Kaum zu ertragen: Das tragische Paradox «Krieg im Frieden» 

«Krieg und Frieden» – Was für ein Dauerthema der Menschheit! Und das nicht erst seit Napoleons Kriegszügen in Russland (1805-1812), die Leo Tolstoi in seinem umfangreichen Historiengemälde 1868/69 unter diesem Titel bedrückend schildert. Es gleicht der «Ilias» (Trojanischer Krieg, 1200 v.Chr.) von Homer (850 v.Chr.). Krieg und Frieden prägen also die Geschichte, im europäischen Mittelalter im Verhältnis 5:1 (1). Die politischen Strukturen der heutigen Welt sind das Ergebnis von etwa 6000 Jahren organisierter Kriegsführung (2). Immer wieder stören schwer durchschaubare, abgründig zufällige, triebhaft machtsüchtige und imperial berechnende Motive den Frieden. 

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Aber es gibt auch schon seit der Antike Friedensbemühungen. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 mehren sich die Meilensteine: Das IKRK 1863, die Genfer Konvention 1864, das allgemeine Völkerrecht auf der Basis der UN-Charta 1945 und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948. Die UNO gab sich das visionäre Logo «Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern …»3. Die von der Sowjetunion (!) geschenkte Skulptur dazu steht seit 1959 vor dem UNO-Hauptquartier in New York. 

UNO-Statue: Schwerter zu Pflugscharen (Bild: Wikipedia)

Die grosse Idee war es, endlich durch überstaatliche Rechtsordnungen die Beziehungen zwischen Völkern und Staaten auf der Grundlage der Gleichrangigkeit und Unverletzlichkeit zu regeln. Es entstanden UNO-Institutionen, ein internationaler und europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Abrüstungsverträge und viele Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) wie die Pax-Christi-Bewegung, Amnesty International oder Aktion Sühnezeichen – sollte nicht endlich ein wertebasierter universaler Ordnungswille der Welt Frieden und Freiheit bringen?

Aber ausgerechnet diese grosse Idee wird gerade ausgehebelt, ist zum Streitobjekt geworden. Ist sie eine irreale Illusion?  

Die augenblicklich gegen hundert Kriege und bewaffneten Konflikte, die gewinnorientierten Ausbeutungskriege gegen Natur und Mensch, Habsucht, Gier, Egoismus, Hass, Rassismus und Antisemitismus – sie ereignen sich gegen alle Vernunft und Vernünftigkeit, gegen alle Logik und Ökonomie. Es wird immer unheimlicher, weil Wut und Widerstand gegen Kriegstreiber und Gewaltsysteme oft brutal unterdrückt werden. Die Kriege entfalten globale Sprengkräfte, es gilt wieder die alte Logik «Si vis pacem, para bellum – Willst du Frieden, bereite den Krieg vor».

 

Krieg wohin das Auge reicht

In diesem Paradox «Krieg im Noch-Frieden» lässt mich ein Wort Jesu nicht mehr los. An seiner letzten Passahfeier vor seiner Verhaftung verspricht er seinen Jüngern: «Für eure Zukunft hinterlasse ich euch meinen Frieden. Aber nicht so, wie die Welt ihn gibt. Euer Herz erschrecke und verzage nicht4 Jesus relativiert hier alle irdischen Friedensabsichten und Friedensabkommen. Sie mögen regional und zeitweise immer wieder mal Friedenszeiten ermöglichen. Auch die «Pax Romana Augusta» (27 v.Chr. – 180 n.Chr.) war nichts anderes als eine militärisch gesicherte Unterdrückungsordnung.

In dieser politischen Realität lebt Jesus und konstatiert nüchtern: Die Welt bringt keinen dauerhaften Frieden zustande5. Ewige Friedensverträge zwischen A und B werden immer gebrochen. Der Grund für diese unlösbare bittere Realität? «Die Welt kann den Geist der Wahrheit nicht empfangen, denn sie sieht und kennt ihn nicht», sagt Jesus in Johannes 14,17.

Das hängt mit einer tiefsitzenden, urmenschlichen Verkehrtheit zusammen. Die Bibel deckt sie schonungslos auf – ob das nun unserem idealistischen Menschenbild passt oder nicht. So zitiert zum Beispiel Paulus etwa 30 Jahre nach Jesu Wirken im Brief an die Gemeinde in Rom den Propheten Jesaja: «Die Füsse der Menschen laufen zum Bösen und sie vergiessen schnell einmal unschuldig Blut. Sie denken sich Unheil, Verderben und Schaden aus. Sie kennen den Weg des Friedens nicht und Unrecht treiben sie. Wer mit ihnen auf diesen krummen Wegen mitgeht, der hat keinen Frieden6.» Dieser Befund gründet in der permanenten Ablehnung der guten Weisungen Gottes. Weinend beklagt das Jesus: «Ich habe dich sammeln wollen wie eine Henne ihre Küken, aber du hast nicht gewollt7

Im Prozess gegen Jesus wird das endgültig klar: «Wir wollen nicht, dass er über uns herrscht. Wir wählen lieber den Revoluzzer Barrabas als den Friedensfürsten Jesus8

Der eigenmächtige Selbstbezug, die Autonomie und Selbstliebe, die Negierung jeglicher transzendenter Letztinstanz – sie verheissen zwar beglückende Freiheiten zur autonomen Selbstinszenierung und Selbstverwirklichung. Aber da fängt auch schon die Friedelosigkeit an, wenn mein Selbstausdehnungswille auf andere Selbstansprüche trifft. Im Kleinen wie im Grossen entstehen dann die unzähligen Variationen zwischen Privatfehden, Kleinkriegen, Weltkriegen und globalen Hybridattacken.

Der Komödiendichter Titus Plautus hat um 200 v.Chr. die Sentenz geprägt: «Lupus est homo homini – ein Wolf ist der Mensch dem Menschen». Diese Aussage zu generalisieren, wäre völlig unsinnig, denn unzählige Menschen sind keine Raubtiere. Und doch entspricht sie der geschichtlichen Erfahrung, wie sie die Bibel feststellt: «Sie rufen Frieden, Frieden und ist doch kein Friede9

Diese Sicht auf Krieg im Frieden dürfen wir nicht verdrängen oder unterschlagen. Denn sie lässt verstehen und erkennen, was uns weltpolitisch ständig zugemutet wird. Seit der Antike wird der Krieg zwar als Vater aller Dinge bezeichnet. Aber damit wollte der altgriechische Philosoph Heraklit (545-475 v.Chr.) nicht den Krieg verherrlichen, sondern nur auf die Dialektik hinweisen, dass Fortschritt und Neues im ständigen Wandel, Wechsel und Streit der Gegensätze entstehen. Der Mensch aber sei verantwortlich, Konflikte und Polaritäten nicht in blutige Schlachten ausmünden zu lassen. Auf diese mögliche De-Eskalation wird schon der Brudermörder Kain verwiesen: «Wenn Du jetzt deine Gefühle von Hass und Ablehnung kultivierst, bist du nicht mehr fromm und frei. Dann lauert die Sünde vor der Tür und verlangt nach dir. Du aber herrsche über sie10

 

Der gottlose Mensch

Der gottlose Mensch ist das Urproblem, an dem wir zutiefst leiden bis heute. Vor 40 Jahren meinte der Literaturnobelpreisträger (1972) Heinrich Böll: «Ich überlasse es jedem einzelnen, sich den Alptraum einer Welt vorzustellen, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: Wo der Mensch in die Hände des Menschen fällt11

Ähnlich äussert sich der Politiker Gregor Gysi 2018 in einem Fernsehtalk mit Markus Lanz: «Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft»12. Ebenso liess sich der renommierte Soziologe Hartmut Rosa jüngst verlauten: «Wenn die Gesellschaft die Beziehungsmöglichkeit zu Gott verliert und vergisst, dann ist sie endgültig erledigt»13.

Die jahrzehntelange Friedenszeit in Europa war eine Atempause. In ihr hiess der Friede bis zur Wende 1989 «Kalter Krieg» und er wurde durch das «Gleichgewicht atomarer Abschreckung» erhalten. Die militärische Aufrüstung damals verschlang Unsummen, so wie jetzt wieder gemäss der Logik: Si vis pacem, para bellum. Etwas Friede hier und da, dann und wann – aber immer irrsinnig teuer.

Diese unlösbare Absurdität weltlichen Friedens deckt Jesus auf und bezeichnet in seiner Endzeitrede Kriege und Kriegsgeschrei in der Völkerwelt als Kontinuum der Menschheitsgeschichte14. Jahrzehnte später sieht Johannes im Exil auf Patmos in einer Vision, wie im Endstadium irdischer Geschichte der Friede von der Erde weggenommen wird und sich die Menschen untereinander erwürgen15.

Die Aussichten sind nicht rosig, sagen uns längst auch die Medien, Filme und die Literatur, wie zum Beispiel der Philosoph Philipp Blom: «Die Welt ist aus dem Lot geraten, die Menschen haben Angst und haben sich längst daran gewöhnt, sich vor der Zukunft wie vor einem Virus zu fürchten»16.

 

Kein Grund zum Erschrecken

Aber nun höre ich Jesus sagen: «Euer Herz erschrecke und verzage nicht!»

Im Wirrwarr der Weltpolitik gibt Jesus seinen so ganz anderen Frieden. Nicht nur um «geborgen, geliebt und gesegnet, gehalten, getragen geführt von Gott»17 zu überleben, sondern auch um als Friedensstifter im Sinne Jesu eine Schalom-Atmosphäre zu fördern: Freiheit und Versöhnung, Güte und Gerechtigkeit; Wahrhaftigkeit und Humanität.

Die aktuell kriegstreibenden Kräfte sind offensichtlich (noch) nicht zu zähmen. Aber mittendrin kann der Friede Christi jederzeit wirksame Kreise ziehen.

Heinrich Böll sagt, was Christen nicht dürfen und zu tun haben: «Nirgendwo im Evangelium finde ich eine Rechtfertigung für Unterdrückung, Mord, Gewalt. Aber unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich! Hin und wieder gibt es sie: Christen, und wo sie auftreten, gerät die Welt ins Staunen …»18.

 

1 Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Münster 2018. S. 412

2 Franz Alt, Friede ist möglich. München 1983. S. 104f

3 Jesaja 2,4; 9,3-4; Micha 4,3-4

4 Johannes 14,27

5 Johannes 14,17

6 Römer 3,13-18; Jesaja 59,7-8

7 Matthäus 23,37

8 Matthäus 27,16ff

9 Jeremia 6,14; 8,11; Hesekiel 13,1-16; 1. Thessalonicher 5,3; Jakobus 4,1ff

10 1. Mose 4,7

11 Kirche im WDR 26.12.2017. «Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erinnerungen an Heinrich Böll.»

12 Idea-Spektrum Februar 2018; s. Vorwort zu Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion, S. 9-16

13 Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. München 202310, S. 74

14 Matthäus 24; Markus 13; Lukas 21

15 Offenbarung 6,4

16 Philipp Blom, Hoffnung, München 2024, S. 19.26

17 Georg Schmid 1990, Reformiertes Kirchengesangbuch, Nr. 39

18 wie 11

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