Am Montagabend kurz vor 17 Uhr standen wir – ohne das gesucht zu haben – vor der Tür der Nikolaikirche in Leipzig. Beim Eingang hiess es: «Jetzt für Touristen geschlossen.» Trotzdem strömten zahlreiche Menschen hinein und setzten sich auf die Kirchenbänke. Wir taten dasselbe und setzten uns hin. Erst jetzt realisierten wir, dass wir Teil des traditionellen Friedensgebetes waren. Wir wurden vom dortigen Pfarrer willkommen geheissen und aufgeklärt, dass dieses Friedensgebet seit über vierzig Jahren jede Woche hier stattfindet.
Protest unter dem Kirchendach
Während in der DDR die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt war, hatten sich in den 1980er-Jahren viele Menschen trotz allem zum gemeinsamen Protest unter dem Dach der Kirche versammelt. So auch im Herbst 1989, als – wie uns erzählt wurde – immer mehr Menschen in die Kirche strömten und auch die umliegenden Gassen und Plätze füllten. Sie waren entschlossen, nicht alles hinzunehmen und wählten hierzu den gewaltlosen Protest. Dies in einem – eigentlich verbotenen – Gottesdienst, mit gemeinsamem Beten und als Protestmärsche mit Kerzen. Diese unsägliche Kraft wurde zu einer friedlichen Revolution. Sie führte 1989 zum Mauerfall und zur Wende. «Wer eine Kerze trägt und das Auslöschen verhindern will, hat keine Hand frei für Waffen», sagte der Pfarrer in diesem Gebetsgottesdienst.
Mich hat diese Geschichte zutiefst berührt. Die Kraft des Gebets. Das überzeugte Miteinander. Spürbares Wirken der Heiligen Geistkraft. Spontan erinnerte ich mich an verschiedene Bibelzitate, die ich als Konfirmandin noch auswendig lernen musste. Sie sprachen davon, was alles möglich ist, für den, der da glaubt.
Lebendige Geschichte
Die Friedensgebete finden bis heute jeden Montag um 17 Uhr in der Nikolaikirche statt. Sie waren damals der Ausgangspunkt für die friedlichen Demonstrationen gegen die Willkür des SED-Regimes in der DDR. Noch immer werden bei den heutigen Friedensgebeten regelmässig neben sozialen auch gesellschaftspolitische Themen in den Fokus gestellt. Die Friedensgebete zeigen immer wieder neu, welche Kraft, welche Hoffnung und welche Ermutigung zu verantwortlichem Handeln aus der Botschaft Jesu erwachsen.
Die Stadt- und Pfarrkirche St. Nikolai gibt es seit 861 Jahren. Wiederholt wurde sie in dieser Zeit zu einem Ort, wo Unglaubliches geschah: Schon immer spielte die älteste erhaltene Kirche Leipzigs eine wichtige Rolle im politischen Leben. In der Nähe der Kirche siedelten sich im 12. Jh. verstärkt Kaufleute an – dank ihrem Schutzpatron Nikolaus von Myra. 1539 wurde in dieser Kirche die Reformation für Leipzig eingeführt. 1723 bestand hier Johann Sebastian Bach die Probe fürs Kantorenamt und trat in der Nikolaikirche sein Amt an. 1989 wurde sie zum erwähnten politischen Wendepunkt.
Die Kirche bewahrt diese Geschichte. Sie will aber auch im Blick auf die Gegenwart und Zukunft Raum für Verkündigung, Musik und Friedensgebete bieten. Im Inneren ist die grösste Kirche von Leipzig schlicht gestaltet. Aus korinthischen Säulen spriessen Palmwedel. So verlieh Stadtbaudirektor Dauthe der gotischen Hallenkirche 1784-1797 eine klassizistische Anmutung. Die grünen Palmwedel wirken, speziell auch bei nächtlicher Beleuchtung, frisch und lebendig.
Das Gebet für den Frieden damals ...
Die Friedensgebete von St. Nikolai und die Friedliche Revolution 1989 sind untrennbar miteinander verknüpft. Schon die Namen beider Bewegungen verweisen auf das, was sie im Innersten verbindet. Doch wäre es zu kurz gegriffen, die Friedensgebete auf diesen einen, wenn gleich auch dramatischen geschichtlichen Höhepunkt zu reduzieren.
Oft verkannt und verraten, ist der Friede unter den Menschen ein weltweites Thema. Der Friede zwischen den Völkern war stets ein zentrales Thema verschiedener Religionen und Konfessionen. Als Konsequenz verschafften sich im Bedrohungsszenario des Kalten Krieges der 1970er-Jahre in den Kirchen Friedensinitiativen mehr und mehr Gehör. Das ungeheure atomare Wettrüsten zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO, von der Staatsführung der DDR propagierte Feindbilder sowie eine forcierte Militarisierung des Alltags bis in den Schulunterricht hinein riefen in der DDR-Bevölkerung Verunsicherung, zunehmend aber auch Unmut hervor.
In dieser Lage rief die Jugendarbeit der evangelischen Kirchen in beiden deutschen Staaten 1980 erstmals gemeinsam zu einer blockübergreifenden Friedensdekade auf. Diese zehn Tage mit täglichen Diskussionsforen, Aktionen und Friedensgebeten wurden im November 1981 in Leipzig wie auch andernorts zur Inspiration. Hieraus entstanden die Andachten, die seit 1982 Montag für Montag in St. Nikolai stattfinden. Von Beginn an zogen sie Christen wie auch Nichtchristen an, die unter den Problemen der DDR-Gesellschaft litten und sich um die Zukunft sorgten. Das Gebet um Frieden im weiter gefassten Sinne entwickelte sich so zu einem Treffpunkt kritischer junger Menschen.
... und heute
Das Gebet um Frieden und die Arbeit am Frieden sind auch nach der Friedlichen Revolution 1989 alles andere als erledigt. Hunger und bittere Armut, Unterdrückung, Gewalt, Krieg und Terror sowie Umweltzerstörung und Klimawandel machen deutlich, dass die Aufgaben rund um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung heute aktueller denn je sind.
Was heisst das für uns?
Wo können wir selber zum Frieden beitragen, unsere «Schwerter» zu Pflugscharen machen? Bei den Indianern hiess es «das Kriegsbeil begraben». Und für uns möchte ich das Gebet von Franz von Assisi in Erinnerung rufen: «O Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens.» Auch wenn es oft beim Versuch bleibt: Wir können und sollen unser Bestes tun. Und darauf vertrauen, dass der Frieden im Kleinen beginnt und Grosses bewirken kann.
Die Geschichte des Friedensgebets zeigt, dass das Prinzip der Gewaltlosigkeit zu einem wirksamen Mittel gegen aggressiv ausgetragene Konflikte werden kann, und dass das auch mitten aus der Kirche nach aussen zu wirken vermag. Die Kirche selbst kann in schwierigen Situationen und Zeiten der Ratlosigkeit ein Zufluchtsort sein. Wo Probleme, Sorgen und Angst offen vor Gott ausgesprochen werden können, entstehen Hoffnung und Mut. Und Wege zur Lösung tun sich auf.

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