Nun feiern wir ja abgesehen von den jüdischen und adventistischen Gemeinden nicht mehr den Samstag, sondern den Sonntag als Ruhetag. Dahinter steckt ein geschickter politischer Schachzug. Der römische Kaiser Konstantin I. beendete im Jahr 313 nach 300 Jahren mehr oder weniger Verfolgung der Christen diese schwierige Zeit und machte das Christentum in seinem Reich zu einer anerkannten Religion, neben vielen anderen. In der übernächsten Kaisergeneration wurde das Christentum schliesslich zur Staatsreligion ausgerufen – als gemeinsamer religiöser Nenner für das Römische Reich. Theodosius I. verbot 391 alle vorchristlichen Kulte. Schon Konstantin I. hatte im Jahr 321 den heidnischen Sonnentag zum verpflichtenden Feiertag für Römer, Juden, Christen und Mithrasanhänger gemacht.
Für die Christen war das kein grösseres Problem, weil am ersten Tag der Woche – am Ostersonntag – ja Jesus Christus auferstanden war. Sie verschoben das Feiern des Sabbats vom letzten Tag auf den ersten Tag der Woche. Auch das hatte seine starke Bedeutung: Mit Jesus war das schon im Alten Testament verheissene Friedensreich endgültig zum Durchbruch gekommen – und ist seither nicht mehr aufzuhalten. «Schabbat Shalom» verbindet deshalb mit dem Ruhetag das Schöpfungsgeschehen, die Befreiung Israels aus der Sklaverei und damit die (grundsätzlich mögliche) Ruhe im verheissenen Land mit dem Weg zum verheissenen ewigen Friedensreich, auf dem wir seit Karfreitag und Ostern (auch) als Christen unterwegs sein dürfen. Der Adventist Paul Giurgi sagt es bei seiner Einführung zu einer Sendereihe über den Sabbat auf Hope TV so: «Der Sabbat begrenzt Arbeit, schützt Menschen vor Ausbeutung und lässt die Schöpfung aufatmen.»
Shalom – Die Vision einer ganzheitlichen Gemeinschaft
«Shalom» ist die beste Umschreibung dessen, was Gott mit Gemeinschaft meint. Damit ist nicht nur ein oberflächlicher «Frieden» gemeint. Vielmehr ist hier eine dreifache Gemeinschaft angesprochen: die heilsame Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott, unter den Menschen sowie zwischen dem Menschen und der übrigen Schöpfung1. Diese umfassende Friedens-Ökologie2 wurde aus biblischer Sicht von Gott geschaffen; für deren Rettung hat er sich bis zum Letzten eingesetzt, und diese Ganzheit wird er in Zukunft wieder herstellen.
Diese Vision setzt auch die theologischen Eckpunkte für eine werteorientierte Politik. Dabei geht es nicht darum, die Welt zu retten. Christen vertrauen darauf, dass sie die endgültige Rettungstat getrost Jesus Christus überlassen können. Sie sind aber dazu aufgerufen, die Gesellschaft in seinem Sinne und damit gemäss seinen Werten zu gestalten. Und Menschen, die sich dem christlichen Glauben weniger verbunden fühlen, können sich von diesem Geschehen und diesen Werten zumindest inspirieren lassen.
Gott hat an verschiedenen Stellen deutlich gemacht, wie diese Vision politisch und persönlich umgesetzt werden kann. Der erste Bund, das so genannte «Alte Testament», orientiert sich an einem Bundesdokument – an der Sammlung der Zehn Gebote3. Hier wird die erwähnte Beziehung zu Gott thematisiert (Treue, kein Götzendienst und kein Missbrauch des Namens von Gott), der Sabbat (Relativität der Arbeit), die Beziehung zu den Eltern (generationenübergreifende familiäre Wertschätzung), zum Leben (Schutz des Lebens), zur Ehe (Treue), zum Besitz (kein Diebstahl) und auch die Beziehung zum Nächsten (Ehrlichkeit, keine Habgier).
Politisch besonders interessant und brisant sind die Regelungen rund um das «Gnadenjahr des Herrn». Nach 49 Jahren bekommen in diesem Gesellschaftsentwurf alle wieder dieselben Startchancen. Hier geht es um Werte wie Lebensqualität durch wieder gewonnene Freiheit, Gleichheit als Ausdruck der Gerechtigkeit und es wird eine friedensvolle Gemeinschaft im Zeichen von Liebe und Wahrheit4 ausgerufen. Aufschlussreich sind auch die verschiedenen biblischen Shalom-Visionen des wieder hergestellten Landes, die dem entführten Volk Israel vor Augen gemalt werden. Jesaja 32,15-18 zeichnet ein von Gerechtigkeit geprägtes fruchtbares und bewaldetes Land. Die Gerechtigkeit bewirkt ein friedliches Zusammenleben sowie langfristige Ruhe und Sicherheit. Die Bewohner haben sichere Behausungen und sorgenfreie Ruheplätze.
Im Neuen Testament knüpft Jesus, wie wir gesehen haben, an diesem Gnadenjahr an. Sei es beim Formulieren seines «Programms» in den Antrittsreden oder ausführlicher in der Bergpredigt. Während im Alten Testament ein Volk (und damit eine Volkswirtschaft) im Blick ist, wendet sich das Neue Testament mehr an Einzelne und an Gruppen von Menschen: Es geht um die Jünger Jesu und später die christliche Gemeinde (und damit um eine «Betriebswirtschaft»). Hier werden persönliche Werte vorgestellt, die das Zusammenleben fördern. So etwa die Feindesliebe5, Gewaltlosigkeit6, Grosszügigkeit7 und Barmherzigkeit8. Grundregel ist dabei der folgende biblische kategorische Imperativ9: «Wie ihr von den Leuten behandelt werden wollt, ebenso behandelt auch ihr sie10.»
In der Bergpredigt wird deutlich, dass von Christen ein besonderes Mass an Sozialkompetenz erwartet wird, als Beispiel und Ansporn für andere. Die Briefe (und gewisse Diskussionen von Jesus mit seinen Jüngern) machen dann aber deutlich, dass auch unter Christen zwischenmenschliche Konflikte an der Tagesordnung waren. Paulus und die anderen Autoren zeigen deshalb, wie eine christliche Konfliktbewältigung aussehen könnte11.
Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, werden dann wieder die grösseren Zusammenhänge beschrieben. Hier taucht als positives Bild wieder ein Reich des Friedens auf, das 1000 Jahre dauert und unter der Leitung von Jesus Christus steht12. Die ideale Stadt, das neue Jerusalem, steht im Zeichen der nun wieder hergestellten Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch; die menschlichen Grundbedürfnisse sind im Überfluss befriedigt, es herrscht ein Klima von Wertschätzung, die Architektur ist geprägt von reicher Ästhetik13.
Was wir sehen können, wenn wir genauer hinschauen
Wenn wir die seriösen Medien konsumieren, werden wir tagtäglich auf Bereiche stossen, in denen wir, gestärkt aus dem Ruhetag im Sinne des göttlichen Shalom anpacken können – über die werteorientierte Ortsentwicklung hinaus. Dazu zwei Beispiele.
Wohnen als Menschenrecht
Die 87-jährige Mariecarmen Abascal wurde am 23. September im Rahmen einer Zwangsräumung aus ihrer Wohnung in Madrid getragen. Sie war von ihrem Vater 1956 und später an seine Tochter weitergegeben. 2018 kaufte die Immobilienfirma Urbagestión die Wohnung. Damals zahlte Mariecarmen 500 Euro Miete im Monat. «Später verlangte die Eigentümerin zunächste 2650 Euro, danach 1650 Euro. Die Rentnerin konnte sich auch diesen Betrag mit ihrer monatlichen Rente von 1350 Euro nicht leisten14.» Die Zwangsräumung löste in Madrid eine breite Protestbewegung aus. Mariecarmen wurde zum Symbol der Wohnungsmisere in Madrid. Schliesslich kam es zu einer Einigung zwischen Urbagestión und der Familie von Mariecarmen. Sie hätte nun wieder rund 500 Euro inklusive Nebenkosten für ihre Wohnung zahlen müssen. Die Eimigung kam zu spät. Mariecarmen verstarb im Spital, in dem sie sich von den Folgen der Zwangsräumung erholte.
Das Beispiel hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Und es ist typisch für städtische Zentren. Pensionskassen kaufen immer mehr Häuser und wehren sich gegen Einschränkungen auf dem Immobilienmarkt. Damit stellt sich die Frage, wer wichtiger ist: die Mieterinnen oder die Rentner, die von den Gewinnen der Pensionskassen profitieren. Rund jede sechste Mietwohnung in der Schweiz gehört heute einer Pensionskasse. «Tiefe Mieten sind die beste Altersvorsorge»15, sagt die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran: Lebe jemand 40 Jahre lang in einer um 500 Franken günstigeren Wohnung und würde dieses Geld sparen und anlegen, kämen selbst bei einem niedrigen Zins von 1 Prozent rund 300'000 Franken zusammen. Es mache deshalb Sinn, wenn sich Pensionskassen weniger hohe Renditen machen würden. Wie auch immer: Wohnen ist ein Menschenrecht und damit ein Recht mit christlichen Wurzeln. Dafür sollten wir uns konsequent einsetzen und auch mit unsern Pensionskassen das Gespräch darüber führen.
Ungleichheit bedroht die Demokratie
Die weltweite Ungleichheit in unseren Gesellschaften ist nicht ein Schicksal, sondern eine direkte Folge politischer Entscheidungen in den Bereichen Steuern, Arbeitsmärkten, öffentlichen Investitionen und den Regeln, nach denen unsere Volkswirtschaften funktionieren. «In den vergangenen Jahrzehnten haben viele dieser Entscheidungen die Verhandlungsmacht der Arbeit gegenüber dem Kapital geschwächt, Unternehmen und Superreichen ermöglicht, Steuerlücken auszunutzen, und öffentliche Investitionen ausgehöhlt16.» Von dem seit dem Jahr 2000 neu geschaffenen Vermögen gingen laut dem Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz 41 Prozent an das reichste Prozent der Bevölkerung. «Die ärmste Hälfte der Menschheit erhielt lediglich 1 Prozent. Während am einen Ende des Spektrums einzelne Vermögen Hunderte Milliarden umfassen, müssen am anderen Ende 2,3 Milliarden Menschen, also etwa jede vierte Person, regelmässig Mahlzeiten auslassen.» Stiglitz schlägt deshalb ein globales Gremium vor, das nach dem Vorbild des Weltklimarates «regelmässig Analysen zum Ausmass und zur Entwicklung von Ungleichheit, zu ihren Ursachen und Folgen sowie zu Erfolgen und Misserfolgen bei ihrer Bekämpfung vorlegen». Dies als Grundlage für Entscheidungsträger, Regierungen und multilaterale Organisationen, die Ungleichheit reduzieren wollen.
Und bei uns? In der Schweiz besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung «inzwischen ein Drittel des gesamten Vermögens des Landes, während die untere Hälfte der Bevölkerung weniger als 4 Prozent besitzt». Da ist es gut, dass wir mit Karin Keller-Suter eine bekennende Katholikin als Bundesrätin haben, die sich standhaft für eine harte Regulierung «unserer» Grossbank UBS einsetzt, die faktisch eine Staatsgarantie besitzt und davon in Milliardenhöhe profitiert. Liberalismus in ihrem Sinne bedeutet, dass der Staat nicht für die Risiken der UBS haften kann, wenn diese nicht durch ein angemessenes Kapitalpolster begrenzt werden – schon gar nicht, wenn die Bank die Gewinne der Risikogeschäfte selbst einstreicht17.
Was heisst das für uns?
Vor seinem Ruhetag fordert Gott die ersten Menschen dazu auf, in Besitz zu nehmen, was er geschaffen hat18 und als seine Ebenbilder daraus etwas Gescheites in seinem Sinne zu machen. Was heisst das für uns heute?
Im idealen Fall können wir es so machen, wie Albin Reich, der dank einer Erbschaft reich geworden ist, und nun in seinem Buch «Wie das reichste Prozent die Welt retten kann» andere überzeugen will, «ihr Geld für das Gute einzusetzen»19. Seine geerbte Liegenschaft in der Zürcher Altstadt ist mehrere Millionen wert. Er ist Mitglied des Vereins «Tax me now», der höhere Steuern für Reiche fordert. Am dringendsten sieht er Handlungsbedarf bei der Klimakrise. Als Softwareentwickler arbeitet er nur noch für Start-ups, deren Ideen er unterstützt. Und er lebt auch heute noch mit seiner Familie in einer Mietwohnung, hat kein Auto und reist vor allem mit dem Zug.
Für mich startet der Sonntag mit dem Läuten der Kirchenglocken um 9.15 Uhr20. Gefolgt vom Besuch des Gottesdienstes und Gesprächen im Kirchenkaffee, einem guten Essen mit dem Wein zum Wochenende und einem ausgiebigen Mittagsschlaf. Auf dem Laptop ruht der e-Mail-Verkehr, das Smartphone ist bei mir sowieso nur in Ausnahmefällen in Betrieb und die (a)sozialen Medien kommen die ganze Woche gut ohne mich aus. Dafür bleibt Zeit zum Lesen. Vor den Sportsendungen und dem TV-Abendprogramm setze ich mich gerne ans Klavier. Und spätabends singe ich dank You Tube mit meinen Southern Gospel- Lieblingsgruppen um die Wette. So gestärkt versuche ich, mich unter der Woche als Ehepartner und (Gross-)Vater zu bewähren, engagiere mich in der Dorfentwicklung und motiviere publizistisch mich und andere, das Reich Gottes weltweit in alle Winkel zu tragen. Mein Einkommen und Vermögen setze ich so ein, dass es diese Ziele fördert. Dies alles in der Kraft des dreieinen Gottes, der mich zur Ruhe kommen lässt und zum Fördern eines ganzheitlichen Friedens einlädt. Kurz und gut: «Schabbat Schalom!»
Hinweis
Bleibt eine gerechtere Welt bloss ein unerfüllter Traum? Oder können wir etwas dazu beitragen, dass dieser Traum möglich wird? Was hat unser Glaube mit Schöpfungsbewahrung zu tun und welche Rolle spielen eigentlich unsere christlichen Gemeinschaften und Kirchen? Der Just People-Kurs stellt sich mit euch den grossen globalen Fragen unserer Zeit! Er lässt die Zusammenhänge des heutigen Weltgeschehens besser verstehen und lädt dazu ein, Gott als Schöpfer und die Weite unserer Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken und feiern.
https://stoparmut.ch/justpeoplekurs/
1 Jesaja 11,1-9 zeichnet nicht nur das Bild einer gerechten Regierung, sondern skizziert gleichzeitig die umfassende Bedeutung von «Shalom». «Shalom» steht im Übrigen in einem engen Zusammenhang mit dem Begriff «Reich Gottes». So schreibt Klaus Berger in seinem Buch «Jesus» (München, 2004): «Statt Reich Gottes kann man auch Herrschaft oder Friede Gottes sagen, wenn man den vollen Sinn von Shalom ausschöpfen will.»
2 Ökologie meint laut Duden unter anderem «der ungestörte Haushalt der Natur».
3 5. Mose 5,6 ff
4 Gott verknüpft seine Anweisungen mit der Bundesbeziehung; diese wiederum spiegelt sein Wesen und damit Wahrheit über Gott.
5 Lukas 6,27
6 Lukas 6,29
7 Lukas 6,30
8 Lukas 6,36
9 Kant wird später in seinem kategorischen Imperativ formulieren: «Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.»
10 Lukas 6,31
11 Konfliktbewältigung wäre eigentlich eine typisch christliche Kompetenz. So wurde die Mediation – ein aussergerichtliches Einigungsverfahren – stark von Christen in Nordamerika gefördert, die sich dazu von der täuferischen Friedenstheologie inspirieren liessen.
12 Offenbarung 20,4.6
13 Offenbarung 21 und 22,1-5
Diese Gedanken stammen aus meinem Buch «Wenn die Bevölkerung das Dorf entdeckt. Sieben Strategien für eine werteorientierte Ortsentwicklung – und was die Kirche dazu beitragen kann», das 2023 im Berchtold-Haller-Verlag Bern erschienen ist (S. 209-211); siehe auch: www.dorfentwicklung.ch.
14 Edgar Schuler in «Der Bund», 30.9.26
15 «Der Bund» vom 10.10.26
16 Joseph E. Stiglitz in «Der Bund» vom 25.9.26
17 Claudia Gnehm in ihrem Kommentar in «Der Bund» vom 26.9.26
18 1. Mose 1,28.29
19 Mirjam Messerli im «Reformiert» vom Oktober 2026
20 Hören Sie selber zu (unmittelbar nach den Klängen der Orgel): https://m.youtube.com/watch?v=eXzNe6ZMb18

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