Seit einigen Jahren bin ich während meinen Stilletagen zwischen Basel und Chiasso unterwegs. Zur Zeit befinde ich mich im Gebiet des Monte Ceneri. Der Weg ist durch Schnee versperrt. Deshalb verlegte ich meinen kürzlichen Stilletag in die nähere Umgebung und war zwischen Interlaken und Spiez unterwegs. Anfangs verlief er gemütlich über die Bödeli-Ebene zum Thunersee – quasi Stille zum Geniessen. Dann ging es auf und ab: Auf einem grenzwertig ungepflegten Weg, der an Wanderwege im Tessin erinnerte. Und dann stand ich, schon ziemlich angesäuert, vor einem Wegweiser, der mir eine gesperrte Fortsetzung anzeigte. «Das ist sicher ein Irrtum», dachte ich mir. Und schritt weiter Richtung Därligen. Und plötzlich stand ich tatsächlich vor einer Abschrankung, die eine Fortsetzung unmöglich machte.
Ein Stopp bewegt meine Gedanken
«Das kann es doch nicht sein», ärgerte ich mich. Ich hatte aber keine Wahl und musste umkehren: Zurück zum von mir verachteten Wegweiser, mühsam weiter hinauf und in einem weiten Bogen oberhalb von Därligen Richtung Spiez. Zu meiner Überraschung stiess ich weiter oben plötzlich auf eine gut ausgebaute Waldstrasse und konnte den Umweg wenigstens mit angenehmen Schritten unter die Füsse nehmen. Rund eine Stunde später wurde ich nochmals unerwünscht gestoppt. Ich könne hier nicht weitergehen, erklärte mir der Wegwächter. Es gebe weiter vorne nächstens eine Sprengung. Und die sei von einer unangenehmen Staub- und Geröllwolke begleitet. Mir wurde geraten, mich einfach mal ins Gras zu setzen. Der Ärger kam wieder hoch, aber es meldete sich leise auch eine andere Stimme. Wollte mir der Heilige Geist, bzw. «Ruaha», die Tochter Gottes1, mit diesem wiederholten Stopp-Erlebnis etwas sagen?
Während der verklebte Wegweiser und die definitive Sperrung oberhalb von Därligen anonyme Ärgernisse waren, stand jetzt ein beauftragter Schutzmann vor mir und weigerte sich, mich weitergehen zu lassen – vorwärts in mein Unheil. Das war doch eigentlich sehr menschenfreundlich, ja vielleicht sogar liebevoll. Freundlichkeit? Liebe? Das kam mir irgendwie bekannt vor.
Die Bibel verstehen – Schritt um Schritt
Als es nach zehn Minuten weiterging, war eines der Themen des Stilletages gesetzt: die Früchte des Geistes:
Der Geist Gottes dagegen lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung2.
Unterwegs wich ich einem Traktor mit angehängter stinkender Ladung aus, damit er den schmalen Weg gefahrlos für sich selbst und mich nutzen konnte. Ich erntete ein freundliches Handzeichen und grüsste zurück. Gegenseitige Freundlichkeit. Später machte ich einem Lieferwagen Platz, auch diesmal begleitet von zwei Mal Freundlichkeit. Mir fielen die liebevoll gepflegten Chalets in dieser Gegend auf. Da war viel Zeit und Geld investiert worden. Und ich genoss die friedvolle Ruhe, wenn nicht gerade landwirtschaftlicher Verkehr unterwegs war. Und ja: Eigentlich waren die beiden Stopp-Erlebnisse nicht nur Ausdruck von fürsorglicher Liebe mir gegenüber, sondern auch eine Schulung meiner Geduld. Für Macher wie mich eine eher unterentwickelte Geistesfrucht.
Die gegenseitige Treue zwischen meiner Frau und mir hält nun schon bald 50 Jahre. Nächstes Jahr feiern wir am 1./2. April den entsprechenden Hochzeitstag. Das ist doch ein wunderschöner Ausdruck der Liebe Gottes zu uns, der unsere Ehe zusammenhält, wenn wir das wollen. Der kürzlich wieder eingeführte wöchentliche Eheabend – bei uns ist es eine gute halbe Stunde – ist eine sinnvolle Investition, um diese Treue zu fördern. Wir gestalten ihn gemäss einem christlich gesinnten österreichischen Psychologen mit den drei Fragen «Wie geht es mir mit mir?» – «Wie geht es mir mit dir?» und «Wie geht es uns als Ehepaar?»
Beim regelmässigen Hüten von vier unserer sechs Enkel und Enkelinnen – vor allem durch meine Frau, aber mit mir als Joker – ist immer wieder meine Bescheidenheit gefragt: mein Zurücktreten von mir selber und dem mich Einlassen auf das kleine, in vielem noch unreife Wesen vor mir. Ich lerne, mit ihm, seinen Gedanken und inneren Prozessen «in Bindung»3 zu treten. Und kann dabei auch meine Selbstbeherrschung üben. Mit Gutem – und damit auch mit Güte – den Alltag gestalten und erleben, das löst innere und manchmal auch äussere Freude aus, gerade auch zusammen mit Kindern, die mir mit ihrer Freude – manchmal auch unmittelbar nach Tränen – immer wieder ein Vorbild sind.
Als ich zum Schluss meines Stilletages «das neue Jerusalem» vor Augen hatte – in meinem Fall war das der Bahnhof Spiez – wurden meine Schritte trotz Müdigkeit schneller. Ich erreichte knapp, aber rechtzeitig den Zug nach Thun – für mich in diesem Moment auch ein Zeichen der Güte Gottes. Bei der knappen Umsteigezeit in Thun war ich – nur schon dem Alter geschuldet – nicht in der Lage, genügend schnell zu gehen. Ich war etwa 10 Sekunden zu spät beim Anschlusszug. Und der Lokführer hatte die Nerven, mich trotz seinem durchaus möglichen Blick in den Rückspiegel, auf dem Perron stehen zu lassen. Das war nun quasi das Gegen-Programm zum bisherigen Erleben: Ich kann nicht immer damit rechnen, dass alle Menschen der Güte verpflichtet sind. Ich fühlte mich quasi geohrfeigt, nahm mir dann aber bewusst Zeit, den Stilletag schon ein erstes Mal zu reflektieren. Und war damit wieder bei der Güte Gottes angelangt.
Geistesfrüchte brauchen Zeit zum Reifen
Wie es das Bild sagt: Geistesfrüchte sind mit einem wachstümlichen Prozess verbunden. Der Same dazu wird vom Heiligen Geist (bzw. der Tochter Gottes) in mein Denken, Fühlen und Handeln gelegt. Auch das Wachstum kommt aus derselben Quelle. Meine Aufgabe ist es, das leise Reden «von oben» zu hören, ernst zu nehmen und im Alltag umzusetzen. Wie ich das an diesem Stilletag beispielhaft lernen konnte. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es beginnt heute. Und dauert wohl so lange, bis ich im wirklichen himmlischen Jerusalem angekommen bin.
Mit meinem – im Sinne der Geistesfrüchte – fruchtbaren Verhalten werde ich das Böse nicht im grossen Massstab mit dem Guten überwinden können. Aber doch in meinem unmittelbaren Umfeld, dort, wo ich alltäglich zuständig bin, einen Unterschied machen. Der grössere Kampf ist ja sowieso seit Karfreitag und Ostern bereits entschieden. Dieser Sieg setzt sich nach und nach durch, wenn auch verbunden mit starken Wehen4. Im Blick auf dieses Geschehen gebe ich gerne furchtlos mein alltägliches Kleingeld dazu.
Veranstaltungshinweis
«Demokratie unter Druck» am Samstag, 2. Mai 2026
Die Forumsveranstaltung von ChristNet in Partnerschaft mit der Schweizerischen Evangelischen Allianz, dem TDS Aarau, mit Insist Consulting, der VBG und dem Bildungszentrum Bienenberg lädt zu einem brennenden, wichtigen Thema ein: «Starke Führer», die sich für «christliche Werte» einsetzen, erhalten Zuspruch. Doch um welche Werte geht es da? Und wie hängt Demokratie mit christlichen Werten zusammen? Was können wir zu einer respektvollen Politik beitragen? Die Tagung regt zum Gespräch an. Referierende sind Marc Jost, Vanessa Kopplin, Lukas Amstutz, Andi Bachmann-Roth, Markus Meury und Hanspeter Schmutz.
Für Details und die Anmeldung: https://christnet.ch/de/forum-de/
1 Siehe dazu: https://www.insist-consulting.ch/forum-integriertes-christsein/25-7-1-pfingsten-gibt-es-auch-im-sommer-ein-etwas-anderer-blick-auf-den-heiligen-geist.html
2 Galater 5,22.23a (Gute Nachricht Bibel)
3 Siehe dazu das Buch «In Bindung wachsen. Erziehung nach Jesu Vorbild.» 20233, Lüneburg, Advent-Verlag.
4 Markus 13

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