Ich kann mich noch gut an meine Irritation zu Beginn des Psychologiestudiums erinnern, als ich mit derart widersprüchlichen psychologischen Konzepten konfrontiert wurde, dass ich sie nur durch eine Korrektur meines bisherigen Wahrheitsbegriffs nebeneinander stehenlassen konnte. Das ist ein Beispiel dafür, wie meine eigene Ambiguitätstoleranz auf eine Probe gestellt und letztlich erweitert wurde.
Verbitterung oder Weisheit?
Als ich vor ein paar Jahren als junger Mann vor Senioren einen Vortrag zum Thema «Weisheit» hielt – weise kann man dieses Vorhaben kaum nennen –, wurde ich für die Definition von Weisheit bei Michael Linden, einem Psychiater an der Charité in Berlin, fündig. Er hat, ausgehend von vielen enttäuschten Menschen aus der DDR (Ostdeutschland), zum Thema Verbitterung geforscht und das Krankheitsbild der «posttraumatischen Verbitterungsstörung» beschrieben. Diese Störung sei in den neuen Bundesländern ausgelöst worden durch den Fall der Berliner Mauer, «der Wende» von 1989, die das Ende des Sozialismus eingeleitet hatte. Als Konzept ohne klinische Ausprägung wurde in diesem Zusammenhang auch der Begriff der «Ostalgie» (abgeleitet aus «Nostalgie») geprägt.
In seiner Forschung hat er die Verbitterung als einen möglichen geistigen Endpunkt im Alter beschrieben und diesem einen anderen Endpunkt, den der Weisheit, gegenübergestellt. Gemäss seiner Definition entspricht Weisheit vor allem der Fähigkeit, sich nicht in eindimensionale Lösungen zu flüchten, sondern Widersprüche auszuhalten, eigene Prinzipien auch mal beiseite zu lassen – für einen grösseren Nutzen etwa zugunsten der Allgemeinheit. Diese Definition entspricht zu grossen Teilen dem Konzept der Ambiguitätstoleranz.
Mehrere Dimensionen zulassen
Haben Menschen heute denn mehr Mühe mit Mehrdeutigkeiten (Ambiguität) als früher? Das ist schwierig zu beantworten. Wenn wir aber davon ausgehen, dass das Leben, getrieben durch Digitalisierung und Globalisierung, tatsächlich komplexer geworden ist, müssen wir annehmen, dass wir durch diese Entwicklungen zunehmend herausgefordert werden. Das ist an sich nicht angenehm und ruft eine Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit hervor.
Die Flucht in eindimensionale Lösungen kann sich in politischen Überzeugungen, im Glaubensleben, in Erziehungsfragen, ja letztlich in allen Fragen der Lebensführung zeigen. Sie kann gut in Slogans zusammengefasst werden, da diese ja zugunsten der Eingängigkeit sowieso vereinfacht formuliert werden.
Beispiele für eindimensionales Denken
- Parolen von politischen Parteien: im Wahlkampf, aber – vor allem bei den Polparteien – auch durchgängig zu beobachten.
- Dämonisierung der Andersdenkenden: Sichtbar zum Beispiel im amerikanischen 2-Parteien-System, aber auch bezüglich Beurteilung von behördlichen Massnahmen während der Covid-Pandemie.
- Extremismus in Ernährungsfragen: zum Beispiel bei Veganismus und anderen extremen Diäten oder bei Orthorexie – der zwanghaften Fixierung auf gesunde Ernährung.
- Totale Ablehnung von Hierarchien in Erziehungsfragen, d.h. die Überzeugung, dass schon Kinder als gleichberechtigte Partner in familiäre Entscheidungen einbezogen werden sollen.
- Die Weigerung, eigene Entscheidungen zu treffen, um Gottes Plan für das eigene Leben nicht im Wege zu stehen.
Die Fähigkeit zur Mehrdeutigkeit einüben
Das Leben erscheint mir so komplex und unplanbar, letztlich in vielem auch unverstehbar, dass einfache Lösungen wohl fast immer an der Wirklichkeit vorbeizielen. Ein Training in der Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz tut also Not. Wie kann diese Ambiguitätstoleranz – und damit so etwas wie Weisheit – eingeübt werden?
Dazu einige Hinweise:
- Raus aus der Blase: Nur wenn ich mit Andersdenkenden rede, werde ich mit anderen Überzeugungen konfrontiert. Wenn ich mich darauf einlasse, reflektiere ich über Unterschiede und entwickle eine Sprachfähigkeit darüber.
- Aktives Zuhören: Wenn ich andere vorschnell unterbreche und ihnen meine Meinung überstülpe, werde ich nicht herausgefordert, unterschiedliche Überzeugungen vorerst stumm auszuhalten.
- Hilfreichere Formulierungen: Statt zu sagen: «Fakt ist, dass …» könnte ich zum Beispiel sagen: «Bisher war ich der Meinung, dass …» oder: «Ich verstehe, was du sagst, aber man kann es auch aus einer anderen Perspektive betrachten.»
Die Bibel als Hilfe zu mehr Weisheit
Hilfreich ist es zudem, sich mit der Bibel auseinandersetzen. Wie das Psychologiestudium beinhaltet auch sie viele Spannungsbögen.
Die Bibel enthält teilweise diametral auseinanderliegende Aussagen, wie zum Beispiel die kaum miteinander zu vereinenden unterschiedlichen Stammbäume von Josef, dem Vater von Jesus. Gemäss Lukas 3,23 heisst sein Vater Eli, gemäss Matthäus 1,16 aber Jakob. Oder die Erzählungen, dass Gott dem Volk Israel befohlen habe, ganze Städte mit Mann und Maus umzubringen, er aber doch jeden Menschen liebt.
Wenn wir solche Gegensätze zu einem Ganzen integrieren, werden wir weiser. Oder wie es Salomo, der nach biblischer Überlieferung weiseste Mensch der Welt, in Sprüche 4,8 sagt: «Liebe die Weisheit, so wird sie dich zu Ehren bringen.»

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