Musik: Das mutigste Orchester der USA

Spricht man in den USA von Orchesterkultur, so fallen bald einmal die Namen der sogenannten «Big Five». Zu ihnen gehören die New York Philharmonic, die Boston und Chicago Symphony sowie das Philadelphia und Cleveland Orchestra. Eigentlich müsste man von den «Big Seven» sprechen, denn die Klangkörper in San Francisco und Los Angeles bewegen sich ebenfalls in diesen Sphären.

(Lesezeit: 9 Minuten)

Bestimmt in einer ganz anderen Liga spielt das SDSO – das South Dakota Symphony Orchestra. Denn South Dakota mit seiner Hauptstadt Sioux Falls ist, verglichen mit den genannten Städten, kulturelles Hinterland. 

South Dakota Symphony Lakota Project in Wagner, South Dakota (Bild: Dave Eggen/Inertia)

Ein Orchester im kulturellen Hinterland

Dies schlägt sich allein schon im Budget des SDSO nieder: Statt mit 80-100 Millionen, wie sie den grossen Klangkörpern jährlich zustehen, muss es mit 2,3 Millionen Dollar auskommen. Um es anschaulich zu machen: Ein Spitzenorchester gibt mehr Geld für einen Stardirigenten aus, als ein so kleines Orchester für die ganzes Saison zur Verfügung hat.

So kann das Orchester nicht erwarten, dass es über seinen unschätzbar wertvollen Dienst für die lokale Bevölkerung hinaus Beachtung findet, geschweige denn in den landesweiten Feuilletons oder Online-Kulturportalen vorkommt.

 

Eine kleine Sensation

Deshalb kam es einer kleinen Sensation gleich, als die «American Society of Composers, Authors and Publishers» das Orchester 2006 und sechs Jahre später den Chefdirigenten für «mutige Programmgestaltung» auszeichnete. Und erst recht machte in Sioux Falls Furore, dass der berühmte Musikkritiker Alex Ross 2022 einen Artikel im «New Yorker» mit dem Titel überschrieb: «Wie die South Dakota Symphony zu einem der mutigsten Orchester Amerikas wurde». Seither ist das SDSO tatsächlich in den nationalen Medien präsent.

Und unter den 30 einflussreichsten Klassik-«Top professionals» in Amerika erschien 2025 auch der Name des Chefdirigenten Delta David Gier.  

 

Delta David Gier

Wer ist David, wie ihn seine Freunde nennen? Zunächst ein kurzer Blick auf seine künstlerische Laufbahn: Nach seinem Musikstudium war David 15 Spielzeiten lang «Assistant Conductor» der New Yorker Philharmoniker unter Leonhard Bernstein und anderen grossen Dirigenten. Auch stand er am Pult von drei der «Big Seven»-Orchester. Dann bewarb er sich 2004 auf die Stelle in South Dakota in der Absicht, bald darauf ein interessanteres Orchester zu übernehmen. Doch er blieb! Bisher sind es 22 Jahre. Immer wieder wunderte er sich darüber, weshalb er entgegen seinen Vorsätzen nie den Drang verspürt hatte, seine Karriere in einem kulturellen Zentrum fortzusetzen. Aber als Christ weiss er, dass dies kein Zufall ist. Denn bald zeigte sich, dass er hier einen wichtigen Auftrag hatte. 

 

Auftrag in Sioux Falls

Bald gelang es David, in Sioux Falls wichtige Akzente zu setzen. So führte er eine neue Tradition ein: Zum Advent gehört nun seit Jahren Händels «Messias». Dies bedingte, dass der Chor besser werden musste. Was früher undenkbar gewesen war, gelang kürzlich, nach Ostern 2026, problemlos: Die Aufführung von Haydns «Schöpfung» mit den schwierigen Chorpassagen. Weiter führte David das eher traditionelle Publikum an zeitgenössische Werke heran und konnte so auch eine jüngere Generation begeistern. Zudem gräbt der Dirigent immer wieder Schätze amerikanischer Musik aus und bringt die «auf der Strasse verlorenen Diamanten wieder zum Leuchten», wie die New York Times über die Aufführung der jahrzehntelang vergessenen Oper «Giants in the Earth» schrieb, die von der Ansiedelung norwegischer Einwanderung im Dakota-Territorium handelt. Und schliesslich gibt es da noch das Lakota-Projekt ...

 

Das Lakota-Projekt

Als David Chefdirigent in Sioux Falls wurde, trieb ihn die Frage um, was er für den Zusammenhalt zwischen weissen und schwarzen Amerikanern tun könne. Vielleicht würden sich musikalisch Brücken schlagen lassen. Als er diesen Gedanken in Gesprächen aufbrachte, sagte man ihm, dass South Dakota eine andere Problematik kenne: Die weit in die Geschichte zurückreichende Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. David war betroffen und beschloss, mit seinem Orchester Versöhnungsarbeit zu leisten.

Er nahm Kontakt zu den Häuptern der Lakotas und Dakotas auf, stiess dabei aber auf eine schier unüberwindbare Mauer aus Angst und Misstrauen. Er erkannte bald: Der Weg würde steinig werden. Mit grosser Geduld begann er nun, indigene Älteste aufzusuchen und viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Dazu stiessen mit der Zeit Musiker, die er mit Mitgliedern des SDSO zusammenbrachte. Allmählich entstand eine Zusammenarbeit, die unter dem Namen «Lakota-Projekt» immer mehr Gestalt annahm.

 

Ein Schlüsselerlebnis

David erinnert sich an ein Schlüsselerlebnis: «Es geschah an einem Abend im Pine Ridge Reservat. Draussen fiel Schnee. Drinnen hatten wir eine erste – man könnte sagen – 'Jam Session' mit einem Streichquartett, einem Bläserquintett und indigenen Trommlern. Das war eigentlich schon sehr seltsam. Wir spielten einfach füreinander und sprachen über die Musik. Plötzlich stand der Leiter der indigenen Musikgruppe, Melvin Youngbear, auf und stimmte alte Lieder an. Und auf einmal sangen alle mit.»

 

Das Konzertpublikum tanzt

Nun ging es darum, indigene Musik in den Konzertsaal von Sioux Falls zu bringen. Würde sich hier eine ähnliche Atmosphäre einstellen wie im Pine Ridge Reservat?

David erinnert sich an einen bemerkenswerten Moment: «Wir führten mit dem vereinten Klangkörper ein Stück auf, zu dem man in den Reservaten zu tanzen pflegt. Als ich nach einer Weile am Dirigentenpult über meine Schulter in den Saal blickte, sah ich etwas, das mich überwältigte: Unser Publikum tanzte!  Männer und Frauen, alt und jung und Menschen aus verschiedenen Kulturen hielten sich an den Händen und machten einen Kreistanz. Sie feierten so, was uns Menschen eint: eben das Mensch-Sein. Dies mitten in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft so gespalten ist. Es war irgendwie ein Moment der Heilung.»

 

«Er glaubt an das Unmögliche!»

Im gleichen Interview, das David 2025 dem landesweiten Sender «1A» im Programm «More than Music» gab, sprach er davon, dass seine Motivation der Glaube sei. Der Komponist und Musikkritiker Joseph Horowitz meinte, im Lakota Projekt würde er etwas von dem wahrnehmen, was Amerika christlicher machen könnte. Und der Komponist Derek Bermel sagte: «Er lässt sich vom Glauben leiten, und ich denke, dass dieser ihm ‘sagt’, er könne an Dinge glauben, die aussergewöhnlich und eigentlich unmöglich sind.» Glaube an das Unmögliche? David denkt daran, auch auf andere ethnische Gruppen zuzugehen, die keine Wertschätzung erfahren.

 

Das Lakota-Projekt heute

Heute ist auf der Webseite des SDSO etwas zu lesen, was landesweit in kulturellen Kreisen auf Begeisterung stösst: «Das Lakota Music Project (LPM) ist das Flaggschiff des South Dakota Symphony Orchesters. Es schliesst Gräben zwischen zwei Kulturen. Das zwischen 2005 und 2008 ins Leben gerufene Projekt widmet sich der historischen Rassenproblematik und baut Brücken zwischen amerikanischen Ureinwohnern und Nicht-Ureinwohnern. Indem man die Musik der anderen Seite kennen lernt, entsteht ein offener Austausch. Die Konzertprogramme werden jeweils von Musikern des SDSO, den Creekside Singers, einer Lakota-Trommelgruppe und dem Dakota-Zedernflötisten Bryan Akipa bestritten. Sie spielen sowohl Musik aus ihrem eigenen kulturellen Erbe als auch Stücke, die speziell für diesen zusammengesetzten Klangkörper komponiert wurden.»

 

Delta David Gier und «Crescendo»

David ist übrigens auch der Leiter von «Crescendo Nordamerika» und Dirigent des Orchesters im jährlichen «Crescendo Sommerinstitut». Er hat in den letzten Jahren entscheidend dazu beigetragen, dass «Crescendo» in den USA und Kanada sprungartig gewachsen ist. Als in der Covid-Zeit der Konzertbetrieb stoppte, führte er jeden Tag zwei bis drei Zoom-Gespräche mit christlichen Musikerinnen und Musikern aus allen Teilen Amerikas. Rund 800 traten infolgedessen dem Netzwerk bei und in elf Städten entstanden lokale Kreise, die auf unterschiedliche Weise auch nach aussen wirken.

 

Links:

https://www.youtube.com/watch?v=9FUQ9CaidVQ&t=23s

https://the1a.org/.../more-than-music-the-lakota-music/

www.crescendonorthamerica.org/

www.crescendoinstitute.org 

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