Das Kreuzchen am Hals der Lehrerin ist politisch gesehen ein Unding. Damit könnten die Schüler religiös beeinflusst werden. Ganz zu schweigen vom Kopftuch. Das dürfen nicht einmal die Schülerinnen tragen, wenn man gewissen politischen Kreisen folgt. Gut: Verhüllungen bis zur Unkenntlichkeit der Person sollten auf dem Schulgelände keinen Platz haben. Allerdings müsste dann manchmal provozierend knappe Bekleidung bereits im Teenageralter thematisiert werden. Ob islamische Verhüllung oder sexistisch-naive Anbiederung – beides müsste an der Schule zum Thema werden. Nicht zuletzt auch im Religionsunterricht.
Religion wird unterschätzt
Der Publizist und Medienbeobachter Markus Baumgartner hat kürzlich im Internetportal Livenet1 auf das neue St.Galler Volksschulgesetz hingewiesen, das diesen Verdrängungsmechanismus deutlich macht.
«Der Entwurf des neuen St. Galler Volksschulgesetzes sieht vor, dass der Religionsunterricht künftig aus den Blockzeiten und damit an die Randzeiten verlegt werden soll. Das habe für die Stellung der Religion im Fächerkanon spürbare negative Folgen. Religion als Wahlfach tut sich ja jetzt schon schwer damit, möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen. 'Rückt das Fach an die Randzeiten, wird sich diese Schwierigkeit noch verschärfen', schreibt Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur, Historiker und Buchautor in einem Gastbeitrag im 'St. Galler Tagblatt' und anderen CH-Medien.
Das Fach werde dann von den Schülern, aber auch von den Lehrkräften kaum mehr ernst genommen. Die St. Galler Regierung sah im Religionsunterricht eine ungerechtfertigte Privilegierung der Kirchen an öffentlichen Schulen. Dabei übersah man, dass die vielgehörte These, die Religion werde in der modernen Gesellschaft allmählich verschwinden, sich als falsch erwiesen hat. Religion prägt unsere Gesellschaft und Kultur weiterhin. Sie gibt Antwort auf existenzielle Fragen unseres Lebens, die uns alle beschäftigen, ob wir nun gläubig sind oder nicht. Hier setzt auch der Religionsunterricht an, indem er die Vermittlung von religiösem Grundwissen mit der Frage nach der Orientierung für das eigene Leben verbindet.
Mit dem religiösen Grundwissen erschliesst der Religionsunterricht auch das christliche Fundament unserer abendländischen Kultur. Ohne eine gewisse Kenntnis der biblischen Botschaft, der grossen Gestalten und Kontroversen der Kirchengeschichte oder der Symbole des Glaubens sind weder unsere Alltagskultur noch die Grundwerte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, zu denen Menschenwürde, Toleranz, Freiheit und Gleichheit gehören, zu verstehen. Eine kontinuierliche und systematische Beschäftigung mit religiösen Fragen und Inhalten erfordert jedoch ein eigenständiges Unterrichtsfach, das nicht an den Rand gedrängt werden darf und so an Relevanz verliert.
Wir alle brauchen mehr christliche Werte
In meiner zweijährigen Zeit als Sekundarlehrer in Münsingen (1979-1981) wurde der Religionsunterricht von meinen Kollegen gerne mir zugewiesen, wohl weil sie sich damit nicht übermässig identifizieren wollten. So unterrichtete ich neben meinen Hauptfächern Deutsch, Geschichte und Französisch zeitweise in drei Klassen auch noch bis zu zwei Lektionen Religion. Am liebsten am Morgen, wenn die Schüler noch leicht verschlafen und somit brav waren. In meiner Hauptklasse kombinierte ich gerne Deutsch, Geschichte und Religion miteinander. So unterrichtete ich die Reformation ein halbes Jahr in drei Fächern parallel und angepasst: sprachlich, historisch und inhaltlich. Im Religionsunterricht konnte ich mit meinen Schülern zusätzlich singen, obwohl das entsprechende Fach nicht zu meinem Fächerkatalog gehörte. Meine Schüler der fünften und sechsten Klasse lernten so den Kanon «Dieu est bon», das Noah-Chanson von Mani Matter und Spirituals. Meine letzte Schulwoche mit meiner Hauptklasse gestaltete ich zusammen mit befreundeten – ich gebe zu: christlich gesinnten – Fachkräften als Landschulwoche zum Thema «Schöpfung-Welt-Umwelt» im Berner Oberland. Sie konnten sich in Workshops und Referaten in diese wichtigen Zusammenhänge einarbeiten. Abends gab es neben ganz unterschiedlichen Spielen jeweils einen Singteil mit «unseren» Liedern aus dem Religionsunterricht. Ich verabschiedete meine Schüler am Schluss der Woche für immer – und mit Tränen in den Augen. Anschliessend begann meine Zeit als vollzeitlicher Mitarbeiter bei den Vereinigen Bibelgruppen (VBG), die mein ganzes weiteres Leben prägen sollte2. Für immer? Nein, meine ehemaligen Schüler luden mich später und bis heute zu ihren Klassentreffen ein. «Sie wollten uns christliche Werte beibringen», sagte mir eine meiner schwierigeren ehemaligen Schülerinnen durchaus wertschätzend an einem solchen Klassentreffen. Wie recht sie damit hatte!
Religion neu schätzen und einschätzen lernen – auch in der Schule
Schon in meiner Zeit als Religionslehrer gab ich dem Islam Platz. Ich würdigte während mehreren Religionsstunden seine Werte, erklärte die wichtigsten Praktiken und zeigte die Unterschiede zwischen Islam und Christentum. Weltweit gesehen, aber auch in unserer multikulturellen Schweizer Gesellschaft hat die Bedeutung von Religion nicht abgenommen, sondern eher zugelegt. Religionen sind Räume, in denen Sinn und Regeln entwickelt und gepflegt werden. So gesehen gibt es keine areligiösen Menschen. Das zeigt sich auch in aktuellen Pseudo-Religionen mit Sinnangeboten wie Selbstverwirklichung, Leistungsoptimierung oder dem Rückzug in die Selbstbestätigung mittels echten und virtuellen Gruppen.
Alles kein Thema für die Schule – und den Religionsunterricht? Als die Schulpflicht in der Schweiz auf breiter Basis eingeführt wurde, lernten die Schülerinnen und Schüler mit der Bibel lesen, sie lernten mit dem Kirchengesangbuch singen und mussten den Katechismus zumindest teilweise auswendig lernen. Während Letzteres eher zum kirchlichen Unterricht gehört, gehört das Kennenlernen der Bibel und ihrer Werte zum Bildungsauftrag. Kein Buch hat unsere Kultur so geprägt wie dieses. Als Tipp: Lesen Sie dazu das neuste Buch von Roland Hardmeier (siehe Editorial).
Geben wir zum Schluss nochmals Mario Andreotti das Wort. «Nicht zuletzt soll der Religionsunterricht Schülerinnen und Schüler befähigen, von ihrem Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch zu machen und in religiösen Fragen urteilsfähig zu werden. Sie sollen lernen, sich gegen fundamentalistische und extremistische Formen von Religion abzugrenzen. Durch Information und Austausch werden Zerrbilder von Religionen aufgelöst und Toleranz und Verständigung angebahnt.
Religiöse Themen werden zwar auch in Fächern wie Deutsch, Geschichte, Politik, Kunst oder Musik behandelt. Eine kontinuierliche und systematische Beschäftigung mit religiösen Fragen und Inhalten erfordert jedoch ein eigenständiges Unterrichtsfach, das nicht an den Rand gedrängt werden darf und so an Relevanz verliert3.»
2 Siehe die kürzlich neu entstandene VBG-Geschichte, die als pdf auf der VBG-Website greifbar ist: https://www.vbg.net/fileadmin/user_upload/Publikationen/Festschrift_2026-08-24.pdf

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