Während ich die Vorfreude auf Weihnachten fast schöner als das Weihnachtsfest selbst empfinde, mag ich das Nachklingen der Osterbotschaft nach dem Ostersonntag. Was für ein grossartiger Moment im Kirchenjahr. Wie schade, ihn auf einen Tag zu begrenzen. In der anglikanischen Liturgie sprechen wir es lange nach dem Ostersonntag gemeinsam so aus: «Christ, our passover has been sacrificed for us. Therefore, let us keep the feast. Alleluia!» In deutscher Sprache: «Christus, unser Passahlamm, wird für uns geopfert. Deshalb lasst uns das Fest feiern. Halleluja.» Dazu ermutigen wir einander und ergänzen weiter: «Take a moment to ponder.» Ich übersetze frei: Denke immer wieder darüber nach. Halte an der Freude am Osterfest und seiner Botschaft fest. Nimm sie mit ins ganze Jahr, in jeden Tag, mitten in den Alltag hinein. Lass sie alles überstrahlen! Wie gerne würde ich in der Ostkirche Ostern feiern. Es soll überschwänglich zugehen, der Gesang ist rauschend, das Essen lustvoll. Die Menschen küssen sich. Da geht was!
Die Kraft der Auferstehung jetzt erfahren
Dafür spricht sich auch der Theologe N.T. Wright aus, wenn er Ostern als «Gottes Überraschungsparty» beschreibt. Oder zum «Osteroktav» ermutigt, in der die Auferstehung acht Tage lang hintereinander gefeiert werden soll. Yes indeed, why not? Ich stelle mir grosse Tische mit weissen oder bunten Tischdecken auf allen Plätzen der Stadt vor. Alle sind eingeladen, denn wir feiern Auferstehung! Worauf der Neutestamentler jedoch hinaus will: Die Kraft der Auferstehung verwandelt das Leben bereits jetzt! Nicht erst nach dem Tod. Sie setzt den kühnen Auftakt zur neuen Welt. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Alles, wirklich alles, auch Tod und Sterben sind nun der Erlösung und Erneuerung geweiht. Sie sind nicht übermorgen, sondern seit Ostern sofort zu haben.
Todesnachrichten und die Auferstehung
Das eine ist die Auferstehungsfreude, das andere der Spott über den Tod. Er drängt sich dann besonders auf und gibt auf eine merkwürdige Art und Weise Trost, wenn der Tod einen aus allen Nachrichten fies und scheinbar siegesgewiss angrinst. Oder einen persönlich trifft. Als meine Eltern starben, war der Spottvers von Paulus grosser Halt und Kraftquelle. Mantramässig habe ich ihn vor mir hergetragen, weil er der Trauer den Schrecken nahm. «Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?»
Diese Tage erinnern wir uns an den ersten Völkermord in Armenien am 24. April 1915, dem viele weitere in Europa folgten. Das Morden hört nicht auf und scheint zu triumphieren. Das müssen die ersten Christen auch so empfunden haben. Die römischen Machthaber schnitten ihre verbrannten Körper in Einzelteile, weil sie Angst hatten, dass durch ihr Bewahren deren Einfluss weiterging. Das ist beispielsweise bei Polykarp von Smyrna (69/70 nach Christus) überliefert. Ihr Demagogen, Mullahs, Folterknechte aller Zeiten und Mörder jeglicher Art! Seit Ostern ist klar: Wir werden auferstehen. Körperlich.
Dichten ist Aufstand gegen den Tod
In diesem Kontext wirkt besonders tapfer die Tradition des Osterlachens, ein fulminantes Stilmittel, das leider aus der Kirchengeschichte verschwunden ist. Da ist der Tod der, der sich an Christus «verschluckt» hat und der totalen Lächerlichkeit preisgegeben ist. Ich plädiere dafür, grässlichen Todesnachrichten mutige Spotttexte entgegenzuhalten.
Das hat auf ganz eindrückliche Weise Dorothee Sölle getan. Sie schreibt in «Gegen den Tod» die folgenden Zeilen:
Ich muss sterben
aber das ist auch alles
was ich für den Tod tun werde
Alle andern Ansinnen
seine Beamten zu respektieren
seine Banken als menschenfreundlich
seine Erfindungen als Fortschritte der Wissenschaft
zu feiern werde ich ablehnen
All den anderen Verführungen
zur milden Depression
zur geölten Beziehungslosigkeit
zum sicheren Wissen
dass er ja sowieso siegt
will ich widerstehen
Sterben muss ich
aber das ist auch alles
was ich für den Tod tue
Lachen werd ich gegen ihn
Geschichten erzählen
wie man ihn überlistet hat
und wie die Frauen ihn
aus dem Land trieben
Singen werd ich
und ihm Land abgewinnen
mit jedem Ton.
Aber das ist auch alles.
Ein hoffnungsvolles Hinübergehen
Die Art und Weise ihres Hinübergehens in die neue Welt unterstreicht diese Hoffnungshaltung. Die Theologin und ihr Mann Fulbert Steffensky waren Referenten bei einem Seminar zum Thema «Gott und das Glück». Dort las die 73-Jährige am Samstagabend aus ihren Gedichten. In der Nacht zum 27. April 2003 wurde der Notarzt gerufen und Dorothee Sölle ins Krankenhaus gebracht. Todesursache: Herzinfarkt.

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