden, hatten als zentrales Thema die weltweite Evangelisation. Dabei nahmen sie besonders die Beziehung zwischen Evangelisation und sozialer Verantwortung in den Blick. Die katholische Kirche ihrerseits führte im gleichen Zeitraum eine neue Bezeichnung für ihre Verkündigungstätigkeit ein, vor allem im westlich-abendländischen Kulturkreis. Sie nannte sie «Neuevangelisierung». Die ökumenische Bewegung dagegen benützte in ihren Dokumenten ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Begriff des Zeugnisses. Diesen Begriff nimmt die Lausanner Bewegung ab dem Beginn des neuen Jahrtausends auf, hält gleichzeitig aber an den Bezeichnungen Mission und Evangelisation fest.
Von den verschiedenen Kirchen und Bewegungen wird also ein breit gefächerter Satz von Begriffen zur Beschreibung der Kommunikation des Evangeliums verwendet. Der Begriff Kommunikation selber findet sich im theologischen Diskurs hingegen selten. Ein Grund dafür ist, dass die Kommunikationswissenschaft erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand, hervorgegangen aus der Psychologie und Soziologie. Der theologische Umgang mit dem Begriff Kommunikation ist also noch recht neu. Dies ist sicherlich auch der Grund dafür, warum der Begriff in theologischen Nachschlagewerken selten vorkommt.
In diesem dritten Buch benütze ich den Begriff Kommunikation als Basiskonzept, um einen Fachbegriff zu verwenden, der die Vermittlung des Evangeliums in all ihren Dimensionen anschaulich wiedergibt. Warum dieser Begriff und nicht bekannte biblische Begriffe? Um diese Frage zu beantworten, will ich einen Blick in die Geschichte werfen. Vermutlich war Augustinus von Hippo (354-430) der erste, der die klassische Rhetorik, das heisst eine säkulare Kommunikationstheorie, systematisch in die Kirche einführte. Er tat dies unter dem Eindruck des grossen rednerischen Geschicks von Ambrosius, des bedeutenden Predigers von Mailand. Augustinus wurde dazu von einem Gedanken aus dem zweiten Buch Mose angeregt. Auf Anordnung Gottes lassen sich die Israeliten dort von den Ägyptern, einem Volk anderen Glaubens, Gold geben1. So glaubte Augustinus, die vielfältigen Möglichkeiten der rhetorischen Methodik für die Predigt nutzen zu können. Im Laufe der Jahrhunderte beeinflusste die klassische Rhetorik die Homiletik der Kirche massgeblich.
Von frühester Kindheit an lernt jeder Mensch die Regeln der Kommunikation, die in seinem soziokulturellen Umfeld gelten. Diese Regeln aber sind im Unbewusstsein verankert. Paul Watzlawick (1921-2007), einer der ersten Forscher auf diesem Gebiet, beschreibt den Rahmen dieses Sachverhalts folgendermassen: «Kommunikation (ist) ganz offensichtlich eine Grundvoraussetzung menschlichen Lebens und gesellschaftlicher Ordnung. Und ebenso offensichtlich ist, dass der Mensch von den ersten Tagen seines Lebens an die Regeln der Kommunikation zu erlernen beginnt, obwohl diese Regeln selbst, dieses Kalkül der menschlichen Kommunikation, ihm kaum jemals bewusst werden2.»Aus diesem Grund ist es zwingend notwendig, sich intensiv mit dem Phänomen der Kommunikation zu befassen, um die unterschiedlichen Aspekte der Kommunikation im Allgemeinen und der Vermittlung des Evangeliums im Besonderen zu erfassen. Dies umso mehr, als nach all den Jahrzehnten sprachlicher, biblisch-theologischer und missionswissenschaftlicher Reflexion die Vermittlung des Evangeliums das Missionsproblem schlechthin bleibt.
Ich beginne meine Behandlung des Themas mit einem Blick auf die Kommunikation des Evangeliums in der Bibel. Dann wende ich mich dem Thema Kommunikation aus der Sicht der Kommunikationswissenschaft zu und behandle anschliessend die Grundelemente der interkulturellen Kommunikation des Evangeliums. Dann gehe ich auf eine Reihe problematischer Aspekte des interkulturellen Teilens des Evangeliums ein. Abschliessend gebe ich einige Anregungen zur bibeltreuen und kulturrelevanten Vermittlung des Evangeliums.
Mithilfe meiner Vorgehensweise in der Analyse von Kulturen und Religionen können Leserinnen und Leser meiner Bücher in kurzer Zeit mittels der erwähnten «Abkürzung» über die Weltanschauung Mitglieder anderer Kulturen und Religionen verstehen lernen, so dass Begegnungen und das Teilen der guten Nachricht mit diesen Menschen besser gelingen können.
1 2. Mose 11,2f; 12,35f
2 Paul Watzlawick et al., Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern, Stuttgart, Wien: Hans Huber, 1969, S. 13.
Bibliografie
Band 1: Wer bist du, und wer bin ich? Wie man Menschen und ihre Kulturen verstehen lernt, damit Begegnungen und das Teilen der guten Nachricht gelingen können. Nürnberg: VTR, 2026.
Band 2: Was glaubst du? Die Religionen verstehen lernen, um die gute Nachricht besser mit andern teilen zu können. Nürnberg: VTR, 2026.
Band 3: Die gute Nachricht mit anderen teilen. Evangelisation im Spiegel von Bibel-, Kommunikations- und Missionswissenschaft. Nürnberg: VTR, 2026.

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