Als Neuling in Afrika verstand ich das Funktionieren und das Denken der Afrikaner überhaupt nicht. Ich fragte mich, was ihre Reaktions- und Verhaltensweisen erklären könnte. Die persönlich erlebte Geschichte mit einem unserer Fahrer ‒ ich will ihn hier Hans nennen ‒ illustriert die völlig andere Funktionsweise der Afrikaner wohl am besten.
Wie Menschen anders funktionieren
Da Hans ein ordentliches Gehalt bezieht, vertraut ihm seine erweiterte Familie einige ihrer Kinder an, um sie zur Schule zu schicken. Dadurch erhöht sich der finanzielle Druck auf ihn, und er beginnt, Alkohol zu trinken.
Auf dem Weg in die Hauptstadt, wo er mit unserem einheimischen Agronomen zusammen Material holen soll, beschliesst er, entgegen der bei der Mission gültigen Regelungen und trotz des Protests des Agronomen, Passagiere gegen Bezahlung mitzunehmen. Unglücklicherweise kommt er in einer Kurve von der Strasse ab. Das Fahrzeug überschlägt sich. Einer der Mitfahrenden kommt zu Tode, und Hans wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung vorübergehend inhaftiert.
Als unser Schweizer Agronom vor Ort eintrifft, findet er das Fahrzeug stark beschädigt vor, mit einem platten Reifen – offensichtlich hatte jemand mit einem Messer hineingestochen. Als Hans nach der vorübergehenden Inhaftierung wieder zu Hause ist, bitten ihn die Missionare, sich finanziell an den erheblichen Kosten des Unfalls zu beteiligen. Seine Familie bittet die Mission um Verzeihung. Hans darf seinen Arbeitsplatz nicht verlieren, weil die Familie darauf angewiesen ist. Hans selbst gibt niemals auch nur das Geringste zu, was sein Handeln betrifft. Er erkennt nur das an, zu dem er von seinen Vorgesetzten gezwungen wird. Pastor Jakob, der uns Hans für diese Stelle empfohlen hatte, kommt, um für ihn nicht nur um Verzeihung zu bitten, sondern auch um Befreiung von seiner Beteiligung an den Unfallkosten. Auch Pastor Joseph, nach dem Hans sein erstes Kind benannt hat, kommt gemeinsam mit Hans zu uns, um zu erreichen, dass er weiterhin als Chauffeur arbeiten darf. Die Missionare beschliessen jedoch, Hans unverzüglich zu entlassen, da er während der gesamten Affäre keine Reue gezeigt und keinerlei Fehlverhalten anerkannt hat. Auch seine Beteiligung an den Unfallkosten bleibt völlig aus. Seine Familie versteht nicht, warum die Mission Hans nicht wieder einstellt.
Die Orientierung am Gewissen
In den folgenden Abschnitten versuche ich, die verschiedenen Elemente dieser Geschichte anhand des Modells der Gewissensorientierung zu verstehen. Wir werden dieses Modell in allen drei Bänden meiner Einführung in die Missionswissenschaft wieder antreffen.
Die Wiederherstellung von Prestige und Ehre
In dieser Geschichte ist mit grosser Deutlichkeit der Wunsch erkennbar, dem Ehrverlust ein Ende zu setzen und das Ansehen wiederherzustellen. Hans hat sein Gesicht verloren und sucht nach Wegen, diese Schande aus seinem Leben zu tilgen. Um seine Ehre wiederherzustellen, reichen einfache Entschuldigungen oder Versöhnungsszenen nicht aus. Echte Vergebung hätte für ihn die Wiederherstellung seiner ursprünglichen Position als Fahrer der Mission bedeutet.
Wie haben sich die Dinge für Hans weiterentwickelt, als seine Bemühungen, als Missionsfahrer wieder eingestellt zu werden, erfolglos blieben? Es ist für alle sichtbar, dass er die Fahrzeuge der Mission nicht mehr fährt. Doch nicht nur das: Er ist tagtäglich damit konfrontiert, dass er nicht mehr für seine Familie sorgen kann. Diese Situation ist unerträglich.
Also verlässt er die Stadt. Nicht nur, weil er keine so gute Anstellung wie die als Fahrer mehr findet, sondern auch, weil er sich den Blicken seiner Freunde und den Erwartungen seiner Kern- und erweiterten Familie nicht mehr aussetzen will. Für ihn ist es sehr schwer, dieses Erlebnis zu verarbeiten, denn der Verlust seines Ansehens verfolgt ihn unaufhörlich durch die sichtbaren Folgen in seinem Alltag.
Die Wiederherstellung der Harmonie
Für eine regelorientierte Person wird das Problem durch Bestrafung, Korrektur des Fehlverhaltens oder durch Wiedergutmachung gelöst, während bei einer beziehungsorientierten Person das Problem so lange bestehen bleibt, bis diese wieder in die Gemeinschaft aufgenommen und ihre Ehre wieder hergestellt wird. Die Isolation muss überwunden und die Harmonie mit der Gemeinschaft wieder hergestellt werden.
Eigentlich wurde Hans weder von seiner Grossfamilie noch von seiner Gemeinde isoliert. Alle setzten sich bei der Mission für ihn ein. Die beiden Pastoren begleiteten ihn sogar als Vermittler, als er bei der Mission vorstellig wurde. Es war nur die Mission, die ihn trotz all dieser zahlreichen Versuche weiterhin ablehnte.
Das Fehlen von Reue
Die Missionare hielten Hans hauptsächlich vor, dass er selbst nie ein Geständnis abgelegt und sich immer hinter den Entschuldigungen der Anderen verschanzt habe. Für einen beziehungsorientierten Menschen ist es äusserst schwierig, sich vor anderen zu entblössen. Eine solche Forderung ist für Hans viel schwerer zu erfüllen als für regelorientierte Menschen. Regelorientierte Menschen interpretieren die Weigerung, seine Schuld einzugestehen, als Feigheit. Für eine beziehungsorientierte Person wäre der «Mut», seine Schuld einzugestehen, der Gipfel der Unverschämtheit. Ein Selbstgeständnis würde als weiteres Fehlverhalten angesehen.
Der Mittler
Um Fehlverhalten anzuerkennen, braucht ein beziehungsorientierter Mensch einen Mittler. In der Tat schämt der Betreffende sich vor jenen, denen gegenüber er sich schuldig gemacht hat, und es ist ihm sehr peinlich, ein Fehlverhalten zuzugeben, weil es eine Unverschämtheit wäre, dies selbst zu tun. Deshalb wird ein Familienmitglied mit höherem Status ausgewählt, zum Beispiel ein Onkel oder ein Pastor, um anstelle des Täters das Geständnis abzulegen und um Verzeihung zu bitten. In Hansens Fall übernahmen mehrere Pastoren und auch die Familie selbst diese Rolle. Die Missionarsgemeinschaft aber interpretierte dies als Feigheit.
Die Wiedergutmachung
Für einen regelorientierten Menschen beinhaltet Vergebung die Strafe für das Fehlverhalten und dessen Wiedergutmachung. In einer beziehungsorientierten Gesellschaft ist vor allem die Wiederherstellung von Harmonie, Ansehen und Ehre wichtig. Die Wiedergutmachung tritt nicht vorrangig ins Bewusstsein.
In vielen Ländern mit einer beziehungsorientierten Kultur gilt Vergebung dann als vollständig, wenn der Übeltäter oder seine Familie das Fehlverhalten zugegeben haben. Entscheidend ist das gegenseitige Einverständnis beider Familiengruppen. Wenn die Dinge auf diese Weise geregelt werden, kann dies bedeuten, dass eine Wiedergutmachung nicht erforderlich ist.
Erst die moderne, vom Westen beeinflusste Justiz führte Strafen, Entschädigungen und Bussgelder ein. Aufgrund eines Missverständnisses von 1. Johannes 1,9 mit der Verheissung «Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit», bestehen für einige Christen nach dem Vollzug der Vergebung keine weiteren Forderungen. Eine Wiedergutmachung ist nicht mehr erforderlich.
In unserer Geschichte denkt Hans nie daran, seinen Anteil an den Kosten des Unfalls zu bezahlen. Aus seiner Sicht ist diese Entscheidung umso mehr gerechtfertigt, als die Mission viel reicher ist als er und er seit dem Unfall sowieso nichts mehr verdient. Es wäre unmenschlich, eine Kostenerstattung zu verlangen.
Vergebung
Für Hans und seine Familie bedeutet Vergebung, dass er weiterhin bei der Mission als Fahrer beschäftigt bleibt. Die Behauptung der Missionare, ihm vergeben zu haben, und ihre gleichzeitige Weigerung, Hans weiterhin zu beschäftigen, ist für die Familie eine Unstimmigkeit, die sie als Verweigerung der Vergebung interpretiert. Taten sagen mehr als Worte. In ihren Augen sind die Missionare Heuchler.
Für die Missionare ist die wiederholte Missachtung der bei ihnen geltenden Regel, keine fremden Passagiere mitzunehmen, ein zureichender Grund, ihn nicht weiter zu beschäftigen. Für einige ist die Tatsache, dass Hans sein Fehlverhalten nie zugegeben und keine echte Reue gezeigt hat, ein weiterer Grund. Die Vorstellung, ihm nicht zu vergeben, ihn nicht als Menschen zu akzeptieren und ihn nicht zu lieben, liegt ihnen dabei vollkommen fern. Von ihrem Standpunkt aus gibt es in dieser Sache zwei Aspekte: die Tatsache, dass er einen Fehler gemacht hat und die Vergebung gegenüber Hans als Mensch. Für sie sind dies zwei völlig verschiedene Dinge, nicht aber für die Einheimischen. Die beiden Standpunkte sind nicht vereinbar. Missverständnisse und Frustrationen sind also vorprogrammiert.
Unbeantwortete Fragen, und was danach geschah
Man kann sich mehrere Fragen stellen: Was wäre passiert, wenn der Arbeitgeber ein Afrikaner gewesen wäre, ohne jeglichen westlichen Einfluss? Wäre Hans rehabilitiert worden? Hätten die Missionare keine Angst gehabt vor dem «Schneeballeffekt», der bei den Einheimischen den Eindruck erweckt hätte, dass jeder Regelverstoss am Ende ohne Konsequenzen verziehen würde?
Man hätte sich tatsächlich auch einen anderen Ausgang der Geschichte vorstellen können: Hans wird in der mechanischen Werkstatt beschäftigt und erhält einen Lohn, von dem automatisch eine Summe abgezogen wird, um auf diese Weise nach und nach einen Teil der Unfallkosten zu decken. Während dieser Strafzeit darf Hans die Autos der Mission nicht fahren. Obwohl er einer Bestrafung unterzogen worden wäre, hätte er so sein Gesicht und seine Ehre wahren und an seinem Wohnort verbleiben können.
Nun aber sieht sich Hans wegen seiner Entlassung durch die Missionare und wegen des fehlenden Gehalts gezwungen, die Stadt zu verlassen, um den Blicken der Nachbarn und ihrem Gerede zu entgehen. Ironischerweise begegne ich ihm wieder in der Hauptstadt, wo er in seiner Gemeinde regelmässig die Predigt übersetzt. Da er kein Geld hat, um alkoholische Getränke zu kaufen, kann er sich von seiner Trunksucht befreien. Er gründet ein Taxiunternehmen und hat damit Erfolg. Als wohlhabender Unternehmer und treuer Kirchgänger ist er hier ein angesehenes Mitglied der Gemeinde.
Mit der Geschichte von Hans habe ich begriffen, dass das Gewissen der Afrikaner vorwiegend beziehungsorientiert funktioniert und dass dabei Prestige, Ehre, Harmonie und Versöhnung wichtig sind. Dieselbe Funktionsweise der Menschen habe ich bei meinen Reisen in Asien gefunden. Sie fragten mich, warum ich sie denn so gut verstehe, der ich doch bis jetzt nur in Europa und Afrika gelebt habe.
Als ich dann für die Heimaturlaube nach Europa kam, beobachtete ich, dass auch die jungen Generationen der Europäer wie die Afrikaner immer beziehungsorientierter funktionieren: Die Generationen Y, Z und Alpha werden immer beziehungsorientierter1. Konflikte mit den älteren Generationen der Europäer mit ihrem vorwiegend regelorientierten Gewissen sind damit programmiert.
Eine unbekannte Welt
Es war aber nicht nur die beziehungsorientierte Funktionsweise, die für mich neu war. Ich entdeckte in Afrika und Asien auch eine unbekannte Seite der Welt. Schon Shakespeares Hamlet sagte: «Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde als unsere Philosophie sich träumen lässt.»
Eines Tages hörte ich in der Hauptstadt Guineas die Geschichte einer jungen Frau, nennen wir sie Hawa. Als zehnjähriges Mädchen hatte Hawa beim Spielen am Strassenrand einen Fingerring gefunden. Mit der Zeit merkte sie, dass, wenn sie den Ring drehte, plötzlich Geld in ihrer Rocktasche war. Das war sehr angenehm, denn so konnte sie immer Süssigkeiten für sich und ihre Freundinnen kaufen und sich so sehr beliebt machen. Etwas später bemerkte sie, dass sie bei Prüfungen in der Schule das leere Blatt nur umdrehen konnte und dann auf der Rückseite alle Lösungen vorfand. So war sie nicht nur bei ihren Freundinnen beliebt, sondern auch bei den Lehrern, denn sie war ja nun eine gute Schülerin.
Es dauerte nicht lange, bis sie nächtliche Besuche eines schönen Knaben erhielt. Sie plauderten stundenlang miteinander. Der Knabe erzählte ihr viele interessante Dinge, von denen sie noch nie gehört hatte. Eines Nachts forderte der Knabe sie auf, mit ihm auf eine nächtliche Reise zu kommen. Er führte sie an viele unbekannte Orte. Auch in ihr Heimatdorf, wo sie ihr bekannte Menschen, aber auch völlig unbekannte und merkwürdige Leute traf. Sie ging mit dem jungen Mann auch ans Meer und unter die Meeresoberfläche, wo die beiden grosse Städte mit Fabelwesen besuchten. Eines Nachts wollte ihr Partner ihr zeigen, wie er wirklich war. Er forderte sie auf zu zählen, wie viele Male er sich verwandeln konnte. Er zeigte sich als Mensch mit verschiedener Hautfarbe, Haarfarbe, Augenfarbe und Körpergrösse und in Form von verschiedenen, zum Teil sehr seltsamen und hässlichen Tieren. Bei der hundertsten Verwandlung wurde es ihr übel und sie bat ihn, aufzuhören.
Nach diesen mehrstündigen nächtlichen Reisen wollte sie ihr Partner auf eine dreimonatige Reise mitnehmen. Als sie einwandte, dass ihre Eltern damit nicht einverstanden wären, schlug er kurzerhand vor, ein Doppel von ihr anzufertigen. Als sie nach dieser langen Reise zu Hause ankamen, sah sie ihr Doppel gerade verschwinden. Natürlich konnte sie ihren Eltern nicht erzählen, dass sie so lange abwesend gewesen war, und was sie alles auf der Reise erlebt hatte. Sie musste von da an ein gespaltenes Leben führen. Dies führte dazu, dass sie langsam in eine Schizophrenie abrutschte.
Die Familie bemerkte diese Veränderungen und schloss auf einen dämonischen Befall. Dementsprechend holte sie Rat bei Marabuts: Das sind Personen, die über besondere Kräfte verfügen. Je stärker die Symptome wurden, desto bekanntere und mächtigere Marabuts kontaktierte die Familie. Leider brachten all diese Interventionen keine Besserung. Ganz im Gegenteil: Hawa wurde immer aggressiver. Wie das in Afrika so üblich ist, wurde Hawa in einem Zimmer des Wohnhauses angekettet. Sie fristete ein immer traurigeres Leben.
Da wies eine der Schulfreundinnen von Hawa auf die Möglichkeit hin, in einer evangelischen Gemeinde für sich beten zu lassen. Eine dieser Gemeinden war bekannt für ihre Gebetsgruppe, die jeweils die ganze Nacht von Freitag auf Samstag betete. Während dieser nächtlichen Gebetszeiten waren schon verschiedene Menschen von Dämonen befreit worden. Nach einem längeren Entscheidungsprozess waren Hawa und ihre Familie dazu bereit, diese Gruppe für Hawa beten zu lassen. Und wirklich: Sie wurde von ihren Dämonen befreit und in eine Familie dieser Gemeinde aufgenommen.
Wie ich später von einem meiner Studenten erfuhr, war Hawa kein Einzelfall. In einer evangelischen Privatschule mit rund tausend Schülerinnen und Schülern zählte man etwa dreissig Mädchen, die regelmässig bewusstlos wurden. Wenn dann für diese bewusstlosen Mädchen gebetet wurde, wachten sie wieder auf. Laut meinem Studenten kamen diese Mädchen aus allen in Guinea vertretenen religiösen Hintergründen: aus traditionellen Religionen, aus dem Islam und aus dem katholischen und evangelischen Christentum. In Guinea wurden die wiederholten Anfälle mit anschliessender Besserung durch Gebet als sicherer Ausdruck eines dämonischen Befalls gewertet. Gemäss meinem Studenten hatten auch verschiedene andere Mädchen auffällige, von Guineern als typisch für dämonischen Befall erachtete Charakterzüge, wurden aber nicht bewusstlos. Auch eine grössere Gruppe von Knaben zeigte solche Charakterzüge. Von ihnen wurde aber offenbar keiner bewusstlos.
Von dieser Welt hatte ich, wie viele andere westliche Ausländer, nicht die geringste Ahnung. Ich realisierte aber, dass sie für den Alltag der Guineer von grösster Wichtigkeit war.
Eine Erweckung – und trotzdem ein oberflächlicher Glaube?
Wenn Kulturen so anders funktionieren und eine so andere Weltsicht haben, wie geht dies mit dem christlichen Glauben zusammen? In Südkorea, das ja fast hundert Jahre eine Erweckung erlebt hat, machten mich zwei Erfahrungen nachdenklich.
Zunächst beeindruckten mich in Südkorea die vielen roten Kreuze, die auf den Wolkenkratzern in Seoul die Anwesenheit einer christlichen Gemeinde im Gebäude signalisierten. Dahinter standen 90 Jahre der koreanischen Erweckung. Sie war gefördert worden durch frühmorgendliches Gebet, systematisches Bibelstudium und die Schaffung eines phonetischen Alphabets durch die Missionare im späten 19. Jahrhundert ‒ dies im Unterschied zu den chinesischen Schriftzeichen, die Piktogramme sind. Jeder Christ ging ins Morgengebet und ins morgendliche Bibelstudium in der Kirche und am Wochenende auch häufig auf einen Gebetsberg. Die Kirchen waren voll. Die Christen brachten ihre Bibeln mit, die auch Lieder enthielten. In den verschiedenen Denominationen sangen sie die gleichen Lieder, und die Gottesdienste ähnelten sich, ob man nun bei den Presbyterianern, den Methodisten, Baptisten oder Pfingstlern war. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hatte sich Korea so weit entwickelt, dass der sich verbreitende Materialismus die Erweckung erstickte und sich das Gemeindewachstum verlangsamte.
Das Treffen mit Pastor David Yonggi Cho während meines Aufenthalts in Südkorea war für mich ein eindrückliches Erlebnis. Yonggi Cho gewährte einem guineischen Pastor und mir eine Audienz von einer ganzen Stunde, während der wir ihm Fragen stellen durften. In seiner Stillen Zeit benutzte er das Vaterunser-Gebet als Leitfaden für das mehrstündige Zusammensein mit seinem himmlischen Vater. Durch systematisches Organisieren von Hauskreisen wuchs seine Gemeinde zu einer Million Mitgliedern. Im riesigen Hauptgebäude fanden sonntags sechs Gottesdienste statt. Ein ganzer Nebentrakt war für die sogenannte Sonntagsschule der Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder vorgesehen, wo das systematische Bibelstudium unterrichtet wurde. Leider wurde Yonggi Cho kurz nach unserem Treffen wegen einer mangelhaften Geldverwaltung angeklagt, und sein Gemeindeverband begann zu schrumpfen.
Unser Gastgeber in Südkorea war der Leiter einer Missionsorganisation. Jeden Morgen um fünf Uhr war er im Morgengebet, und um sechs Uhr im Bibelstudium. Um sieben Uhr frühstückte er zu Hause und war um acht Uhr im Büro. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem Verkauf von Glücksringen, welche er aus Spanien importierte. Dieser Umstand wurde für mich zu einer Lektion: Trotz seines beeindruckenden und regelmässigen Morgenprogramms hatte sein Glaube die tiefen Schichten seiner Persönlichkeit nicht so nachhaltig verändern können, dass er in seinem Berufsalltag einen Synkretismus – eine Vermischung von Weltanschauungen – vermeiden konnte. Ich stellte mir die Frage: Wie können die tiefen Schichten einer Person durch den Glauben so verändert werden, dass ein solcher Synkretismus vermieden werden kann?
Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen sollen die drei Bände meiner Missiologie geben (siehe: nächster Beitrag).
1 Babyboomer (1946-1964), Generation X (1965-1979), Generation Y (1980-1995) – auch als Millennials bezeichnet, Generation Z (1996-2010), Generation Alpha (ab 2011-2025)

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