Beide Epen gelten als Grundtexte der europäischen Literatur. Die frühen griechischen Kulturen besassen zwar eine Schrift, verloren sie aber ab 1200 v. Chr. über Jahrhunderte wieder. Die historischen Ereignisse, die sich in mündlicher Überlieferung zu den Homer zugeschriebenen Epen verdichteten, fallen in diese «Dark Ages» (1200 bis 800 v. Chr). Erst unter dem Einfluss der Phönizier entwickelte sich die griechische Schrift weiter. Die beiden Epen beruhen vermutlich auf einer langen mündlichen Tradition.
Ich möchte weder die Qualität und die Kontroversen der Verfilmung diskutieren noch eine Rezension des Kinofilms schreiben – allenfalls werde ich später noch etwas über den Film verraten. Ich möchte vielmehr einer philosophischen These nachgehen: Ist Odysseus ein «Prototyp des aufgeklärten bürgerlichen Subjekts», als den Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ihn in der «Dialektik der Aufklärung» (1947) beschreiben?
Mystische Moderne
Eine zentrale These ihres Buches lautet, dass die Aufklärung ihr Versprechen verfehlt habe, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Angesichts von Holocaust und Zweitem Weltkrieg fragen Adorno und Horkheimer, wie die Moderne in ihr Gegenteil umschlagen konnte. Ihr Erklärungsmodell ist die Dialektik von Mythos und Vernunft: Die Aufklärung überwindet den Mythos nicht einfach, sondern trägt selbst mythische Kräfte in sich.
Der Mythos ist eine frühe Form des Weltverständnisses. Naturkräfte und gesellschaftliche Prozesse werden durch Götter und Schicksal erklärt. In Homers Epen erscheinen die Menschen als Spielball einer konkurrierenden Götterwelt. Odysseus’ zehnjährige Irrfahrt ist Ausdruck dieser Ohnmacht gegenüber übergeordneten Mächten, die allenfalls durch Rituale und Opfer beeinflusst werden konnten.
Mit wachsender naturwissenschaftlicher Erkenntnis entstand dagegen die Vorstellung, die Welt durch den eigenen Verstand erschliessen, ordnen und beherrschen zu können. Über die Renaissance und den Humanismus führte diese Entwicklung schliesslich zur Aufklärung. Doch gerade darin liegt nun für Adorno und Horkheimer ein neuer Mythos: Im Glauben an die Beherrschbarkeit der Welt erhebt sich der Mensch gleichsam über seine eigene Natur. Aus der «reinen» Vernunft wird eine instrumentelle Vernunft, und an die Stelle der alten Schicksalsmächte treten moderne Systeme und Sachzwänge – etwa Markt, Politik und Wirtschaftsordnung. Der Mensch kann ihnen gegenüber ebenso ohnmächtig sein wie der antike Mensch gegenüber den Göttern.
Odysseus als moderner Mensch
Hier kommt Odysseus ins Spiel. Seine berühmteste Eigenschaft ist die List. Mit dem Trojanischen Pferd besiegt er Troja nach einem Jahrzehnt vergeblicher roher Gewalt durch rationale Analyse und strategische Planung. Auch auf seiner Irrfahrt entgeht er immer wieder dem Tod, indem er seine Situation erkennt und entsprechend handelt. Damit verkörpert er zunächst das aufklärerische Prinzip: «Lerne, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.»
Doch Odysseus beherrscht nicht nur die äussere Natur. Er erkennt auch die eigene Natur als Gefahr und versucht, sie rational zu kontrollieren. Das zeigt sich in der Episode mit den Sirenen. Er möchte ihren Gesang hören, ohne ihm zu erliegen. Deshalb lässt er sich an den Mast binden, während seine Männer sich die Ohren mit Wachs verschliessen und weiter rudern.
Damit nimmt Odysseus das bürgerliche Subjekt vorweg: Freiheit wird durch Selbstdisziplin erkauft. Der Genuss ist möglich, weil die eigene Natur kontrolliert wird. Zugleich müssen die Untergebenen diese Disziplin vollziehen, ohne selbst am Genuss teilzuhaben. Odysseus’ Rationalität erzeugt daher bereits gesellschaftlichen Zwang.
Auch sein Umgang mit der eigenen Identität ist aufschlussreich. Mehrfach verändert er seine Identität und Rolle, um gefährliche Situationen zu bewältigen. Er hält nicht an einem festen «So-bin-ich» fest, sondern passt sich an. Darin ähnelt er dem modernen bürgerlichen Subjekt, das sich in unterschiedlichen sozialen Rollen behaupten muss. Diese Anpassungsfähigkeit hat jedoch ihren Preis: Wer sich ständig verstellen muss, gibt Teile seiner Identität preis.
Odysseus opfert damit nicht mehr den Göttern, sondern Aspekte seiner selbst, um Götter und Schicksal zu überlisten. Sein Triumph über die mythische Ordnung gelingt durch Rationalisierung und Disziplinierung der äusseren wie der inneren Natur.
Scheinbare Freiheit
Doch ist das wahre Freiheit? Genau hier liegt der Widerspruch der Aufklärung. Die entzauberte Welt schafft einen neuen Mythos. Der Mensch gelangt nicht einfach in eine Epoche von Freiheit und Gleichheit, sondern findet sich in immer komplexeren Systemen der Entfremdung und Verdinglichung wieder. Was einst die Götter waren, sind heute gesellschaftliche und politische Systeme, gegenüber denen wir uns ebenso ohnmächtig fühlen können.
Gerade deshalb erscheint die Botschaft des Evangeliums heute vielleicht für viele so tröstlich. Gott nimmt die Mühseligen und Beladenen, die Sünder und Verzweifelten bedingungslos an, ohne dass der Mensch sich verstellen müsste. Dieses Geschenk ist nicht an Leistung oder Verhalten gebunden, sondern an Vertrauen. Der «Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft», bewahrt davor, sich selbst als souveränen Herrscher ausserhalb der Schöpfung zu verstehen. Der Mensch bleibt Teil eines grösseren Ganzen und auf Beziehung angewiesen – auf Gott ebenso wie auf den Nächsten.
Auch Nolan scheint in seiner «Odyssee» eine verwandte Schlussfolgerung zu ziehen. Odysseus verliert gerade im Triumph. Schon die List mit dem Trojanischen Pferd konfrontiert ihn mit den Folgen seines eigenen Denkens. Wie in Nolans vorherigem Film über den Vater der Atombombe, J. Robert Oppenheimer (2023), Oppenheimer angesichts der Atombombe erkennen musste, welche Kräfte er entfesselt hatte, muss Odysseus erkennen, dass der Krieg weitere Kriege hervorbringt. Sein Schicksal besteht darin, nie mehr wirklich nach Hause zu kommen. Er kehrt zwar körperlich zurück, muss aber sofort in ein neues Exil. Der Mensch kann also das Schicksal nicht einfach beherrschen; individuelle Rationalität vermag den kollektiven Schuldzusammenhang nicht aufzulösen. Bei Nolan sind die kommenden «Dark Ages» eine unausweichliche Strafe für die Sünden der frühen griechischen Kultur.
Christliche Hoffnung
Ob Nolan diese Botschaft ästhetisch überzeugend inszeniert, sei dahingestellt. Nachdenklich macht sie allemal. Christliche Eschatologie – die Lehre von der Endzeit – ist trotz aller gegenwärtigen Krisen mit Hoffnung verbunden. Gerade in Zeiten menschlicher Hybris und systemischer Ohnmacht erscheint vieles überfordernd und ausweglos. Der biblische Hoffnungsbegriff verweist jedoch auf eine Zusage, die nicht schon sichtbar sein muss, um wirklich zu sein1. Gott ist explizit ein «Theos tēs elpidos», ein Gott der Hoffnung2 und zwar einer Hoffnung auf Gottes zukünftiges Handeln, die im Hier und Jetzt bereits Geduld und Frieden schenkt.
In diesem Punkt berührt sich die christliche Hoffnung mit Adornos und Horkheimers dialektischem Denken. Max Horkheimer formulierte es so: Wir können die Existenz Gottes nicht beweisen. Aber das Bewusstsein unserer Endlichkeit kann die Hoffnung hervorbringen, «dass es ein positives Absolutes gibt». Theologie bedeutet für ihn das Bewusstsein, dass die Welt nicht die absolute Wahrheit und nicht das Letzte ist – und die Hoffnung, «dass es bei diesem Unrecht … nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge».
Vielleicht liegt genau darin die entscheidende Gegenbewegung zur Hybris des Odysseus: Freiheit besteht nicht darin, alles beherrschen zu können. Sie beginnt dort, wo der Mensch seine Begrenztheit anerkennt, ohne deshalb die Hoffnung aufzugeben.
1 siehe Römer 8, 20-25
2 Römer 15,13

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