Gedanken schweifen mit der Zeit ab. In einer Studie haben Forscher der Universitäten Wien und Sussex fünf verschiedene spirituelle Kontexte untersucht: Yoga, Meditation, Stille-Retreat, Predigt im katholischen Gottesdienst sowie Pilgerfahrt. Sie befragten zwischen 2021 und 2024 über 1'250 Erwachsene nach dem Grad ihrer empfundenen Langeweile während der spirituellen Praxis.
Im Vergleich zu den anderen spirituellen Kontexten war die gemessene Langeweile während der Predigt am höchsten. 70 Prozent der Bewertungen wurden mit der schlechtesten Note (sehr gelangweilt) bewertet. Studienleiter Thomas Götz, Professor für Bildungspsychologie an der Universität Wien, betont: «Predigten sind oft zu abstrakt und wenig lebensnah. Viele Kirchenbesucher können keinen persönlichen Bezug zu den Inhalten herstellen.»
Die Forschung macht als einen Hauptgrund für Langeweile Unterforderung, aber auch Überforderung fest. Diese Erschöpfung verringere die Motivation, sich spirituellen Aufgaben zu widmen oder einfach nur über die gehörte Predigt intensiver nachzudenken. Der Ratschlag der Forscher: Um Langeweile im Gottesdienst zu verringern, könnten sich Predigten um eine stärkere Orientierung an der Lebensrealität der Zuhörerschaft bemühen, aktuelle Themen aufgreifen und Interaktion wie Diskussionsrunden einbauen.
Lernen von der Gewaltfreien Kommunikation
Wie wär’s also, wenn Predigten und andere Verlautbarungen der Kirchen die Bedürfnisse der Menschen erreichen würden? Hier helfen die Erkenntnisse aus der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach dem Vorbild des US-Psychologen Marshall Rosenberg (im englischen Original: Non-Violent Communication, NVC).
Rosenberg bezeichnete Gewaltfreie Kommunikation als Sprache des Lebens. Dies ist eine Art des Umgangs mit sich selbst und anderen, die auf Empathie und Mitgefühl beruht. Das Ziel der Gewaltfreien Kommunikation ist nicht, den eigenen Willen durchzusetzen und Menschen und ihr Verhalten zu ändern, sondern Beziehungen aufzubauen, die auf Ehrlichkeit und Empathie basieren, die schliesslich die Bedürfnisse aller erfüllen. Dieser Fokus auf menschliche Verbindungen macht die Gewaltfreie Kommunikation zu einem mächtigen Konfliktlösungsinstrument. Sobald eine echte menschliche Verbindung besteht, löst sich das ursprüngliche Problem in der Regel von selbst. Marshall Rosenberg hat die Giraffe als Symbolfigur für die Gewaltfreie Kommunikation auserkoren. Mit ihrem langen Hals und dem grössten Herz unter den Landsäugetieren steht sie für Weitsicht und Mitgefühl. Diese beiden Eigenschaften sind das Startkapital jeden gelingenden Gesprächs.
Bedürfnisse der Menschen erkennen
Menschliche Bedürfnisse werden in der Gewaltfreien Kommunikation als die Kraftquelle des menschlichen Handelns verstanden. Sie gelten als im Wesen des Menschen verankert, also universell. Das Kommunikationsmodell geht davon aus, dass jeder Mensch die gleichen Bedürfnisse hat – nur zu unterschiedlichen Zeiten. Sie sind immer lebensförderlich und nicht gebunden an eine bestimmte Handlung, eine Person, ein Objekt, eine Zeit oder an einen Ort. Jeder Mensch hat Lieblingsstrategien, mit denen er sich seine Bedürfnisse erfüllen will. Nach Rosenberg ist jeder Mensch selbst für die Erfüllung seiner Bedürfnisse verantwortlich.
Basis für eine gelingende Kommunikation: 9 Bedürfnisse
Gute Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass ich meine Gefühle und Bedürfnisse und die meines Gegenübers wahrnehme. Bedürfnisse sind der Ursprung unseres zentralen Motivationssystems. Sie sind Ausdruck dessen, was uns wichtig ist, was unserem Anliegen und unseren Werten entspricht.
Dem Thema der Bedürfnisse auf die Schliche zu kommen, ist essenziell für eine gelingende Kommunikation. Denn genau hier verbirgt sich der Schlüssel für das gegenseitige Verstehen. Alles, was Menschen tun, ist der Versuch, sich positive menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Das sind Interessen und Wünsche, die wir alle haben. Marshall Rosenberg orientiert sich an einer Liste von neun Bedürfnissen. Es sind die wichtigsten, die wir haben. Sie funktionieren wie Warnlampen eines Autos, die einen Mangel im Tank anzeigen.
1. Freiheit/Autonomie
Respekt, Würde, Selbstbestimmung, Selbstentfaltung, Selbstausdruck, Eigenverantwortung; so leben und arbeiten zu können, wie man selbst möchte; Ziele, Träume, Werte wählen: Pläne zur Erfüllung der Ziele und Träume, Wahlfreiheit, Individualität, Freiräume für schöpferisches Arbeiten, Kreativität, Authentizität, Selbstwert.
2. Gelassenheit/Entspannung
Erholung, Ruhe, Leichtigkeit, freie Zeit, Spiel; Möglichkeit, körperlich und geistig aufzutanken; zweckfreies Tun, Ferien, Alleinsein, Freude, Humor.
3. Entwicklung
Effektivität, Beitrag, Wachstum, Anerkennung; Sinn des Lebens; Engagement, Rückmeldung; Erfolg im Sinne von Gelingen; Kreativität, Bedeutung, Kompetenz, Lernen.
4. Verbindung
Wertschätzung, Gemeinschaft, Akzeptanz, Ehrlichkeit; Nähe-Intimität; Zusammenarbeit, Kontakt, Vertrauen, Austausch, Nähe, Freundschaften; Teil des Teams/Familie sein; Unterstützung, Geborgenheit, Austausch, Offenheit, Rücksicht, Toleranz, Zugehörigkeitsgefühl.
5. Nahrung
Bewegung, Gesundheit, Schlaf; Unterkunft, Kraft, Wärme, körperliches Wohlbefinden; Schlaf, Unterkunft; Gesundheit, Heilung.
6. Kreativität
Harmonie, Inspiration, Ästhetik, Schönheit, Ausgewogenheit; geistige Bedürfnisse/Spiritualität: Ordnung, Glaube, (innerer) Friede.
7. Identität
Stimmigkeit mit sich selbst, Einklang, Authentizität, Übereinstimmung mit eigenen Werten, Individualität; Beitrag zum Ganzen, Gebrauchtwerden; Selbstwert.
8. Empathie
Verstanden werden, Gleichbehandlung, Gerechtigkeit.
9. Sicherheit
Schutz, Klarheit, Struktur; politischer Frieden; Schutz der Familie; Geld, Arbeitsplatz; Privatsphäre, Geborgenheit.
Hilfen für die Kommunikation
Kommunikation stammt vom Lateinischen communis, etwas gemeinsam machen. Kommunikation gelingt dann am besten, wenn sie eine Verbindung mit den unangenehmen Gefühlen – und somit unerfüllten Bedürfnissen – der Zielgruppe herstellen. Das kann man den ganzen Tag üben: Einfach sagen, was man sieht, hört, beobachtet. Da sitzt ein Mensch in der Sonne auf der Bank. Es ist elf Uhr. Er trinkt ein Bier. Ich denke weiter: Der Mann ist arbeitslos und hat ein Alkoholproblem. Nun muss ich mir klarmachen, dass diese Gedanken meine Interpretationen sind – weit über die Beobachtung hinausgehend. Die Crux daran: Ich halte meine Interpretation für die Wahrheit. Sieht man doch! Dagegen hilft Mitwirkung – das erfordert von mir Flexibilität und Zuhören. Es ist wichtig, zwischen Gefühlen und Gedanken oder Interpretationen zu unterscheiden.
Da man nicht nicht kommunizieren kann, lohnt es sich, gute Kommunikation zu lernen. Eins ist sicher: Man lernt nie aus.
1 https://jurios.de/2022/01/16/bverwg-schlafende-richter-soll-man-nicht-wecken/

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