Früher war es vielleicht noch eher so: Meine hermeneutische Brille – die Art und Weise, wie ich die Bibel verstehe – sass passgenau, so dass ich sie beim Lesen gar nicht wahrnahm. Die Wahrheit sprang mir direkt von der Bibel ins Herz. Heute sitzt diese Brille nicht mehr so bequem. Sie juckt ein wenig und stört mich beim Lesen. Ständig bin ich mir der Brille bewusst. Gerne würde ich sie abnehmen, die Bibel ganz ungefiltert lesen. Doch bei jedem Versuch setzt sich eine andere Brille vor die Augen.
Die Wahrheit aus der Bibel herauszulesen, das war früher einmal eine einfache Sache. Schwarz auf weiss lag sie vor mir in diesem Buch. Heute ist die Bibel für mich eine Palette voller Graustufen: vieldeutig, mehrstimmig, spannungsvoll.
Unterschiedliche Antworten
Auf meinem bisherigen Lebensweg habe ich Einblick in viele verschiedene Ausprägungen des christlichen Glaubens erhalten. Viele verschiedene «Wahrheiten» sind mir begegnet. Dürfen Kinder getauft werden? Dürfen Frauen Leitungspositionen innehaben? Dürfen Schwule oder Lesben ihre Sexualität ausleben? Ist Jesus leiblich auferstanden? Gibt es sogenannte «Geistesgaben» noch heute? Gab es Adam und Eva wirklich? Gibt es eine Allversöhnung? Ist die katholische die wahre Kirche? Gibt es eine geistliche Welt?
Die verschiedenen christlichen Gruppierungen haben unterschiedliche Antworten auf diese Fragen – und immer ist die Bibel Teil der Begründung. Echte Diskussionen darüber zu führen, ist anstrengend, weil Antworten auf diese Fragen oft eng mit der Zugehörigkeit zur eigenen Glaubensgemeinschaft zusammenhängen. Kann man hier noch von einer Wahrheit der Bibel sprechen?
Nicht was, sondern wer!
Was, wenn nicht? Was, wenn Wahrheit nicht in einem Buch, sondern in einer Person zu finden ist? «Ich bin die Wahrheit», sagt Jesus gemäss dem Johannesevangelium 12,6 zu Thomas und den anderen Jüngern
Übrigens: Ich bin mir bewusst, dass auch dieser Ansatz ein hermeneutischer Entscheid ist. Doch ich will mir diese Brille bewusst aufsetzen und fragen, wie eine solche Jesus-Brille aussehen könnte. Ob sie bequem sitzt oder nicht, müssen die Lesenden für sich entscheiden.
Nun, wenn also die Wahrheit in einer Person, namentlich Jesus, zu finden ist, was kann dann daraus bezüglich der Bibellektüre gefolgert werden? Das Bild, das ich beim Lesen des Neuen Testaments erhalte, ist das einer Person, die sich dafür einsetzt, Menschen einzuschliessen. Ständig begegnet Jesus an den Rand gedrängten und deshalb fremden Menschen und setzt sich dafür ein, dass sie Teil des Reiches Gottes werden können. Er will den Menschen heilsame Gemeinschaft ermöglichen, ohne anhand von Kriterien festzulegen, wer dazu gehört und wer nicht.
Was könnte dies fürs Lesen der Bibel bedeuten? Vielleicht heisst es, auch fremden und unbekannten Texten angstfrei zu begegnen, ohne sie sofort dem eigenen Glauben gleich zu machen. Sich also vom Fremden ansprechen, berühren und sogar verändern zu lassen.
Dass auch ich als Lesende oder Lesender die Wahrheit in Person nie ganz erfassen, sondern ihr höchstens nachfolgen kann – diese Erkenntnis ist befreiend. Und trotzdem bin auch ich als Lesende oder Lesender angesprochen von dieser Person, die mich einschliesst, ohne dass ich zunächst die «richtigen» Glaubensinhalte für wahr halten muss.
Ist somit alles wahr?
«Ja, aber dann kann ja alles wahr sein», höre ich eine Stimme in meinem Kopf, verängstigt durch die Unsicherheit, die in dieser Haltung liegt. Aber so ist es nicht: Jesus wird bezeugt als jemand, der sich wortstark für seine Wahrheit eingesetzt hat. So denke auch ich, dass es noch heute in Kirche und Politik viele Themen gibt, die zu wichtig sind, als dass man aus Angst vor Konfrontation darüber schweigen sollte. Dennoch gilt es, auch in diesen Gesprächen die Demut zu wahren, im Wissen, dass man selbst die Wahrheit nie ganz erfasst hat.
Liegt nicht gerade in dieser Offenheit ein Schlüssel zum Glauben? Glaube ist letztlich kein Für-wahr-Halten eines Lehrbuches, sondern das Vertrauen in Jesus Christus und damit eine Form der Beziehung. Und sind wir dieser Wahrheit in Person nicht manchmal dann näher, wenn wir unterschiedliche «Wahrheiten» nebeneinander aushalten und trotzdem die Gemeinschaft miteinander wahren?
Damit wäre diese Jesus-Christus-Brille nicht nur eine hermeneutische Lesebrille, sondern zugleich eine spirituelle Haltung: Ich begegne dem mir Fremden liebend, baue Feindbilder ab und komme vielleicht gerade durch das Gegenüber der Wahrheit in Person etwas näher.
Das lebendige Wort dahinter
Was erwarte ich, wenn ich mir zur Bibellektüre diese Lesebrille aufsetze? Als Theologe bin ich weiterhin bestrebt, die Wahrheit zu erkennen. Doch ich versuche nicht länger, diese Wahrheit aus schwarzen Buchstaben auf weissem Hintergrund akribisch herauszuarbeiten. Vielmehr hoffe ich, in Einverständnis, Anfrage, Kritik und Verwirrung durch die Vielzahl an Graustufen hingewiesen zu werden auf das lebendige Wort, das hinter diesen Texten steht. Und ich vertraue, dass diese Wahrheit in Person durch Gottes Geist auch heute noch gegenwärtig ist und mir begegnen will. So werde auch ich Teil eines seit Jahrtausenden andauernden Gesprächs von Zeugen und Zeuginnen, die sich von Gott angesprochen wissen und suche mit ihnen, ihn immer tiefer zu erkennen.

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