Stromausfälle kennen wir hier in der Schweiz kaum. Das ist jedoch nicht in jedem Land so. In der Ukraine ist die Energieinfrastruktur ein strategisches Angriffsziel und Strom in grossen Städten oft nur wenige Stunden am Tag verfügbar. In Afrika wiederum sind ländliche Gebiete teilweise gar nicht an einem Netz angeschlossen, weil die nötige Infrastruktur nicht vorhanden ist. Wieder andere Länder hätten eigentlich das Geld und die Ressourcen dazu, doch Misswirtschaft führt dazu, dass Strom nicht in genügendem Masse hergestellt wird.
Immer mehr Produktion aus erneuerbaren Energien
Insbesondere die Solarenergie hat in den letzten Jahren ein fulminantes Wachstum hingelegt. Im ersten Halbjahr 2025 wurde global erstmals mehr Strom aus Wind und Sonne gewonnen als aus Kohle. Auch die Schweiz hat einen Rekord verzeichnet. 2025 stammte 14% unseres Stroms aus dieser Quelle. Das ist fast 50% mehr als noch ein Jahr zuvor. Ein Haupttreiber für den weltweiten Boom waren sicherlich die Preise für Solarpanels, die weiter gesunken sind.
Öffentliche und private Stromnetze
Während hierzulande die meisten Nutzer den Strom direkt von ihrem Dach ins Netz einspeisen, ist das in anderen Ländern nicht der Fall. In Afrika etwa werden 55% der Solaranlagen gar nicht in ein lokales Verteilnetz eingebunden, sondern der Strom wird in Kleinstnetzen von einem oder mehreren Haushalten genutzt und bei überschüssiger Produktion in einer Batterie gespeichert. Diese dezentrale Stromproduktion ermöglicht zum Beispiel Spitälern in abgelegenen Regionen eine verlässliche und autonome Energieversorgung. Andere, die Anschluss an ein Netz haben, sparen durch die Eigenproduktion Netzgebühren und nutzen das Netz nur, wenn sie selber keinen Strom in ihrem Netz haben. Dadurch sinken die Einnahmen der Energieversorger aus der Netznutzung, wodurch oft die Gebühren erhöht werden müssen, um die Kosten zu decken, was wiederum die Nutzung reduziert. Ein potenzieller Teufelskreis mit ungewissem Ausgang. Bei Datenzentren in den USA wird teilweise die Energieproduktion gleich vor Ort mitgebaut, um möglichst unabhängig vom Stromnetz und dessen Beschränkungen funktionieren zu können.
Auch in der Schweiz ist mit dem revidierten Stromgesetz seit 2026 der Stromhandel zwischen Nachbarn einfacher möglich, auch über das öffentliche Netz. Ob und wie populär die neuen Instrumente des virtuellen Zusammenschlusses zum Eigengebrauch (vZEV) bzw. von Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) werden, ist noch unklar. Ein akutes Problem aufgrund fehlender Netzverfügbarkeit besteht jedenfalls nicht. Dabei gibt es viele Vorteile wie gesparte Netzkosten, ein Gefühl der Verbundenheit mit Nachbarn und ein Stück Liberalisierung im End-Verbrauchermarkt, und das alles fördert das Verständnis der Nutzer für das Energiesystem. Diese Instrumente bieten auch eine Möglichkeit für Kirchgemeinden, sich in der Nachbarschaft hilfreich einzubringen und Strom zu teilen. Wer einer LEG beitreten will, findet entsprechende Dienstleister online.
Soziale Netze
Auf funktionierende Netze zählen zu können, ist ein Privileg, nicht nur beim Strom. Als Menschen sind wir für die Gemeinschaft geschaffen: Wir brauchen den Kontakt zu anderen, sei es im Beruf, in der Freizeit oder im Glaubensleben. Freundschaften, Partnerschaften oder Familien, insbesondere aber auch Nachbarschaft, Gemeinden oder Vereine sind wichtige Formen von Gemeinschaft. Solche sozialen Netze geben uns neue Impulse, Sinn und Zugehörigkeit.
Grössere (Strom-)Netze sind widerstandsfähiger als kleine. Spannungsunterschiede können in grossen Netzen besser aufgefangen werden. Das gilt sowohl energetisch wie auch sozial: wenn mal ein Kraftwerk ausfällt, eine Person krank wird oder aus dem Leben scheidet. Für die Nutzung des Stromnetzes bezahlen wir Geld, was zum Glück bei sozialen Netzen nicht im Vordergrund steht. Ohne Aufwand funktionieren jedoch auch diese Netze nicht. Wer in Gemeinschaft lebt, muss auf andere Rücksicht nehmen, sich absprechen und ist mit Konflikten konfrontiert. Auch wenn es teilweise Überwindung braucht, solche Netze aufzubauen, kann man oft viele Jahre oder Jahrzehnte davon profitieren, wenn sie einmal stehen. Unabhängigkeit erlaubt mehr Kontrolle, kann aber auch mehr Einsamkeit und weniger Hilfe von aussen bedeuten.
In der Schweiz können wir dankbar sein, dass wir uns auf das Stromnetz verlassen können. Weil das so selbstverständlich ist, erkennen wir unsere Abhängigkeit oft erst, wenn es mal nicht mehr funktioniert. Genauso ist es in sozialen Beziehungen. Wer sich dessen bewusst ist, kann die Dankbarkeit auch seinen Mitmenschen gegenüber zum Ausdruck bringen, Beziehungen festigen und sich an dem freuen, was funktioniert.
Vertrauen ohne alles zu verstehen
Christen wollen insbesondere von Gott abhängig sein und ihm vertrauen. Genau wie beim Strom sehen sie Gott nicht. Aber wie der Strom eine Birne zum Leuchten bringt, hinterlässt auch Gott in unserem Leben immer wieder Spuren. Vielleicht ist Glaube genau das: Auf einen Schalter drücken im Vertrauen, dass das Licht angeht – auch wenn es manchmal anders leuchtet als erwartet.

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