Sie haben den guten Vorsatz gefasst, dieses Jahr bewusster mit Ihrem Geld umzugehen? Im Einklang mit göttlichen Prinzipien Ihr Geld zu investieren? Dazu ein paar Gedanken.
Biblisch Geld anlegen?
Auf den ersten Blick scheinen die biblischen Grundsätze in Bezug auf die Geldanlage klar zu sein. In Matthäus 25 macht Jesus ein Gleichnis, in dem es genau um dieses Thema geht, auch wenn Gottesdienstbesucher kurioserweise immer nur Auslegungen dieses Textes im übertragenen Sinne zu hören bekommen.
Worum geht es? Ein reicher Mann verreist und vertraut drei seiner Untergebenen unterschiedlich hohe Geldsummen an, im Bibeljargon «Talente» genannt. Zwei Diener erweisen sich als erfolgreiche Anlagemanager. Sie können das investierte Kapital verdoppeln. Ein dritter Diener jedoch versteckt das Geld, statt es anzulegen. Er begründet dieses Handeln mit seiner Verlustangst.
Die betriebswirtschaftlichen Lektionen aus diesem Gleichnis sind: Wenn Sie Ihr Kapital nicht investieren, haben Sie sogenannte Opportunitätskosten. Das heisst: Sie verpassen Anlagegewinne. Unter dem Strich, also nach Abzug der Teuerung, schrumpft das unter der Matratze versteckte Kapital sogar. Bezogen auf heutige Verhältnisse: Wenn man sein Geld bloss auf einem Bankkonto liegen lässt, wird es sich nicht mehren und erst recht nicht verdoppeln. Dafür muss man es in Aktien, Immobilien oder ähnlich renditeträchtige Anlagen investieren. Kurz: Kalkulierte Anlagerisiken einzugehen, ist gut. Dagegen führt Angst zu irrationalen Entscheidungen. Vergrabenes Geld ist ein Akt des Kleinglaubens.
Was würde Jesus machen?
«What Would Jesus Do»? Das fragen sich manche Gläubige bei Alltagsproblemen. Jesus würde auf Aktien, Rohstoffe und andere Anlagen mit einem guten Return on Investment setzen, scheint dieses Gleichnis zu suggerieren. Natürlich wäre der Heiland empfänglich für Nachhaltigkeitskriterien und würde bestimmt Anlagen in Glücksspiel, Pornografie, Tabak oder Waffen ausschliessen. Das schadet ja auch der Performance nicht gross.
Vielleicht hätte Jesus sogar ein Faible für schariakonforme Anlagefonds, denn diese haben besonders strenge Auflagen. Sie investieren zum Beispiel nur in Unternehmen mit einer geringen Verschuldungsquote. Das deckt sich mit dem biblischen Rat, wie wir ihn etwa in den Sprüchen finden: Dass man sich besser nicht von Gläubigern abhängig machen sollte.
Jesus und die Scharia? Diesen Zusammenhang mögen manche empörend finden. Doch der wahre Schocker kommt aus der Ecke der Befreiungstheologen. Das ist eine christliche Strömung, die den Glauben auch als Werkzeug zur Überwindung von sozialer Ungerechtigkeit versteht und einen marxistischen Stallgeruch hat.
Das Gleichnis auf die Füsse gestellt
Natürlich muss man da gewisse Vorbehalte machen. Doch bei Jesus, der die Armen besonders ins Herz schliesst, haben die Befreiungstheologen bestimmt einen Stein im Brett. Ihre Interpretation des Talente-Gleichnisses ist eine radikal andere. Sie stellen es quasi vom Kopf auf die Füsse. Aus ihrer Sicht handelt es sich um eine Art «Whistleblower-Erzählung».
Der Herr im Gleichnis ist nicht Gott, sondern bloss ein Grossgrundbesitzer, der sein Vermögen durch Wucher und Ausbeutung von Kleinbauern mehrt. Die beiden ersten Diener sind seine Handlanger: Sie beteiligen sich am abgekarteten Spiel und mehren den Reichtum ihres Chefs auf Kosten der Armen.
Der dritte Diener ist bei dieser Deutung ein Held und das Vergraben des Geldes stellt einen Akt des passiven Widerstands dar. Unser Freiheitskämpfer verweigert sich nicht nur der Logik der Gewinnmaximierung. Er sagt dem Herrn auch die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht. «Ich wusste, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast.»
Dass der dritte Diener am Ende «in die Finsternis» geworfen wird, steht in dieser Deutung nicht für eine göttliche Strafe. Es ist vielmehr das typische Schicksal eines Whistleblowers beziehungsweise Widerstandskämpfers: Er wird vom System plattgemacht, weil er die unbequeme Wahrheit ausspricht.
Die befreiungstheologische Sichtweise fragt nicht: Wie vermehre ich das Geld am besten? Sondern: Wer ist dieser Herr und woher stammt sein Reichtum? Es handelt sich also um eine eigentliche Antithese.
Meine Sicht
Ich persönlich lese Bibeltexte aus der unbedarften Perspektive einer Person, welche wenig von der antiken Geschichte, Kultur und Sprache versteht. Ich kann nicht beurteilen, ob die Befreiungstheologen recht haben. Aber die Beschreibung des Herrn durch den Diener Nummer drei macht wirklich etwas stutzig. Sie entspricht so gar nicht dem Gottesbild, das wir Christen gemeinhin haben.
Und machen wir uns nichts vor: Der unverfälschte Kapitalismus, der insbesondere amerikanischen Christen als so etwas wie die göttliche Ordnung gilt, entspricht der Bibel ziemlich sicher nicht. Bereits die alttestamentliche Rechtsordnung greift massiv in die Eigentumsrechte ein, um einen sozialen Ausgleich zu erzwingen. Sie wäre heute bestimmt als marxistisch verschrien: So mussten Kreditgeber ihren Volksgenossen alle sieben Jahre die Schulden erlassen. Und alle 50 Jahre sollte der Grundbesitz an die ursprünglichen Besitzer (Sippen) zurückgehen. Ob das je auch so praktiziert wurde, wie im Alten Testament propagiert, ist natürlich eine andere Frage. Die Reichen haben schon immer Mittel und Wege gefunden, die Gesetze in ihrem Sinne umzudeuten.
Ich würde behaupten, dass sich aus der Bibel keine allgemeingültigen Prinzipien über die Geldanlage ableiten lassen. Das Bild ist zu vielschichtig: Vorsorgen ist meist positiv konnotiert, doch der Grat zur Raffgier schmal. Reichtum kann Segen oder Fluch sein.
Ja, es gibt das Joseph-Prinzip: Die Ägypter haben unter Anleitung des von Gott inspirierten Hebräers sieben fette Jahre genutzt, um Vorräte für die prophezeite Krise anzulegen. Doch das war keine private, sondern eine Art staatliche Vorsorge.
Wie Geld anlegen?
Wer ein Anhänger der klassischen These ist, wird ein herkömmliches Anlageprodukt mit gewissen Nachhaltigkeitskriterien und möglichst hohen Gewinnaussichten wählen, um seinen Einsatz nach ein paar Jahren zu verdoppeln. Wer die Antithese für wahr hält, stellt sein Geld vielleicht einer Organisation wie Oikocredit zur Verfügung. Diese vergibt Kredite an Mikrofinanzinstitutionen, Genossenschaften und Fair-Trade-Organisationen im Globalen Süden und bezahlt Investoren Dividenden, die bestenfalls die Teuerung ausgleichen. Wenig überraschend hat Oikocredit kirchliche Wurzeln.
Weil Sie ganz alleine verantwortlich sind, wie Sie mit Ihrem Geld umgehen, finden Sie ohne weiteres auch eine Synthese zwischen diesen Positionen: Sie könnten zum Beispiel Wohnungen bauen, um sie dann zu besonders fairen Konditionen zu vermieten. Es gibt derzeit einen grossen Bedarf an bezahlbarem Wohnraum. Sie könnten Ihr Geld auch gewinnmaximierend anlegen, dann aber einen Teil des Kapitalertrags verschenken.
Es gibt unzählige Möglichkeiten. Wichtig ist, dass man als Christ den finanziellen Teil seines Lebens nicht zur Sonderzone erklärt – sondern die gleichen ethischen Kriterien anwendet wie etwa bei Beziehungen, der Arbeitsmoral oder der Freizeitgestaltung.

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