Kirche: Nein zum Antisemitismus – heute, hier!

Der Antisemitismus ist paradoxerweise seit dem Hamas-Überfall auf Israel fast schon wieder alltäglich geworden. In einem Papier erhellt der Zürcher Kirchenrat die düstere Geschichte der Judenfeindschaft und zeigt auf, wie die Bibel dafür missbraucht wurde. Die frommen Freunde der Juden und die messianisch-jüdische Bewegung gehen in der Handreichung vergessen. Diese wirft zugleich die Frage auf, was die Kirchen in der Gesellschaft noch ausrichten können.

(Lesezeit: 11 Minuten)

Der Hass auf Juden hat im Lauf der Geschichte so viele Gestalten angenommen und sich aus so unterschiedlichen Quellen genährt, dass man sich fragen kann, ob es Merkmale oder eine Eigenheiten von Juden gibt, welche noch nicht als Vorwand für Verachtung, Ausgrenzung und Anschläge missbraucht worden sind. So abgründig der Judenhass in Europas Geschichte ist, so erschreckend ist auch seine Wandlungsfähigkeit. Eine Neuauflage davon erleben wir seit dem Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023.

(Bild: Mabel Amber auf Pixabay)

Emanzipation mit Hintergedanken

In seinem grossen Werk «Das Europäische Zeitalter der Juden»1 hat Friedrich Battenberg die leidvolle Geschichte der «Söhne Israels» samt dem Schwanken zwischen ihrer Tradition und den Forderungen der Umwelt nachgezeichnet. Mit der Französischen Revolution dämmerte die Zeit der Emanzipation herauf: Juden wurden bürgerliche Rechte gewährt. Battenberg zeigt auf, wie schwer sich europäische Obrigkeiten im Umgang mit der als widerständig empfundenen Minderheit taten. Komplizierte Verordnungen zielten auf die steuerliche Ausnutzung der Juden, ihre Assimilation und/oder die Begrenzung ihres Einflusses in Gesellschaft und Wirtschaft.

Leuchtend hebt sich das Verständnis ab, das der Historiker Thomas B. Macaulay 1833 den Juden entgegenbrachte. In der Debatte des britischen Unterhauses zur Emanzipation plädierte er dafür, ihnen alle bürgerlichen Rechte zu geben, da «in dem Nationalcharakter der Juden nichts liegt, was sie zur Erfüllung der höchsten Pflichten des Bürgers unfähig macht. (…) Wenn im Laufe der Jahrhunderte die unterjochten Nachkommen von Helden und Weisen nicht mehr auf der Höhe ihrer Voreltern stehen, wenn, während sie ausgeschlossen waren von den Segnungen des Gesetzes, gebeugt unter das Joch der Sklaverei, einige der Laster von Sklaven und Rechtlosen bei ihnen sich ausgebildet haben, sollen wir ihnen darüber Vorwürfe machen? Sollten wir das nicht vielmehr als eine Schande für uns betrachten und darüber Gewissensbisse empfinden? Gewähren wir ihnen Gerechtigkeit … .»

 

Die Zürcher Handreichung

Eine Hauptwurzel des modernen Antisemitismus – der Begriff kam erst um 1880 in Gebrauch – ist der Antijudaismus der Grosskirchen. Mit der Handreichung des Zürcher Kirchenrats2 liegt ein aktuelles Papier zu dieser düsteren Seite unserer Geschichte vor. Das erste Kapitel zeigt auf, wie die Vertreter des Antijudaismus sich auf Stellen des Neuen Testaments beriefen.

Das zweite Kapitel des Papiers ist der «Geschichte des Umdenkens» bei den Schweizer Protestanten im 20. Jahrhundert und den Anfängen des jüdisch-christlichen Dialogs gewidmet. Im Schlusskapitel gibt der Kirchenrat praktische Orientierung: mit einer Anleitung zum «Verlernen von Klischees und Stereotypen» übers Judentum (Gesetzlichkeit, Vergeltungslogik, Leistungsfrömmigkeit, Lohnmoral, Pharisäismus) und Bemerkungen zur Kritik am Staat Israel.

Das gehaltvolle Papier, das auf einen Vorstoss des Gossauer Synodalen Pfr. Christian Meier zurückgeht, wurde am 24. März des laufenden Jahres in der Synode3 gut aufgenommen. Es sei ein «sehr nötiger Tropfen auf einen heissen Stein», sagte Dr. Michael Baumann, Pfarrer und Kirchenhistoriker, namens der vorberatenden Kommission. Damit sei das Problem allerdings keineswegs gelöst.

 

Der Antisemitismus ist wieder alltäglich geworden

Dier heisse Stein ist in letzter Zeit noch heisser geworden: Der Hass auf Juden ist seit dem 7. Oktober 2023 wieder aufgeflammt. So unter dem Vorzeichen von postkolonialen Denkformen als Delegitimierung des Judenstaats. Der Vorwurf ist grotesk, denn der Staat Israel war kein koloniales Projekt; er wurde von den Zionisten 1948 gegen die britische koloniale Mandatsmacht proklamiert. Angesichts der Reaktion Israels auf den Anschlag der Hamas – mit militärischer Power, über die Juden vor 1948 nie verfügten – hat der Antisemitismus in Europa erschreckend zugenommen.

«Der tägliche Antisemitismus ist für Juden in Deutschland kaum noch auszuhalten», schrieb die NZZ zwei Jahre nach dem Überfall. Als erstes schaffte eine jüdische Schule in Berlin die Uniformen der Schüler ab. «Über der Kippa tragen sie jetzt immer ein Käppi», sagte der Gemeindeleiter. Inzwischen erwägen zahlreiche Juden auszuwandern – auch aus Belgien und Frankreich.

Sogar im weltoffenen Zürich erleben Juden Feindseligkeit, böse Worte, Übergriffe, Attacken – bis hin zum Messerattentat vom März 2024. In der reformierten Kirchensynode zeigte sich Julia Neuenschwander aus der Evangelisch-kirchlichen Fraktion tief besorgt. Sie berichtete von einem Unterstufen-Schüler in einem Brennpunktquartier, der sich als Jude zu erkennen gab und daraufhin derart diskriminiert wurde, dass die Eltern ihn nach zwei Wochen aus der Schule nahmen. Vermehrt besuchen jüdische Kinder Privatschulen. Ihre Eltern mahnen sie, sich im ÖV nicht zu erkennen zu geben. Neuenschwander kennt liberale Juden, die ihren Kindern ihre Religion überhaupt verschweigen!

Was ist zu tun?

Baumann, Neuenschwander und andere Synodale forderten in der Synode daher konkrete Massnahmen. Ein frommer Wunsch angesichts der heftigen Judenfeindschaft, nicht zuletzt auch an Hochschulen. Dort ist die Präsenz der reformierten Kirche geschwunden: Anstelle des Hochschulpfarramts betreibt die Zürcher Landeskirche das «Hirschli», einen Treffpunkt unweit des Grossmünsters. An der «Diskutier:Bar» komme auch der Antisemitismus zur Sprache, heisst es. Im Bereich «Jüdische Studien» der Theologisch-Religionswissenschaftlichen Fakultät wird Antisemitismus regelmässig direkt thematisiert. Wie viele Studierende, die ein «Palästina vom Fluss zum Meer» fordern, sich an den dortigen Veranstaltungen einfinden, ist unbekannt.

Die Zürcher Landeskirche engagiert sich für den Interreligiösen Dialog. Kirchenratspräsidentin Esther Straub hob in der Synode hervor, in diesen Gesprächen werde auch der Antisemitismus thematisiert. Die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) hat die Attacke auf einen Juden in Zürich am 2. Februar 2026 scharf verurteilt. Sie stellt den Angriff in den «Kontext einer besorgniserregenden Zunahme rassistischer Gewalt gegen Religionsgemeinschaften». Bezeichnenderweise erwähnt sie zugleich «antimuslimischen Rassismus» und «jede Form von Menschenfeindlichkeit» – sie alle hätten «in unserer Gesellschaft keinen Platz».

Die Frage stellt sich, was die Kirche mit ihrer Handreichung und weiteren Aktionen in der Gesellschaft ausrichten kann. Dieser Tage kam mir die Weisung des Zürcher Regierungsrats zum Entwurf des neuen Kirchengesetzes wieder in die Hände. 2005 schrieb Justizdirektor Markus Notter, die Kirchen hätten «eine umfassende, kritische, wertebegründende und wertevermittelnde und damit integrative gesellschaftliche Funktion». Wo stehen wir heute, 20 Jahre später?

 

Hochachtung für die Juden – lange vor 1945

Die 30-seitige Handreichung zu lesen, schmerzt – gerade deswegen ist sie geboten. Auch wenn das Papier einige Mängel hat. In den Abschnitten zur Überwindung des Judenhasses seit 1945 fehlt der Hinweis auf die Pioniere: Es waren bibelgläubige Theologen und Denker, die lange vor der zionistischen Bewegung und der Staatsgründung Israels aus geistlichen Motiven für die Hochachtung der Juden und die Wertschätzung der alttestamentlichen Offenbarung eintraten – gegen aufklärerische Denker.

Der eingangs erwähnte Thomas Macaulay gehört in diesen Strom. Schon die englischen Puritaner des 17. Jahrhunderts und die Wesleys – unter Einfluss von Graf Zinzendorf – wandten sich aus theologischen Gründen, weil sie die Heilige Schrift Neuen und Alten Testaments hochhielten, gegen die Verachtung der Juden. David Rudolph4 hat aufgezeigt, dass die Anfänge der messianisch-jüdischen Gemeinden bei Zinzendorf lagen.

Diese Christen begegneten den Juden anders, wenn sie ihnen Jesus von Nazareth als Messias bezeugten – anders als die Geistlichen, Beamten und Fürsten Europas, die sie unter Druck setzten oder gar zur Konversion drängten. Die Zürcher Handreichung erwähnt, dass die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas 2001 förmlich der Judenmission abgesagt hat. Dass seit einigen Jahrzehnten auch in Israel messianische Juden ihren Volksgenossen den Messias aus Nazareth bezeugen, wird völlig ausgeblendet.

 

Zeugen von Gottes Treue

Schürft die Zürcher Handreichung aus der Feder von Dr. Thorsten Dietz tief genug? Das Wort Jesajas «Ihr seid meine Zeugen» in Kapitel 43,10 macht bewusst, dass der Kirche und der ganzen Menschheit mit den Juden als Volk und Religionsgemeinschaft Gottes Offenbarung in der Geschichte, seine Berufung und seine Treue ständig vor Augen stehen. Viele wollen das nicht sehen; manche haben sogar – in letzter, dämonisch anmutender Konsequenz – die Träger dieser Verheissung vom Angesicht der Erde vertilgen wollen. Judenhass nimmt das grösste Wunder der Geschichte der Völker aufs Korn: Dass es die Juden seit bald 4000 Jahre nach Abraham als Volk weiterhin gibt: mit einem Staat – und das im Land ihrer Vorväter.

Am Judenhass, ob ideologisch begründet oder aus Neid geboren, lässt sich die Verbohrtheit einer Gesellschaft ablesen. Untergründig schwingt noch mehr mit. Giuseppe Gracia hat in der NZZ vom 3.7.2024 an die Worte von Papst Benedikt XVI. erinnert. Dieser hielt 65 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz 2010 fest: «Im Tiefsten wollte man mit dem Zerstören Israels, mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Masse des Menschseins aufgerichtet hat (...). Wenn dieses Volk einfach durch sein Dasein Zeugnis von dem Gott ist, der zum Menschen gesprochen hat und ihn in Verantwortung nimmt, so sollte dieser Gott endlich tot sein und die Herrschaft nur noch dem Menschen gehören.»

 

1 Darmstadt, 1990

2 https://www.zhref.ch/news/fuer-eine-reformierte-kirche-ohne-antisemitismus

3 https://evangelisch-zuerich.ch/nein-zum-antisemitismus-heute-hier/

4 https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=17359

Schreiben Sie einen Kommentar