Naturwissenschaften: Exoplaneten und die Frage nach Leben

Am 30. August richteten sich die Blicke zahlreicher Forscherinnen, Ingenieure und Weltraumbegeisterter auf das Kennedy Space Center der US-Raumfahrtbehörde NASA in Florida: Um 7:26 Uhr Ortszeit startete dort das «Nancy Grace Roman»-Weltraumteleskop an Bord einer Falcon-Heavy-Rakete des amerikanischen Unternehmens SpaceX. Anfang Dezember soll es seine Zielposition erreichen und nach «Hubble» und «James Webb» seine Arbeit als weiteres «Auge der Menschheit» aufnehmen. Ziel der mindestens fünfjährigen Mission ist die Erforschung fundamentaler Fragen der Astrophysik über dunkle Materie und Exoplaneten (1).

(Lesezeit: 12 Minuten)

Namensgeberin des Weltraumteleskops ist die 2018 verstorbene US-Astronomin Nancy Grace Roman. Kurz nach Gründung der NASA wurde sie 1959 zur ersten Frau in einer Führungsposition und zur ersten Chefin der Abteilung für Weltraumastronomie berufen. Für ihren unermüdlichen Einsatz für das 1990 ins All beförderte «Hubble»-Weltraumteleskop und seine Finanzierung durch den US-Kongress verdiente sie sich unter Kollegen den Beinamen «Mutter Hubbles»2. Die Technik des nach ihr benannten Teleskops verdankt sich einem erstaunlichen «Schwerter zu Pflugscharen»3-Moment: Sein Hauptspiegel mit einem Durchmesser von 2,4 Metern ist ein Geschenk des US-Militärnachrichtendienstes NRO aus einem eingestellten Spionageprogramm4. Statt auf feindliche Erdbewohner richtet das Teleskop seinen Blick jetzt in die Weiten des Alls und sucht dort nach neuen astronomischen Erkenntnissen.

Für seine Mission verfügt «Roman» über ein hundertfach grösseres Sichtfeld als «Hubble». Dadurch kann das Teleskop grosse Bereiche des Weltraums erfassen und auf der Suche nach Spuren dunkler Materie kartieren. Neue, bislang unentdeckte Exoplaneten – Planeten, die nicht zu unserem Sonnensystem gehören –, kann es mittels Gravitationslinseneffekt aufspüren5: Die Gravitation massereicher Himmelskörper krümmt nicht nur Planetenbahnen, sondern auch Lichtstrahlen weit entfernter Sterne, was zu einem fokussierenden Effekt ähnlich einer Linse führt. Für die direkte Beobachtung von Exoplaneten ist zusätzlich ein Koronograph an Bord, der einen zentralen hellen Stern mittels Filter und Masken ausblenden kann – vergleichbar mit einer Sonnenfinsternis, bei der die Sonne durch den Mond verdeckt bzw. «ausgeblendet» wird. Damit lassen sich Planeten in der Nähe des Sterns (oder im Vergleich: der Sonne) sichtbar machen, die sonst überstrahlt würden6. So soll «Roman» bis zu 100'000 neue Exoplaneten erspähen können, von denen einige die Bedingungen für Leben erfüllen könnten7.

Das Hubble-Teleskop zeigt die Weite des Universums (Bild: Internet).

Ist da jemand?

Die Vorstellung, dass wir eines Tages Leben auf anderen Planeten entdecken, weckt Faszination und Unbehagen zugleich. Wie könnte extraterrestrisches Leben aussehen? Wie ist es entstanden? Und falls dort vernunftbegabte Wesen leben: Könnten wir uns mit ihnen verständigen?

Eine Begegnung mit ausserirdischem Leben bleibt vorerst rein spekulativ. Sollte die Forschung eines Tages tatsächlich Spuren davon finden, wäre die Entdeckung vermutlich weit weniger spektakulär als es Hollywood und Science-Fiction nahelegen. Statt grüner Marsmenschen in technisch überlegenen Raumschiffen träfen wir wohl eher auf Mikroben oder exoplanetare Fossilien8. Doch nehmen wir für einen Moment an, es gäbe extraterrestrische (vernunftbegabte) Lebewesen: Was würde das für Christen bedeuten – und für ihren Glauben?

Die Bibel schweigt dazu weitgehend. Vielleicht ist auch darin ein Teil des Unbehagens mancher Gläubiger begründet. Doch obwohl die Heilige Schrift in Genesis 1-3 nur über den Ursprung, Urheber und Auftrag irdischen und vor allem menschlichen Lebens explizite Aussagen trifft, ist nach biblischem Zeugnis allein Gott der Schöpfer von allem – ja, wirklich allem! – und zwar geschaffen aus dem Nichts – creatio ex nihilo. Das wird später auch in Christus, dem Sohn Gottes, als dem Erschaffer, Erhalter und Herr über die gesamte Schöpfung deutlich9. Deshalb kann kein Zweifel daran bestehen, dass auch ausserirdisches Leben von Gott geschaffen wäre und unter seiner Autorität stände.

Ein einziges Bild des «Roman»-Vorgängers «Hubble» zeigt fast 10'000 Galaxien und lässt die schier unglaubliche Weite des Universums erahnen10 (siehe Bild). Zugleich zeigt die Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten auf der Erde und in den Tiefen des Meeres, wie reichhaltig Leben sein kann. Beide Beobachtungen vermitteln einen Eindruck von der Grösse und Kreativität Gottes. Guy Consolmagno, der Direktor der vatikanischen Sternwarte, die an «Roman» beteiligt ist, formuliert es so: «Das ist Gottes Schöpfung, die sich uns offenbart, und darin können wir sowohl seine erstaunliche Macht als auch seine Liebe zur Schönheit erkennen11.» Könnte es uns da wirklich überraschen, wenn der Schöpfer des Lebens auch an anderer, noch unentdeckter Stelle im Universum aktiv war?

Gilt die Erlösung durch Jesu Menschwerdung auch für Ausserirdische?

Herausfordernder ist die Frage, welche Folgen eine potenzielle Existenz ausserirdischen Lebens auf die besondere Rolle des Menschen und seiner Erlösung durch die Menschwerdung Jesu Christi hätte. Gegner des christlichen Glaubens sehen hier ihre Chance zur Kritik. Der christliche Apologet C. S. Lewis sieht dem gelassen entgegen: «Wenn sich der öffentliche Lärm gelegt hat […], befinden sich beide Seiten wieder ziemlich genau dort, wo sie zuvor waren.» In seinem 1958 veröffentlichten Essay «Religion and Rocketry»12 (Religion und Raketentechnik) geht er dem Thema auf der Basis von fünf zentralen Fragen nach:

«1. Gibt es ausser auf der Erde noch irgendwo anders Lebewesen?

2. Falls ja, besitzen einige dieser Lebewesen das, was wir als 'vernünftige Seele' bezeichnen? Das heisst, sind sie geistige Wesen?»

Mit diesen beiden Fragen steckt C. S. Lewis zunächst den Rahmen ab: Wir wissen bis heute nicht, ob es überhaupt Leben außerhalb der Erde gibt. Doch selbst wenn das der Fall sein sollte, stellt es uns vor keine theologischen Herausforderungen, solange diese Lebewesen keinen Sinn für Moral und Geistliches besitzen. Eine Mikrobe oder selbst ein «Marshund», der nur seinen Instinkten folgt, benötigen demnach keinen persönlichen Christus.

«3. Falls es solche geistigen Wesen gibt, sind einige oder alle von ihnen, wie wir, gefallen?

4. Falls einige von ihnen gefallen sind, wurde ihnen dann die Erlösung durch die Menschwerdung und das Leiden Christi verwehrt?

5. Und schliesslich: Wenn alle ersten vier Fragen mit Ja beantwortet werden könnten, ist es dann sicher, dass dies die einzig mögliche Form der Erlösung ist?»

Folgt man C. S. Lewis auf dieser zunehmend hypothetischen Reise einen Schritt weiter, muss man anerkennen, dass sich die Menschheit nicht primär durch ihre Exzellenz, sondern ihre gefallene, erlösungsbedürftige Natur «auszeichnet». Gilt dieser Zustand auch für vernunftbegabtes ausserirdisches Leben, sei es zumindest denkbar, dass auch sie durch eine Inkarnation Christi gerettet werden. Alternativ könnte in Römer 8,19-23 ein Hinweis verborgen sein, dass die extraterrestrischen Lebewesen als Teil der Schöpfung Erlösung erfahren, sobald die Kinder Gottes in die Herrlichkeit des ewigen Lebens eintreten.

C. S. Lewis ist sich bewusst, wie spekulativ seine Überlegungen sind. Schliesslich fehlt uns nicht nur das Wissen über die Existenz von Aliens, sondern auch der Einblick in die Weisheit und das Handeln Gottes in der Errettung. Warum hat Gott inmitten von Millionen Galaxien ausgerechnet einen kleinen Planeten in einem Seitenarm der Milchstrasse für uns auserwählt? Warum wird nur über den Menschen gesagt, Gott habe ihn «nach seinem Bild» geschaffen? Warum gefiel es Gott, uns gerade durch die Menschwerdung und Kreuzigung von Jesus zu retten?

 

Was ist der Mensch in der Symphonie der Sterne?

Der Skandal der Besonderheit («scandal of particularity») erscheint vor der Weite des Alls umso grösser und bleibt doch Gottes Geheimnis.  So können wir nur mit David in das staunende Lob Gottes einstimmen:

«Wenn ich die Himmel anschaue, das Werk, das du mit deinen Händen geformt hast, den Mond und die Sterne, die du entworfen hast, was ist da der Mensch, dass du an ihn denkst, und was ein einfacher Mensch, dass du dich um ihn kümmerst? Nur ein wenig geringer hast du ihn gemacht als Gott selbst, ja, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn ausgestattet13.»

Scott Acton, einer der führenden Ingenieure des «James Webb»-Teleskops, beschreibt seinen Eindruck beim Anblick der ersten Aufnahmen so: «Wir sind umgeben von einer Symphonie der Schöpfung»14. In diesen «Gesang der Sterne» (Hiob 38,7)15 dürfen wir – vielleicht zusammen mit uns noch unbekanntem extraterrestrischen Leben – zum Lob Gottes einstimmen.

Nicht zuletzt kann uns diese Perspektive helfen, unsere ganz irdischen Herausforderungen mit mehr Demut zu betrachten. Die entscheidende Frage ist dann nicht nur, welchen Einfluss ausserirdisches Leben auf unseren Glauben hätte, sondern wie wir fremden Wesen begegnen. C. S Lewis warnt: «Wir wissen, wie unsere Spezies mit Fremden umgeht. Der Mensch vernichtet oder versklavt jede Spezies, die er nur kann. […] Ich fürchte daher die praktischen, nicht die theoretischen Probleme, die entstehen werden, sollten wir jemals auf vernunftbegabte Wesen treffen, die keine Menschen sind16.» Ob wir unbekanntem Leben gerecht werden könnten, entscheidet sich also schon heute im Umgang mit uns fremden Menschen und Gottes Schöpfung. 

 

1 https://science.nasa.gov/mission/roman-space-telescope/introducing-the-roman-space-telescope/

2 https://www.vaticanobservatory.org/sacred-space-astronomy/nancy-grace-roman-space-telescope-reaches-for-the-stars/

3 Micha 4,3; Jesaja 2,4

4 https://www.vaticanobservatory.org/sacred-space-astronomy/nancy-grace-roman-space-telescope-reaches-for-the-stars/

5 https://science.nasa.gov/mission/roman-space-telescope/ and https://roman.ipac.caltech.edu/page/microlensing

6 https://roman.ipac.caltech.edu/page/cgi

7 https://www.stsci.edu/roman/about/science-themes

8 https://www.lmu.de/de/newsroom/newsuebersicht/news/leben-auf-saturnmond-waere-moeglich-b9cf08d1.html und https://tma.melbourneanglican.org.au/2023/03/if-we-discovered-life-on-other-planets-what-would-that-mean-for-christianity/

9 Kolosser 1,15-17; 1. Korinther 8,6

10 https://science.nasa.gov/asset/hubble/hubble-ultra-deep-field-2014/

11 https://www.vaticannews.va/en/world/news/2022-07/vatican-astronomer-webb-telescope-images-beyond-a-dream.html

12 Ursprünglich unter dem Titel «Will We Lose God in Outer Space» in Christian Herald, Vol. LXXXI, im April 1958 erschienen.

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