«Quiet revival» unter der Generation Z:  Werden Letzte zu Ersten?

Die Nachrichten liessen im letzten Jahr weltweit aufhorchen: Studien in verschiedenen westlichen Ländern sprechen von einem deutlich erhöhten Kirchenbesuch vor allem junger Männer. Grossbritannien redet geradezu von einer «stillen Erweckung». Wie sind die Zahlen einzuordnen?

(Lesezeit: 7 Minuten)

Der Ausdruck «stille Erweckung» (Quiet revival) ist der Titel einer Untersuchung, die von der Britischen Bibelgesellschaft 2025 veröffentlicht wurde1. Die Haupterkenntnisse aus dieser Untersuchung waren einmal ein deutliches Ansteigen des Kirchenbesuchs von jungen Erwachsenen: Im Jahr 2018 gaben nur 4 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, mindestens einmal im Monat die Kirche zu besuchen. Heute ist dieser Anteil auf 16 Prozent gestiegen, wobei klar wird: junge Männer gehen eher zur Kirche als Frauen, was die gängige Meinung umkehrt.  Eine andere Erkenntnis aus der Studie: Das Lesen der Bibel hat ebenso zugenommen. Auch andere Länder melden neue «Rekordverkäufe» an Bibeln. 

(Bild: Breno Almeida auf Pixabay)

Das grössere Bild

Gehen wir zurück: Bereits Anfang 2024 berichtete Hanna Salomäki, Direktorin des Kirchlichen Instituts für Forschung und Fortbildung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands, Erstaunliches. In deutlichem Kontrast zu allgemeinen Vorstellungen finde in Finnland bei den 15- bis 29-jährigen Männern ein aussergewöhnlicher Anstieg der Teilnahme an christlichen Gottesdiensten statt. Gingen 2011 nur fünf Prozent der Männer dieser «Generation Z»2 mindestens einmal monatlich in die Kirche, waren es 2019 bereits zwölf Prozent. Die entsprechenden Zahlen für Frauen derselben Altersgruppe lagen mit drei bzw. vier Prozent deutlich niedriger. «Mehrere aktuelle Studien zeigen, dass unsere jungen Männer deutlich religiöser sind als gleichaltrige Frauen», kommentierte Salomäki.

 

Taufen in liturgischen Kirchen

Auch aus Schweden kommen positive Zeichen: «Die Austritte aus der Schwedischen Kirche sind in den letzten fünf Jahren gesunken, und Taufen unter jungen Erwachsenen haben sich seit 2019 mehr als verdoppelt» erklärt Andreas Sandberg, der das Kirchenregister führt. In Norwegen verdoppelte sich die Zahl der Kircheneintritte auf 4000.

Stichwort Taufen: In der Osternacht 2025 wurden in der katholischen Kirche in Frankreich über 10’000 Erwachsene und über 7400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren getauft – eine Verdoppelung gegenüber 2019. Die katholischen Taufen in Österreich und Belgien stiegen ebenso an.

In den USA hatten bereits 2024 Berichte über erweckliche Aufbrüche an der Universität von Asbury und an anderen Orten für Aufsehen gesorgt. Nach der Ermordung von Charlie Kirk wurde überall in den Vereinigten Staaten beobachtet, dass Menschen, die zuvor keine Gottesdienste besucht hatten, begannen, daran teilzunehmen und Interesse für den Glauben zeigten.

Flucht aus der «flüssigen Moderne»

Viele Untersuchungen deuten also in westlichen Ländern auf ein deutlich wachsendes Interesse am Glauben hin, schwerpunktmässig offenbar unter jungen Männern, ausgedrückt in Kirchenbesuch, Bibellesen und Taufen. Diese Beobachtungen sind noch keine «Erweckung» im klassischen Sinne, sicher aber eine «Geistliche Wiederbelebung».

Viele in der Generation Z suchen offenbar Alternativen zu der «liquid modernity», in der sie erzogen wurden, wo jeder jeden Augenblick selber seine Identität definieren kann (bzw. muss). Kritiker bemerken, bei der neu entdeckten Religiosität gehe es weniger um Glauben als darum, das Leben an etwas Höherem auszurichten – etwas, das grösser ist als das eigene Ich. Klar: der Wunsch, der «flüssigen Moderne» zu entfliehen, sagt noch nichts über die Echtheit des daraus resultierenden Glaubens aus. Es finden ja nicht nur Konversionen zum Christentum statt, sondern auch zu konservativen Formen des Judentums und des Islam.

Aber die Tatsache bleibt: über den christlichen Glauben wird – gerade im Zusammenhang mit der Generation Z – anders geredet als noch vor einigen Jahren. Ein Schweizer Beispiel ist eine kürzliche DRS-Reportage3 über zwei junge Frauen, die selbstverständlich und überzeugend von ihrem Glauben erzählten. Es scheint: Die Jüngsten haben die vorherigen Generationen in ihrem Glauben überholt.

 

Der grosse Hintergrund

Tritt man noch einen Schritt zurück, ist die «stille Erweckung» Teil eines Prozesses der «religiösen Wiederverzauberung» (Hans Joas) des Westens, der allen Formen der Spiritualität offensteht, einschliesslich heidnischer und antichristlicher. Der Mythos der «säkularisierten Gesellschaft» ist längst umgekippt.

Aber erstaunlich viele Menschen, Influencer und Intellektuelle entdecken gerade den christlichen Glauben neu. Gebetsleiter Pete Greig (24/7-Prayer) sprach bereits 2024 von einer «geistlichen Wende». Und der britische Autor und Publizist Justin Brierley ordnet ein: «Der Schriftsteller und Dichter Paul Kingsnorth überraschte seine Leserschaft, als er 2021 seine Bekehrung bekannt gab. Russell Brand nennt sich jetzt Christ und sagt, er wolle sich taufen lassen. Die bekannte 'neue Atheistin' Ayaan Hirsi Ali sagt, sie habe sich dem Christentum zugewandt, nachdem sie erkannt habe, dass sie 'spirituell bankrott' sei.» Der landesweit bekannte Radiomoderator Tom Holland, ehemaliger Agnostiker, hat zum Glauben und wieder in die Kirche zurückgefunden, als er für seinen Bestseller 'Dominion' (dt.: Herrschaft) recherchierte, in dem er beschreibt, wie die christliche Revolution des 1. Jahrhunderts die ethischen Fundamente des Westens im 21. Jahrhunderts unwiderruflich geprägt hat. Der kanadische Psychologe und Influencer Jordan Peterson schliesslich weist immer wieder auf die Bibel hin – auch wenn er sie eher nach C.G. Jung deutet.

Justin Brierley schliesst seine Analyse: «Als Christ glaube ich, dass Dinge, die tot sind, wieder lebendig werden können. Das ist schliesslich der Sinn der Geschichte. Wie G.K. Chesterton schrieb: 'Das Christentum ist viele Male gestorben und wieder auferstanden, weil es einen Gott hatte, der den Weg aus dem Grab kannte'.»

 

1 siehe: https://www.biblesociety.org.uk/research/quiet-revival

2 Die Generation Z, kurz Gen Z, ist die Nachfolgegeneration der Generation Y (Millennials. Je nach Autor werden leicht abweichende Geburtsjahre als zur Gen Z zugehörig diskutiert. McKinsey nennt grob definiert die Jahrgänge von 1995 bis 2010; Huffpost definiert die Generation Z als 1995 oder später Geborene. Das amerikanische Pew Research Center sieht die Jahrgänge 1997 bis 2012 als zugehörig. (Quelle: Wikipedia)

3 siehe: https://www.srf.ch/news/gesellschaft/jung-und-jesusliebend-bibelstudium-auf-tiktok-statt-ausgang-so-glaubt-die-gen-z

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