Am Ende der Exerzitien führt Ignatius die Übenden in einer grossen Gesamtschau zur Erfahrung und Erkenntnis der umfassenden Liebe von Gott, die ihnen ganz persönlich gilt (Übung 2). Sie sollen sehen, wie Gott in der ganzen Schöpfung wohnt, und alles gibt und tut für sie; und wie Gott in ihr wohnt, damit sie erfahren, wie tief geliebt sie sind. Ignatius beginnt diese Übung mit zwei Vormerkungen zur Liebe (Übung 1). Übrigens: Fast nur an dieser Stelle benutzt Ignatius das Wort Liebe. Der Höhepunkt der Betrachtung führt zur Bereitschaft, sich ganz Gott hinzugeben, die in einem Hingabegebet formuliert ist (Übung 3). Die letzte Übung (Übung 4) ist einem Wochenrückblick gewidmet, der nicht nur in einer Exerzitienwoche Sinn macht.
Übung 1 – Das Wesen der Liebe
Hinführung
Im Exerzitienbuch gibt Ignatius zwei Hinweise über das Wesen der Liebe, wie er sie versteht:
1. «Die Liebe muss mehr in die Werke als in die Worte gelegt werden.»
2. «Die Liebe besteht in der Mitteilung von beiden Seiten: nämlich darin, dass der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat, oder von dem, was er ist oder kann; und genauso umgekehrt der Geliebte dem Liebenden. Wenn also der eine Wissen hat, es dem geben, der es nicht hat; wenn Ehren; wenn Reichtümer; und genauso gegenseitig.»
Es ist eine Liebe auf Augenhöhe.
Übung
- Ich lese die beiden Hinweise über die Liebe, langsam und mehrmals. Ich kann anschliessend einer der beiden Hinweise wählen für die restliche Meditation, oder vom einen zum anderen gehen – was mir mehr zur Vertiefung hilft.
- Ich nehme wahr, was in mir in Bewegung kommt: was mich berührt, wo sich Widerstand regt; welche Bilder, Assoziationen oder Erinnerungen in mir wachgerufen werden.
- Ich betrachte biblische Geschichten oder Worte, in denen diese beiden Wesenszüge bei Gott hervorgehoben werden.
Ich schaue auf mein eigenes Leben: Wo kommt dieser Wesenszug zum Ausdruck? Wo bin ich gerufen zu wachsen?
Übung 2 – Meditation mit allen Sinnen
Hinführung
In dieser Übung bin ich eingeladen, in einer grossen Gesamtschau zu erfahren und zu erkennen, wie umfassend die Liebe Gottes ist, und wie sie mir ganz persönlich gilt. Ich darf betrachten, wie Gott in der ganzen Schöpfung wohnt, und wie er alles gibt und tut für sie; wie er auch in mir wohnt, und wie tief geliebt ich bin.
Übung
1. Ich bin eingeladen, mir in Erinnerung zu rufen, was Gott in seiner Liebe alles für mich getan hat:
- Die Grösse, Genialität, Schönheit der Schöpfung und aller geschaffenen Dinge (z.B mir in Erinnerung rufen, wie der menschliche Körper funktioniert; die Genialität der Biodiversität, die Grösse und Schönheit des Universums …).
- Den Wunsch Gottes nach Beziehung mit mir – und was er in seiner Erlö–sungstat für mich getan hat.
- Was mir alles geschenkt ist: mein Leben, meine Beziehungen, meine Ga–ben, Erlebnisse, Prägungen, meinen materiellen Besitz, meine Prägungen … .
2. «Gott sehnt sich danach, sich selbst mir zu geben, soweit er es vermag» – was löst diese Sehnsucht Gottes in mir aus?
3. Gott liebt mich so sehr, dass er sich unablässig um mich und seine ganze Schöpfung müht und für mich «arbeitet».
Ich stelle mir Gott vor, wie er
- unablässig den Pflanzen wachsendes Leben schenkt …
- wie er der Tierwelt Leben und sinnliches Fühlen und Wahrnehmen schenkt …
- wie er uns Menschen Einsicht in geistliche Dinge schenkt …
Ich stelle mir vor, wie
- Gott mich durch-seelt, mir sinnliche Wahrnehmung und Einsicht in geistliche Dinge schenkt …
- ich Tempel Gottes bin. D.h. wie ich Wohnung und Zuhause für Gott sein darf …
- ich als Bild Gottes geschaffen bin und ihn in dieser Welt «repräsentieren» darf …
4. Ich nehme wahr, was dieses Schauen, Erinnern und Vergegenwärtigen (1.-3.) in mir ausgelöst. Wozu bewegt es mich?
Übung 3 – Hingabegebet
Vielleicht habe ich bei der 2. Übung eine Hingabebereitschaft verspürt. Ignatius hat das sogenannte Sucipe-Gebet verfasst:
Nimm hin, HERR, und empfange meine ganze Freiheit,
mein Gedächtnis, meinen Verstand und meinen ganzen Willen,
meine ganze Habe und meinen Besitz;
Du hast es mir gegeben,
Dir, HERR, gebe ich es zurück;
alles ist Dein, verfüge nach Deinem ganzen Willen;
gib mir Deine Liebe und Gnade,
das ist mir genug.
Ich lese dieses Gebet mehrmals. Vielleicht mag ich es auch auswendig lernen, oder einen Teil davon.
- Ich nehme wahr, was diese Worte in mir auslösen. Ich nehme wahr, und lasse wahr sein, was sich zeigt.
- Gibt es etwas ganz Konkretes, das ich in die Tat umsetzen möchte?
Übung 4 – Wochenrückblick
Im Wochenrückblick geht es darum, betend und innerlich horchend auf die vergangene Woche zu blicken. Ziel ist es, aus dem vielen zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Vielleicht auch einen roten Faden zu finden.
Übung
- Ich bitte Gott, die vergangenen Tage in seinem Licht anschauen zu dürfen.
- Ich lasse zunächst Dank für Erlebtes aufsteigen: Was wurde mir geschenkt? Wo habe ich Gottes heilsame und tröstende Nähe erfahren?
- Anhand meines Tagebuches oder meiner Agenda kann ich die Tage durchgehen. Vielleicht gibt es auch ausserhalb des Tagebuches noch Wichtiges, das mir in Erinnerung gerufen wird. Folgende Fragen können mir als Leitfragen dienen:
a) Wo hat Gott Neues geschenkt in diesen Tagen?
b) Was durfte ich in Bezug auf Gottesbild, Bild von Nächsten, Bild von mir selber erfahren?
c) Wo sind in mir Glaube, Liebe und Hoffnung gewachsen?
d) In welchen Fragen habe ich Klarheit gewonnen?
e) Wo will ich dranbleiben?
f) Was ergibt sich aus all dem? Gibt es einen mir möglichen Schritt, den ich im Alltag umsetzen kann?
Gebet
Du Gott des Aufbruchs
und der ErNEUerung segne uns,
wenn wir Dein Rufen vernehmen,
wenn Dein Geist uns bewegt zu Aufbruch und Neubeginn.
Lass uns Ant-Wort geben auf Dein an uns ergangenes Wort.
Du Gott des Aufbruchs
und der ErNEUerung begleite und behüte uns,
wenn wir uns aus ungesunden Abhängigkeiten lösen wollen,
wenn wir uns aus lebenshemmenden Gewohnheiten verabschieden,
wenn wir vertraute, vielleicht festgetretene Wege verlassen.
Lass uns dankbar zurückschauen und versöhnt weiterleben.
Du Gott des Aufbruchs
und der ErNEUerung wende uns Dein Angesicht zu,
wenn Angst uns befällt,
wenn Umwege uns ermüden,
wenn wir Orientierung suchen in den Stürmen der Unsicherheit.
Lass uns Irrwege erkennen und darauf vertrauen, dass Deine Kraft im Schwachen zum Ziel kommt.
Du Gott des Aufbruchs
und der ErNEUerung leuchte auf unserem Weg,
wenn wir fremdes Land betreten,
wenn wir neue Schritte wagen
auf unser Reise nach innen und im aktiven Alltagsleben.
Lass uns Schutz suchen bei Dir.
Du Gott des Aufbruchs
und der ErNEUerung mache uns aufmerksam,
wenn wir mutlos werden, wenn wir Menschen begegnen,
wenn unsere Freude überschäumt, die Sonne uns wärmt, Wasser uns erfrischt, Sterne leuchten auf unserem Lebensweg.
Du Gott des Aufbruchs und der ErNEUerung
bist mit mir unterwegs zu mir selbst, zu den Menschen, zu dir.

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