Dorfentwicklung: Was lange währt ...

Nach einer zehnjährigen Vorgeschichte und einer zweijährigen Bauzeit konnte anfangs September in Oberdiessbach die erweiterte Schulanlage eingeweiht werden. Die Freude war bei allen Beteiligten gross, auch wenn die meisten die lange Vorgeschichte wohl kaum noch kennen. Die Vorgeschichte zeigt aber ein Prinzip, das oft hinter guten Lösungen steht: Werteorientierte Dorfentwicklung braucht das Hören aufeinander, die Bereitschaft, Betroffene zu Beteiligten zu machen und zwischendurch auch mal zu scheitern, oft aber auch einen langen Atem.

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Oberdiessbach ist ein wachsendes Dorf, das immer wieder auch (werdende) Familien anzieht. Neue partizipative und integrative Schulformen führen zudem zum Bedürfnis, die Schulzimmer mit Gruppenräumen zu erweitern. Daraus ergibt sich immer wieder der Bedarf nach mehr Schulraum. Das kostet viel Geld. Und dafür muss man möglichst alle Teile der Bevölkerung gewinnen. Obwohl die Zeit drängt, erlaubt das keine Abkürzungen. Das mussten wir auch bei der nun endlich realisierten Schulraumerweiterung erfahren. Sie begann vor zehn Jahren mit einem Absturz .

Die Primarschule Oberdiessbach heute (Bild: zVg)

Das programmierte Scheitern

Politisieren macht auch auf Gemeindeebene nicht immer nur Spass, das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Da hat man als Gemeinderat ein öffentliches Problem erkannt, benannt und in einem Projekt eine Lösung dafür erarbeitet. In der gemeinderätlichen Diskussion ist es gelungen, die Kolleginnen und Kollegen von diesem Vorschlag zu überzeugen. Die finanziellen Mittel für die Projektierung oder vielleicht sogar für die Umsetzung wurden bereitgestellt. Und dann scheitert das Projekt nach monatelanger Vorbereitung an der Gemeindeversammlung oder an der Urnenabstimmung. Das ist Frust pur!

Um das zu verhindern, empfiehlt sich die Strategie, dass Betroffene zu Beteiligten gemacht werden. Und das am besten gleich von Anfang an. Das braucht zwar etwas mehr Zeit, bewahrt aber vor unliebsamen Niederlagen. Notfalls lohnt es sich auch, dafür einen Zwischenschritt einzubauen, wie wir das in Oberdiessbach erlebt haben.

 

Mehrzweckhalle mit zu vielen Zwecken

Zu einem attraktiven Dorf gehört ein entsprechendes Schulangebot: genügend Schulraum für alle Altersstufen, motivierte Lehrkräfte und Raum für Freizeitangebote, unter anderem auch für Vereine. Hier gab es in Oberdiessbach vor Jahren einen Engpass: Die Turnhallen waren teilweise veraltet und boten zu wenig Raum; in der Schule, für Vereinsanlässe oder für die Gemeindeversammlung gab es weder eine grössere Aula noch eine moderne Bühne.

Der Gemeinderat (zu dem ich damals gehörte) war entschlossen, diesem Mangel abzuhelfen. Nachdem er sich umgeschaut und einen Berater engagiert hatte, zeichnete sich die Lösung des Problems schon bald ab: Es musste eine Dreifachturnhalle sein, die für alle Hallen-Sportarten geeignet war, kombiniert mit einer mobilen Bühne und der Möglichkeit, für ein allfälliges Vereinsfest ein Catering anzubieten. Etwas teuer für eine 3500-Seelen-Gemeinde. Aber schliesslich wollte Oberdiessbach ja eine Zentrumsgemeinde für das untere Kiesental sein. Und dazu gehörte aus Sicht des Gemeinderats ein überzeugendes Turnhallen-Angebot, das auch von den umliegenden kleineren Gemeinden genutzt werden konnte. Die Dreifachhalle sollte mitten im Schulhaus-Quartier gebaut werden, zusammen mit einigen Parkplätzen. Dafür musste die Beschaffenheit des Untergrunds genau analysiert werden. Nach den ersten Abklärungen lag das Vorprojekt auf dem Tisch des Gemeinderats: eindrücklich, teuer und mit einer Steuererhöhung verbunden.

Nun war die Zeit gekommen, dieses Vorprojekt nach monatelanger Arbeit der Bevölkerung an einem öffentlichen Anlass im Saal des Restaurants Löwen zu präsentieren. Der Saal war rappelvoll, als der Projektbegleiter die bisherigen Pläne vorstellte. Er tat dies ausführlich, mit vielen Zahlen und Plänen – und all das in seinem Zürcher Dialekt. Und der tönt für Emmentaler Ohren halt ziemlich fremd. In der Diskussion meldete sich als Erster der lokale Inhaber eines Baugeschäfts. Er zerpflückte das aus seiner Sicht viel zu teure Projekt. Nun folgte eine kritische Äusserung nach der andern. Die Mitglieder des Gemeinderats versanken immer tiefer in ihren Stühlen. Als nach langer Zeit endlich mal ein positives Votum kam, entschuldigte sich der Votant für seine Meinung, dass dies eigentlich ein ganz gutes Projekt sei. Kurz und schlecht: Der Abend war ein Fiasko. Hatte sich der Gemeinderat zu wenig um die ganz unterschiedlichen Interessen der diversen Beteiligten gekümmert?

Der Gemeindeschreiber meint dazu im Rückblick: «Wir standen in einem engen Kontakt mit den Vereinen und haben uns um deren Mitwirkung bemüht.» Er weist auf eine Botschaft hin, in der er den damaligen Prozess so zusammengefasst hat: «Im Januar/Februar 2013 wurde die Schulraumplanung der Bevölkerung in einem öffentlichen Mitwirkungsverfahren präsentiert. Von Seiten der Vereine wurde insbesondere gefordert, die geplante Mehrzweckhalle als Dreifachturnhalle weiterzuentwickeln.» Und er stellt fest, dass in der Folge der Wind gedreht habe: «Die Kulturvereine waren zum Schluss gekommen, dass ihnen ein eigener Saal zusteht. Dieser Haltung konnten wir mit dem damaligen Projekt nichts entgegensetzen. Drei Jahre später war das Projekt tot. Es ist nicht einfach, das vollständige Stimmungsbild einer Dorfgemeinschaft herauszuhören. Einzelne starke Persönlichkeiten (graue Eminenzen) können Gemeindevorhaben mit ihren Voten zur richtigen Zeit ‹bodigen›. Das ist letztlich aber Teil der direkten Demokratie.»

Der Gemeinderat wurde nun etwas vorsichtiger. In einem nächsten Schritt lud er alle, die zu diesem Projekt eine Eingabe gemacht hatten, zu einem Workshop ein. Gemäss der Methode des «Worldcafés» gab es zu jedem Aspekt des Projekts einen Tisch, der je von einem der Gemeinderäte betreut wurde. Ich durfte den gesamten Prozess moderieren. Die Ergebnisse und Vorschläge aus den Diskussionen an den einzelnen Tischen wurden zum Schluss von allen Anwesenden bewertet. Das Resultat öffnete dem Gemeinderat die Augen. Das Projekt hatte ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst: Was die einen toll fanden, war für die andern voll daneben. Immerhin: Das Verständnis für die einzelnen Positionen war nach diesem Workshop gewachsen. Unter dem Strich musste sich der Gemeinderat aber eingestehen, dass sich die Widerstände kumuliert hatten. Kleinlaut zog er das ganze Projekt vor der Abstimmung zurück.

Für den nächsten Anlauf wurde eine erweiterte Projektgruppe gebildet: Hier trafen sich Vertreter aller interessierten Vereine und Gruppen zusammen mit den politisch Verantwortlichen und den Fachleuten für das Projekt. Die einzelnen Aspekte des Projekts – Schule, Sport, Kultur, Vereine – wurden voneinander getrennt und in eine Gesamtsicht für die Schulraum-Planung eingebracht. Den unterschiedlichen Interessen wurde so weit möglich Rechnung getragen. Das Resultat an der darauffolgenden zweiten Infoveranstaltung war eine mittlere Zufriedenheit aller, verbunden mit der Einsicht, dass das Projekt ohne Steuererhöhung nicht machbar sein würde. Die weitere Projektierung wurde an der Gemeindeversammlung genehmigt.

Und das Wunder geschah: Die Gemeindeversammlung genehmigte unter anderem auch im Hinblick auf das vorliegende neue Projekt schon mal eine Steuererhöhung, gefolgt von einer zustimmenden Urnenabstimmung zum Bau von Schul- und Kulturanlagen im März 2023. Soweit die Vorgeschichte.

 

Ohne Mehrzweckhalle – aber mit vielen anderen Stärken

Dass der Planungsprozess für das gesamte Projekt so viel Zeit beanspruchte, ist Ausdruck der nun bewusst gepflegten Sorgfalt und dem Wunsch, möglichst allen Interessen gerecht zu werden. Zuerst wurde mit dem Geissbühlerhaus das letzte im Dorf liegende ehemalige Bauernhaus komplett renoviert. Seit einem Jahr sind dort die Tages- und Musikschule untergebracht. Die einstige Heubühne wurde zum Gemeindesaal umgebaut, der nicht nur für die Gemeindeversammlungen, sondern auch für Versammlungen von Vereinen, Firmen und Privaten benutzt werden kann. Er ist dank einem modernen Anbau auch via Lift zugänglich. Zudem gibt es eine Küche und eine Mensa. Das über 100-jährige alte Primarschulhaus wurde saniert und mit einem Lift erschlossen. «Während des Schuljahres 2025/26 konnten die grosszügigen Schul- und Gruppenräume im Neubau in Betrieb genommen werden. Unterrichtet wird in vier Klassenzimmern und dazugehörigen Gruppen- und Nebenräumen. Kindergarten und Mediothek sind ebenfalls dort zu finden. Auf dem Dach ist eine vollflächige Photovoltaikanlage installiert. Dank des Liftes sind Neubau und der rund 50-jährige Winkelbau hindernisfrei erreichbar. Im Winkelbau sind die Schulzimmer aufgefrischt und ebenfalls neu organisiert worden .» Zudem wurde auch der Mehrgenerationenplatz wieder in Betrieb genommen.

Nicht realisiert wurde die ursprünglich geplante Mehrzweckhalle. Ihre zu vielen Zwecke wurden anders realisiert. Und vielleicht werden ja in einer paar Jahren grössere Turnhallen gebaut. Trotz aller Werteorientierung sieht auch die finanzielle Wertefrage gut aus. Laut der Gemeindepräsidentin kann der Kreditrahmen voraussichtlich eingehalten werden. Somit gilt auch in diesem Fall: Was lange währt wird endlich gut.

 

1 Die folgenden leicht gekürzten Ausführungen zur Vorgeschichte stammen aus meinem Buch «Wenn die Bevölkerung das Dorf entdeckt. Sieben Strategien für eine werteorientierte Ortsentwicklung – und was die Kirche dazu beitragen kann», das vor drei Jahren im Berchtold-Haller-Verlag in Bern erschienen ist (Seiten 75-77). Siehe auch: www.dorfentwicklung.ch

2 Katharina Wittwer in der Wochen-Zeitung vom 10. September 2026

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