Nur schon die Frage nach Gut und Böse aufzuwerfen, hat heute etwas Anrüchiges. Wer weiss denn schon, was gut oder was schlecht ist? Und: Ist nicht sowie alles ein bisschen gut und ein bisschen schlecht? Die Frage nach Gut und Böse ist mit der Frage nach der Wahrheit verbunden. Heute hat jeder seine eigene Wahrheit und kann tun, was ihm gefällt. Das Problem: Sobald wir mit anderen Menschen zusammenleben wollen, können wir der Frage nach einer Wahrheit für alle nicht mehr ausweichen. Wer bestimmt für die Gruppe, was Wahrheit ist? Alle gemeinsam oder derjenige, der am meisten Macht dazu hat?
Christen finden diese übergeordnete Wahrheit in der biblischen Offenbarung, die zeigt, was sich Gott, der Schöpfer des Menschen, über das Leben seiner Schützlinge gedacht hat. Schützlinge, denen er die Freiheit gegeben hat, in ihrem Leben die Frage nach Gut und Böse ein Stück weit selber zu beantworten, verbunden mit der Einladung, dabei mit ihm im Gespräch zu bleiben.
Warum sollen die Römer Gutes tun?
Auch die frühen Christen von Rom haben sich diese Frage gestellt.
Römer 6,15-181
Was folgt nun daraus? Wollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen? Nimmermehr! Ihr wisst ja doch, dass, wenn ihr euch jemand als Knechte zum Gehorsam hingebt, ihr dann auch dessen Knechte seid und ihm Gehorsam zu leisten habt, und zwar entweder (als Knechte) der Sünde, was zum Tode führt, oder (als Knechte) des Gehorsams (gegen Gott), wodurch ihr zur (lebenspendenden) Gerechtigkeit gelangt. Gott aber sei Dank, dass ihr früher zwar Knechte der Sünde gewesen seid, jetzt aber euch von Herzen der Lehre in der Gestalt angeschlossen habt, wie ihr derselben übergeben worden seid! So seid ihr nunmehr von (der Herrschaft) der Sünde frei geworden und in den Dienst der Gerechtigkeit getreten.
Zum Guten befreit
Paulus zeigt, dass Christen nicht Menschen sind, die einfach drauflos leben, sondern Menschen, die ihr Leben mit Christus verbunden haben. Man könnte sagen: Sie sind mitgegangen (unterwegs mit Jesus), mitgehangen (Karfreitag) und mitauferstanden (Ostern). Unser altes Leben wird überkleidet mit einem neuen, das nach neuen Werten – denen von Christus – ausgerichtet ist. Wir sind also nicht mehr Knechte des Bösen, sondern können und sollen uns bewusst für das Gute entscheiden.
Im Umfeld dieses Abschnittes – Römer 1,18 bis Römer 8 – thematisiert Paulus das falsche Unterwegssein – die Ungerechtigkeit – der Heiden und der Juden. Wir gehören zu den Heiden. Unsere Ungerechtigkeit besteht darin, dass wir das Gute erahnen, das in der Schöpfung und anhand der Folgen des Bösen erkennbar ist, aber trotzdem nicht das Gute sondern oft das Böse tun.
Die Juden kennen das Gute durch das Gesetz. Ihre Ungerechtigkeit besteht darin, dass auch sie dieses Gute nicht tun, sondern das Böse. Das Resultat ist in beiden Fällen dasselbe: die Gottlosigkeit. Für beide Formen der Ungerechtigkeit gibt es nur eine Rettung: Gerechtigkeit, die von Gott kommt. Und die wird uns bekanntlich geschenkt, ist also Gnade vor Recht. Wenn wir uns mit unserm Leben auf diese Lösung einlassen, werden wir gerettet – und nicht – wie in allen anderen Religionen – durch das Tun des Guten. Das wäre Gerechtigkeit aus Werken. Und das ist für Christen Schnee von gestern.
Somit landen wir bei der bereits genannten Frage: Weshalb sollen Christen Gutes tun, obwohl sie durch gute Taten nicht gerecht werden? Die Empfänger des zitierten Briefes sind mehrheitlich Heiden. Sie wurden von der Gerechtigkeit aus Werken befreit. Heisst das, dass sie nun auch frei zum Sündigen – zum Tun des Bösen – sind? Heute würden wir vielleicht fragen: Gibt es eine christliche Ethik oder nur einen christlichen Glauben, bei dem die Ethik zweitrangig ist? Wenn wir die zeitgenössische christliche Literatur anschauen, sind die Bestseller oft Bücher, die den christlichen Glauben mit guten Gefühlen verbinden, mit einem Leben in Fülle. Eine dazu gehörende verbindliche Lehre und Ethik kommt im besten Fall noch auf dem zweiten Platz vor, ganz nach dem Motto «nice to have».
Dem würde Paulus nicht zustimmen. Treten wir aber vorerst aber noch einen Schritt zurück und fragen uns: Warum können wir überhaupt gut sein?
Der Ursprung des Guten
Die Schöpfung ist, so wird uns berichtet, gut bzw. in Teilen sogar, etwa auf den Menschen bezogen, sehr gut2. Und das ist nicht anders zu erwarten: Ein guter Gott schafft Gutes. Gleichzeitig wird uns aber auch berichtet, dass es eine Versuchung zum Bösen3 gibt. Sie besteht insbesondere darin, so sein zu wollen wie Gott – und damit u.a. auch gut. Der Mensch möchte Gut und Böse selbständig – ohne Gott – unterscheiden können.
C.S. Lewis schildert in «Perelandra», dem zweiten Band seiner Science-Fiction-Trilogie, die beiden von Gott gut geschaffenen Menschen. Als automatisch gute Menschen ahnen sie nichts Böses und können deshalb nur mühsam zum Bösen verführt werden. So geraten dann trotzdem in den Machtkreis der Sünde, behalten aber ihre Ahnung vom Guten. Dieses Böse nennt die Bibel «Sünde». Sie benutzt dafür drei Begriffe mit unterschiedlichen Bedeutungen.
Was ist Sünde?
Sünde als «chatha» meint das Verfehlen des Ziels. Sie ist eine Richtungswarnung: Ich bin in der falschen Richtung unterwegs, weg von Gott, vom Guten, vom Sinn, vom Leben. Und wer konsequent wegläuft vom Leben, landet irgendwann im Tod. Physisch zeigt sich das in der Endlichkeit der (gefallenen) Schöpfung, auch meines Lebens; seelisch und gesellschaftlich zeigt es sich in einer tiefen Sinnkrise und geistlich im unterbrochenen Kontakt zu Gott und damit einer spirituellen Leere.
Sünde als «pascha» spricht die Auflehnung gegen Gott an: Ich kehre Gott den Rücken zu, lehne ihn ab, oder er ist mir gleichgültig. In allen drei Fällen weise ich seine Liebe, sein Versuch, mich zu erreichen, zurück. Mit der Zeit entsteht so eine Mauer gegenüber Gott, die immer dicker wird. Das führt zu einer Verhärtung gegenüber Gott. Sünde wird immer mehr zu einem Automatismus, bis hin zu einer Zwangshandlung. Das Resultat dieses Aspektes der Sünde ist also eine mehr oder weniger grosse Gott-Verlassenheit.
Der dritte Begriff für Sünde heisst «awah» und bedeutet Schuld. Auf diesem verkehrten Weg tue ich u.a. auch falsche Dinge, die mir (vielleicht sogar) leidtun. Ich verletze und werde von andern verletzt. Schuld hat die Tendenz, dass sie ständig anwächst, wenn sie nicht gesühnt wird: Es gibt ein wachsendes Schuld-Konto. Beim Blick auf meine Biografie merke ich rasch: Neben Gutem gibt es in meiner Lebensspur auch viel Böses und damit Sünde. Ich werde also zu Recht schuldig gesprochen.
Offensichtlich lebe ich in einem Machtkreis der Sünde: Ich bin unterwegs auf dem Weg in der falschen Richtung (ungerecht) und werde immer wieder angezogen von der Macht des Bösen («Knecht»). Immerhin: Das Gute, das ich tue, bleibt gut. Aber: Es bringt mich nicht auf den richtigen Weg zurück. In meinem Tun des Guten steckt sogar die Versuchung, ohne Gott gut sein zu wollen. Und das wäre dann typisch «Sündenfall». Es gibt aber eine gute Nachricht.
Der Machtkreis der Sünde wird durchbrochen
Jesus übernimmt unsere Sünde und trägt letztlich auch die letztliche Folge der Sünde – den Tod. Er (er)löst uns aus dem Machtkreis der Sünde. Und wir haben wieder eine echte Wahl, wem wir dienen wollen: dem Bösen oder dem Guten.
Das wird sehr schön im keltischen Kreuz gezeigt (Bild). Der Kreis der Sünde wird durch das Kreuz aufgesprengt. Seit Karfreitag ist der Machtkreis der Sünde aufgebrochen. Umkehr ist möglich: Wir können eintreten in einen neuen Machtbereich, der von Jesus Christus geprägt wird. Wir können in ein neues Land eintreten: in das Reich Gottes.
Solange wir auf unserer gefallenen Erde leben, ist aber zu beachten, dass wir nicht wirklich autonom leben können. Eigentlich wir waren es noch nie. Auch die ersten Menschen lebten in einer Verbindung – in einer engen Beziehung zu Gott, die sie dann selbst aufgelöst haben. Die von Gott gegebene Freiheit ist uns geblieben, aber wir müssen bewusst wählen, wem wir dienen wollen. Bob Dylan singt es so: «You're gonna have to serve somebody. Well, it may be the Devil or it may be the Lord. But you're gonna have to serve somebody4.» Seit Karfreitag haben wir die Möglichkeit, umzukehren und Gott zu dienen.
Diese Umkehr ist eine Befreiung zum Guten: Wir bekommen die Fähigkeit, in der richtigen Richtung unterwegs zu sein – und damit gerecht und sinnvoll. Der Weg zu Gott ist seit Karfreitag offen für alle, die diesen Weg gehen wollen. Es gibt die Möglichkeit zur Ent-Schuldigung: einmal in einer Lebensbeichte und dann immer wieder. Daran erinnern uns die Taufe und das Abendmahl, dazu verhelfen uns Seelsorge und eine regelmässige Stille Zeit, in der wir auf Gott hören.
Die Befreiung zum Guten wird in Epheser 2,10 so ausgedrückt: «Sein Werk sind wir, in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott im Voraus bereitgestellt hat, damit wir in ihnen wandeln könnten.» Das ist übrigens auch die Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Christen tun Gutes, weil sie dafür geschaffen und durch Christus wieder dafür befreit worden sind.
Warum tun wir Gutes?
Aus drei Gründen. Einfach mal, weil es schön, wahr und sinnvoll ist5. Tue ich auch Gutes, weil ich eine Belohnung dafür erwarte? Das ist ein halbes Missverständnis: Ja, es gibt eine Belohnung – immerhin ein ewiges Leben! Das aber ist ein Geschenk von Gott, unabhängig von meinen guten Taten. Es ist Ausdruck der Gnade Gottes. Eine dritte Motivation heisst: Ich will das tun, was Gott will. Das bestätigen wir mit jedem «Unser Vater»-Gebet. Entscheidend ist dabei, dass ich das Gute nicht aus mir selbst tue, sondern «wie im Himmel, so auf Erden». Die Kraft und die Möglichkeit dazu kommen von einem guten Gott.
Gutes einüben
Das Gute zu tun, fällt auch Christen nicht immer leicht. Es muss lebenslang eingeübt werden. Das ist eine tägliche Entscheidung, im persönlichen, zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich. Ich kann zurückfallen, stehen bleiben oder vorwärtsgehen. Wichtig: Es ist nicht mehr eine Frage des Heils, sondern des Gehorsams. Es ist meine Antwort auf Gottes Liebe und Wahrheit.
Hilfreich ist einmal das persönliche Hören auf Gott in regelmässigen Stillen Zeiten. Hier merke ich, was als Nächstes dran ist. Dazu kommt das gemeinsame Hören auf Gott in einer christlichen Gemeinde. Ich kann aber auch aus der Weisheit der Schöpfung lernen und aus den daraus entwickelten Wissenschaften. Obwohl es sich lohnt, vorher darüber nachzudenken, gilt: Der Test für das Tun des Guten geschieht im wirklichen Leben. Christsein ist und bleibt eine Spiritualität des Weges6.
Zum Lernprozess gehört auch, darauf zu achten, wie und was Andere Gutes tun. Auch wenn sie dabei (noch) nicht christlich motiviert sind. Diese Menschen sind unsere Partner. Und vielleicht lernen sie durch uns ja den Geber des Guten kennen.
Ich finde dazu täglich gute Beispiele. So war in der Zeitung kürzlich von zwei mutigen Frauen zu lesen, die einen «Starchirurgen» zu Fall brachten. Die eine als Whistleblowerin. Als Angestellte der Herstellerfirma eines Implantats bekam sie Bedenken zu dessen Sicherheit, sie sammelte Belege dafür und leitete sie an die Medien weiter. Die darauf folgende internationale Recherche machte das strafbare Verhalten des Starchirurgen öffentlich. Er hatte seinen Kundinnen und Kunden Bandscheiben-Implantate eingesetzt, dies trotz Komplikationen bei Affenversuchen. «Seine persönlichen Interessen sind ihm wichtiger gewesen als die Sicherheit der Patienten», urteilte das (noch nicht rechtskräftige) Gericht. Die Behauptungen des Chirurgen, dass es seinen Patienten gut gehe, wurde durch eine mutige Frau (stellvertretend für andere) widerlegt. Ohne Opfer gibt es kein Strafverfahren. Sie war bereit hinzustehen. «Ein Orthopäde musste ihr das zerbrochene Implantat Stück für Stück aus dem Rücken operieren. ... Das lange Strafverfahren war belastend für sie, doch sie hat mit ihrem Mut eine auch für andere Patientinnen und Patienten lehrreiche Aufarbeitung des Falles ermöglicht7.» Catherine Boss, die Autorin des Beitrages, nennt noch eine dritte mutige Person, den Gerichtspräsidenten. Sie betont, dass die Ärzteschaft in der Regel hervorragende Arbeit macht. Und ergänzt: «Es wäre zu wünschen, dass noch mehr Staatsanwaltschaften den Biss hätten, die wenigen schwarzen Schafe zur Verantwortung zu ziehen.»
Gerichte spielen leider auch in den USA eine immer wichtigere Rolle, um dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Beim President's House, dem Amtssitz von George Washington von 1790 bis 1797, wurden kürzlich Gedenktafeln entfernt, die über den Fundamenten des längst abgerissenen Hauses errichtet worden waren. Sie verwiesen darauf, dass der erste Präsident der Republik ein Sklavenhalter war. Diese Tafeln wurden vom National Park Service, der die historischen Erinnerungsstätten der Nation betreut, entfernt. Eine US-Bundesrichterin aus Philadelphia, – der Stadt, in der die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung der Vereinigten Staaten unterzeichnet wurden –, ordnete in einer einstweiligen Verfügung an, dass die paar Schautafeln wieder aufgestellt werden müssen. Dies mit der Begründung, dass jeder, der die historische Stätte besuche und nichts über die Sklaverei in der Gründungszeit der USA erfahre, «ein falsches Bild von der Geschichte dieses Landes» erhalte. Reymer Klüver, der Kommentator, bemerkt, dass sich der Streit nicht nur um eine Erinnerungsstätte drehe, «sondern um Geschichtsverfälschung und staatliche Zensur – letztlich um Amerikas Selbstverständnis8.»
Kurz und gut: Für Christen bekommt das Böse eine andere Bedeutung. Es ist ein Anstoss zur Veränderung. Römer 12,21 bringt es auf den Punkt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Veranstaltungshinweis
Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?
«Starke Führer», die sich für «christliche Werte» einsetzen, erhalten Zuspruch. Doch um welche Werte geht es da? Und wie hängt Demokratie mit christlichen Werten zusammen? Wie können wir zu einer respektvollen Politik beitragen? An unserer nächsten Forumsveranstaltung, von Samstag, 2. Mai 2026, im TDS Aarau suchen wir nach Antworten auf diese Fragen. Als Referenten dabei sind u.s. Nationalrat Marc Jost und Lukas Amstutz, Gesamtleiter des Bienenberg. Partnerschaftlich unterstützt werden wir für diese Veranstaltung von der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), der VBG, dem Bienenberg, der INSIST CONSULTING und dem TDS Aarau.
https://christnet.ch/de/forum-de/
1 nach der Übersetzung von Hermann Menge
2 1. Mose 1 und 2
3 1. Mose 3
4 Du musst jemandem dienen, sei es dem Teufel oder Gott.
5 Römer 12,2
6 Johannes 14,6
7 Der Bund, 18.2.96
8 dito

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