Als ein Vertreter dieser Generation mit Jahrgang 1954, habe ich mich gefragt, ob wohl nur das Alter neu gedacht werden soll? Stehen wir gesellschaftlich und als Christen im sogenannten Westen nicht auch glaubensmässig an einer Schwelle, an der wir uns herausgefordert wissen, unser Haus, wenn nicht ganz neu zu bauen, dann doch unsere Deutung der Welt umfassend zu renovieren? Somit bedeutet für mich «Perspektive 3D»: Nicht nur das Alter, sondern auch Gott und die Welt, zusammen mit unseren Jungen, neu zu denken. So werden wir vom Theologen Miroslav Volf in seinem Manifest «Für das Leben der Welt» zu nichts weniger eingeladen als dazu, Vorschläge zur Erneuerung unserer Theologie zu machen2. Und somit quasi eine Architektur für unser Leben zu entwerfen.
Weltbeziehungen mit drei Achsen ...
Schon der Soziologe Hartmut Rosa hat versucht, eine Renovation der Weltdeutung auf seine Art in die Wege zu leiten. Über die Unverfügbarkeit schrieb er 2018: «Unablässig versucht der moderne Mensch, die Welt in Reichweite zu bringen: Dabei droht sie uns jedoch stumm und fremd zu werden, Lebendigkeit entsteht nur aus der Akzeptanz des Unverfügbaren».
In seinem Bestseller «Resonanz» skizzierte er bereits 2016 eine Vorstellung der Welt, die mich als Architekt angesprochen hat. Wenn er von Beziehungen spricht, dann ordnet er drei Beziehungssphären entlang den Raumachsen X, Y und Z an, die er als Resonanzachsen bezeichnet:
Vertikale Resonanzachsen sind Verheissungen der Religion, die Stimme der Natur, die Kraft der Kunst und der Mantel der Geschichte.
Horizontale Resonanzachsen werden gebildet von der Familie als Resonanzhafen in stürmischer See, der Freundschaft als menschliches Rühren verbunden mit der Kraft der Verzeihung und der Politik mit den vier Säulen der Demokratie: Repräsentation, Teilhabe, Gleichheit und Freiheit.
Diagonale Resonanzachsen sind Objektbeziehungen: «Die Dinge singen hör ich gern» – eine Arbeit, in der das Material zu antworten beginnt, die Schule als Resonanzraum, Sport und Konsum als Versuche, sich selber zu spüren.
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.. umgesetzt in einem markanten Gebäude
In Erfurt, der Lutherstadt im Bundesland Thüringen, ist auf dem Campus der Universität 2023 das «Institut für Weltbeziehungen» eröffnet worden. Bedingt nicht zuletzt durch den weltweiten Widerhall, den Hartmut Rosa mit seinem Bestseller «Resonanz» ausgelöst hat. Der Bau kann somit auch als Umsetzung dieses Konzepts gesehen werden.
Der Entwurf für den Forschungsneubau «Weltbeziehungen» an der Universität Erfurt stammt von der «Obermeyer Gebäudeplanung GmbH & Co. München».
Das Münchner Architekturbüro hatte den vom Freistaat Thüringen ausgelobten Wettbewerb für den Neubau gewonnen. Für das Lichtdesign zeichnete das Büro «lichtrau» von Weimar verantwortlich. Der Bau wurde nach mehrjähriger Planungs- und Bauphase im Jahr 2023 fertiggestellt und in Betrieb genommen.
Der Gebäudekomplex ist konzeptionell einer «Stadt» nachempfunden. Er verbindet öffentliche Wandelhallen und Begegnungsräume für den interdisziplinären Austausch mit ruhigen, rückwärtigen «Denkzellen» für individuelles Forschen. Hauptnutzer des Gebäudes ist unter anderem das sozial- und kulturwissenschaftliche Max-Weber-Kolleg unter Leitung des Soziologen Hartmut Rosa, dessen Begriff der Resonanz und der Weltbeziehungen massgeblich für die Namensgebung und Ausrichtung des Forschungsbaus war.
Die Kathedrale der Erfüllung
Ich habe versucht, die Renovation der Weltdeutung in einem eigenen Versuch zu artikulieren. Als Architekt tat ich dies in Form einer «Kathedrale der Erfüllung».
Bedeutungsmässig lasse ich mich vom Hymnus auf das Lamm Gottes in der Offenbarung von Johannes leiten, dem letzten Buch in der Bibel. Im fünften Kapitel wird Johannes eine Vision eröffnet, wie sich die sieben imperialen Insignien des römischen Gott-Kaisers nicht mehr übergriffig und vereinnahmend, sondern befreiend und wohltuend manifestieren. Macht, Reichtum, Weisheit, Kraft, Ehre, Herrlichkeit und Anbetung dienen nun der Erfüllung jedes Menschen im Rahmen göttlicher Güte.
Das menschliche, römisch-imperiale Gesellschaftssystem wird durch die den frühen christlichen Gemeinden offenbarte göttliche Ordnung unterwandert und in Frage gestellt. Nicht dem römischen Kaiser-Gott gebührt alle imperiale und übergriffige Macht auf Erden, sondern Jesus Christus, dem Lamm Gottes, mit einem befreienden Verständnis von Macht, welches auf das Grundbedürfnis der Menschen nach Sicherheit auf eine subversive, göttliche Weise eingeht, die Jesus das Leben gekostet hat.
Dieser Hymnus auf das Lamm Gottes in der Offenbarung des Johannes lautet gemäss «Hoffnung für alle»3:
Und alle sangen ein neues Lied: «Du allein bist würdig, das Buch zu nehmen, nur du darfst seine Siegel brechen. Denn du bist als Opfer geschlachtet worden, und mit deinem Blut hast du Menschen für Gott freigekauft, Menschen aller Stämme und Sprachen, aus allen Völkern und Nationen. Durch dich sind sie jetzt Könige und Priester, die unserem Gott dienen. Und sie werden über die ganze Erde herrschen. Danach sah ich viele Tausende und Abertausende von Engeln, eine unzählbare Menge, und ich hörte, wie sie gemeinsam etwas riefen. Sie standen um den Thron, um die vier Gestalten und um die Ältesten. Gewaltig ertönte ihre Stimme: 'Allein dem Lamm, das geopfert wurde, gehören alle Macht und aller Reichtum. Ihm allein gebühren Weisheit und Kraft, Ehre, Herrlichkeit und Anbetung!'»
Dies lässt sich so zusammenfassen4:
Die Heilsgeschichte abbilden
Die vom Architekt Antoni Gaudì entworfene Kathedrale in Barcelona, Sagrada Familia, reiht sich nach bald über 100-jähriger Bauzeit in die lange, europäische Tradition von Gotteshäusern ein, an denen die Heilsgeschichte abgebildet wird. Menschen sollen so von Gottes Güte erfasst und zu einem erfüllten, gelingenden Leben hingeführt werden.
Heute ist die Abbildung der Heilsgeschichte nicht mehr an die teuren, in Stein gemeisselten Skulpturen der Kathedralen gebunden. Nach der Innovation der Vervielfältigung von Weltdeutungen durch den Buchdruck im Mittelalter, gelingt es uns heute dank der Digitalisierung ganze Kathedralen in virtuellen Realitäten, in sogenannten VR-Welten, lebensnah in einer dreidimensional in Echtzeit erlebbaren 3D-Perspektive abzubilden.
So lässt sich ein Zukunftsrat simulieren, wo sich Jung und Alt über ihre gemeinsame Zukunft austauschen. Wünschbar wäre, dass sich in jeder Kirchgemeinde eine diskursive Gesprächskultur etablieren könnte, um mit stichhaltigen Argumenten und überzeugenden Ideen die gemeinsame Zukunft in einer mündigen, verantwortlichen Weise zu gestalten: Inspiriert von der siebenfältigen Würde Jesu Christi (Macht, Reichtum, Weisheit, Kraft, Ehre, Herrlichkeit und Anbetung), welche uns die Welt aus dem Blickwinkel göttlicher Güte auf eine neue, frische Art sehen lässt.
Der anfänglich erwähnte Theologe Miroslav Volf propagierte 2019 im Manifest «Für das Leben der Welt» zur Erneuerung der Theologie drei Kernforderungen:
1) Rückkehr zur Alltagsrelevanz: Theologie darf nicht bloss beschreiben oder historisch-kritisch analysieren, sie muss normativ orientieren und Antworten auf existenzielle Fragen der Gegenwart geben, Fragen wie Klimakrise, Gerechtigkeit, Einsamkeit oder Technologiewandel.
2) Christus als Gravitationszentrum: Ein gelingendes und erfülltes Leben wird christlich von der Gestalt Jesus Christus her gedacht – Kreuz und Auferstehung zeigen, dass echtes Leben auch Hingabe und Selbstentäusserung bedeutet.
3) Eine pluralistische Orientierung: Die Aufstellung einer Vision des gelingenden Lebens muss im Dialog mit einer pluralen Gesellschaft geschehen. Theologie beansprucht Wahrheit, lädt aber zum Gespräch ein, statt Macht auszuüben.
Gott schafft, erlöst und vollendet die Welt nicht zu seinem eigenen Nutzen, sondern damit die Schöpfung Teil an seiner Fülle hat. Das Hauptziel der Theologie muss daher eine artikulierte, lesbare Vision eines gelingenden, wahrhaftigen und erfüllten Lebens sein.
Die Welt neu denken
Der amerikanische Professor für Architektur österreichischer Herkunft, Christopher Alexander, hat sich zeitlebens mit der Frage auseinandergesetzt, wie die Struktur der Welt aus Sicht des Archi Tekton, des Grössten Baumeisters, beschaffen ist. Ist in dem, was wir als Wirklichkeit mit Hilfe unserer Sinne erfahren, allenfalls eine göttliche Ordnung auszumachen? In seiner Abhandlung «The Nature of Order» – das Wesen der Ordnung –, staunt er über Strukturen in der Wirklichkeit, die von einer Ordnung stiftenden Handschrift zeugen: The Louminous Ground.
Hans Joas, Soziologe und Sozialphilosoph fragt sich in seinem 2025 erschienen Buch «Universalismus – Weltherrschaft und Menschheitsethos», ob während der Jahrtausende alten Entwicklung der menschlichen Zivilisation nicht ein Schimmer von dem erkennbar ist, was man als Christ der Inspiration der Güte Gottes zuschreiben könnte. Prinzipien, die einer wahrhaft göttlichen Ordnung zumindest annäherungsweise entsprechen könnten. Prinzipien, die nachhaltig befreiend wirken, die es vermögen, Unterdrückung, Ausbeutung, Vereinnahmung, Zerstörung und Vernichtung Einhalt zu gebieten.
Wenn ich mir als Alt-68er und Babyboomer, Abkömmling der ersten und hoffentlich nicht letzten Nachkriegsgeneration nach 80 Jahren Frieden erlaube, Gott und die Welt neu zu denken, dann ist es ermutigend von jungen Theologen wie Martin Thoms zu lesen, wie Versöhnung neu gedacht werden kann. Oder wie Michael Meier, Fachjournalist für Religion und Kirche, «Das Evangelium der starken Männer» analysiert5. Erfrischend auch die Podcasts auf Reflab, Worthaus und Hossatalk. Bis hin zu Frauen wie Veronika Schmidt oder Sabine Fischer zu lesen, dass viele Missstände auf dieser Welt von einer spezifisch männlichen Art, die Welt zu deuten, herrühren, jedoch Potenzial zur Verbesserung in Aussicht steht. Nämlich: Statt Nationalismus, Sexismus und Autokratie eine Ordnung, die göttlicher Güte entspricht, was Europa zu einem gestärkten Rückgrat verhelfen würde: Menschenrechte und individuelle Freiheiten; Demokratie und Rechtsstaatlichkeit; Soziale Marktwirtschaft; Bildungs- und Wissenschaftsfreiheit; Säkularität zur Wahrung der Glaubensfreiheit.
Was wäre, wenn bei allem neu denken von Gott und der Welt am Stadtfest von Winterthur Albanigottesdienst 27.06.2027 vom Vögelipark aus Brieftauben die Botschaft mit dem Aufruf zum Frieden überall in die Hauptstädte von Europa tragen würden, sich jährlich wiederholend bis der Krieg tragfähig befriedet wird?
In meiner ganzen Ohnmacht bete ich: Jesus Christus, erneuere unsere Herzen mit deiner heiligen Geistkraft und mach uns Mut, die Welt gemäss der Güte unseres Vaters im Himmel auf Erden neu zu denken.
1 Markus Müller: «Alter neu denken – Wie dein Denken dein Älterwerden bestimmt - Ein Hoffnungsmacherbuch», 2026
2 Miroslav Volf: «Für das Leben der Welt: Ein Manifest zur Erneuerung der Theologie» (For the Life of the World: Theology That Makes a Difference, 2019, Yale Center for Faith & Culture with Matthew Croasmun)
3 Offenbarung 5,8-12
5 Michael Meier: «Das Evangelium der starken Männer – Gnadenlos: Wie Vance, Putin & Co. die Religion für ihre Politik benutzen», Tages Anzeiger Magazin 09.10.2026
https://www.tagesanzeiger.ch/religion-als-machtinstrument-von-vance-bis-putin-281659610686

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