Aktuell ist von Optimismus angesichts des eben erlebten Hitzesommers, der in den letzten Jahren neu aufgeflammten kriegerischen Konflikte und der stark polarisierten politischen Landschaft in der Öffentlichkeit wenig zu spüren. Angesichts dieser herausfordernden Situation ziehen sich Christinnen und Christen häufig auf ihr geistliches Leben zurück – je nach theologischer Couleur auf verschiedene Weise.
Die Angst verlieren
Zum Glück haben sich die Propheten und andere Persönlichkeiten im Alten Testament und auch Jesus nicht mit ihrem privaten geistlichen Leben begnügt, sondern waren in ständiger Auseinandersetzung mit ihrem Umfeld. Ziel ist es doch, dass christlich Gläubige durch die Erfahrung der Liebe Gottes ihre Ängste trotz allem verlieren, wie Johannes in seinem ersten Brief in Kapitel 4,18 schreibt: «Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.»
Dabei fordert Johannes nicht dazu auf, Probleme zu verharmlosen oder mit frommen Sprüchen wegzuwischen. Es geht darum, sich von Gott befähigen zu lassen, das Umfeld mit einer diakonischen Motivation zum Positiven zu verändern. ChristNet hat in den vergangenen gut 25 Jahren immer wieder auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert und sich in der christlichen Öffentlichkeit hör- und sichtbar gemacht.
Wie wahr ist Information?
Aktuell heisst das für ChristNet, dass wir uns während eines Jahres mit der Informationsmacht im Zusammenhang mit der Demokratie und vor dem Hintergrund der neuen Informationstechnologien auseinandersetzen. Warum gerade dieses Thema?
Im vergangenen Jahr haben wir uns mit der Demokratie und ihrer Stärkung befasst und zusammen mit weiteren christlichen Organisationen eine Forumsveranstaltung unter dem Titel «Demokratie unter Druck – was heisst das für Christinnen und Christen?» durchgeführt. Im Zuge der Arbeit an diesem Thema merkten wir, dass nicht nur das Funktionieren der Institutionen bzw. die Gewaltenteilung, sondern auch die transparente Information eine herausragende Rolle in der Demokratie spielt. Die Entstehung der sogenannt unabhängigen Presse im 19. Jahrhundert sowie des Radios und Fernsehens im 20. Jahrhundert beschleunigten die Weiterentwicklung der Demokratie. Ein Beispiel: Bis 1995 unterlag die Tätigkeit der Verwaltung im Kanton Bern dem Amtsgeheimnis. Akten wurden nur in Ausnahmefällen öffentlich. Die neue Kantonsverfassung von 1995 kehrte diesen Grundsatz der Geheimhaltung um und führte den Grundsatz der Öffentlichkeit der Verwaltung ein, unter dem Vorbehalt, dass «nicht überwiegende öffentliche und private Interessen entgegenstehen». Die Öffentlichkeit wurde somit zur Regel, das Amtsgeheimnis zur Ausnahme1.
Im Gegensatz zur Politik in totalitären Staaten funktioniert Politik nach demokratischen Spielregeln nicht mit einem zentralisierten Informationsnetzwerk. Nebst den Exekutiven und der Verwaltung «gibt es zahllose weitere Informationskanäle, die viele unabhängige Knoten miteinander verbinden», schreibt der israelische Historiker und Philosoph Yuval Noah Harari in seinem Buch «Nexus»2. Parlamente, Parteien, Gerichte, die Presse, Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen sowie Bürgerinnen und Bürger kommunizierten frei und direkt miteinander, «sodass der Grossteil der Information keine Behörde durchläuft und viele wichtige Entscheidungen anderswo getroffen werden». Eine Demokratie ist also ein dezentrales Informationsnetz mit starken Selbstkorrekturmechanismen.
Mit den neuen Informationstechnologien des 21. Jahrhundert drehen sich die Fragen nun aber nicht mehr darum, inwiefern Behörden und Medien transparent und wahrheitsgemäss berichten. Mit Social Media und Künstlicher Intelligenz (KI) und der damit verbundenen Desinformation bzw. undurchsichtigen Algorhitmen droht aus der Perspektive der Demokratie eine eigentliche Informationsanarchie zu entstehen. Harari formuliert es in seinem Buch «Nexus»3 so: «Kann die freiheitliche Demokratie selbst im 21. Jahrhundert überleben? Diese Frage bezieht sich nicht auf das Schicksal der Demokratie in einzelnen Ländern, in denen sie durch spezifische Entwicklungen und lokale Bewegungen bedroht sein könnte.» Vielmehr gehe es um die Frage, ob die Demokratie als solche mit der Struktur der Informationsnetzwerke des 21. Jahrhunderts kompatibel sei.
Was tun?
Was tun mit diesen Informationen bzw. mit den tagtäglich aufpoppenden mehr oder weniger alarmistischen oder technisch-optimistischen Hypothesen zu KI und weiteren Informationstechnologien? Wir von Seiten ChristNet nutzen schon jetzt die fraglichen Technologien, weil sie uns den Alltag erleichtern. Konkret verwenden wir Übersetzungsprogramme und überlegen uns, auf der Website ein Vorlesetool einzusetzen. Aktuell sind wir zudem auf drei Social-Media-Kanälen präsent.
Bei der Arbeit an unserem Jahresthema «Informationsmacht: Wem gehört die Wahrheit?» geht es nicht darum, fertige Antworten zu liefern, die auch andere nicht haben. Auch wir verstehen uns als Netzwerk, das gemeinsam hinsieht und nach Antworten sucht. Wöchentlich trifft sich eine Handvoll Mitglieder des ChristNet-Kernteams zu kurzen Meetings am Bildschirm, um die weiteren Schritte zu diskutieren.
In der ChristNet-Geschichte haben über 60 Autorinnen und Autoren mindestens einen Artikel zu einem Teilaspekt veröffentlicht, der uns aktuell beschäftigt hat. Diese Artikel werden vor der Veröffentlichung von unserem rund 20-köpfigen Sounding-Board im Blick auf die Vision von ChristNet geprüft und unter Umständen mit Änderungsvorschlägen versehen, die wiederum eingearbeitet werden. Es ist keinesfalls so, dass wir für unser Thema bereits ein fixfertiges Konzept haben, das wir vor unserem Publikum ausrollen können. In unserem Newsletter haben wir die Empfängerinnen und Empfänger vor einigen Wochen ebenfalls um ihre Gebete und Inputs gebeten, um dieses Thema, das zweifellos hochaktuell ist, auch wirklich mit einem prophetischen Anspruch zum Leben erwecken zu können.
1 Leitfaden «Öffentlichkeit und information in den Gemeinden» (Kanton Bern)
2 Yuval Noah Harari, Nexus, München 2024, Seite 431
3 ebenda, Seite 426

Schreiben Sie einen Kommentar