Konsum: Nächstenliebe, die rechnet

Den Konsum von Gütern zu analysieren und daraus Schlüsse zu ziehen, ist anspruchsvoll. Noch komplexer wird es dort, wo Leistungen erbracht werden, etwa in der Sozialen Arbeit. Zur eigentlichen Königsdisziplin wird die Analyse jedoch dann, wenn Konsum nicht mehr offensichtlich ist, sondern sich sprachlich verschiebt. Genau auf dieser dritten Ebene bewegt sich die folgende Kolumne.

(Lesezeit: 13 Minuten)

Der Theologe und Diakoniker Simon Hofstetter stellt fest, dass verschiedene Landeskirchen in der Deutschschweiz innerhalb kurzer Zeit vier Studien zu kirchlichen Nachweisen veröffentlicht haben1. Damit wollen die Kirchen zeigen, dass sie die eingesetzten Steuergelder wert sind.

Warum ist das erwähnenswert? Wie Hofstetter ausführt, sind die Beweggründe nicht auf reines Forschungsinteresse zurückzuführen, sondern vielmehr auf einen erhöhten Druck: Politische Vorstösse und Initiativen stellen die Steuergelder für die Landeskirchen in der Schweiz zunehmend in Frage2.

Das Phänomen, durch Studien die gute kirchliche Arbeit hervorzuheben, zeigt sich auch anderswo: Trotz eines völlig anderen Kontextes zielt Peter Schneeberger, Präsident von «FREIKIRCHEN.CH», inhaltlich in eine ähnliche Richtung, wenn er kürzlich mithilfe einer Studie hervorhob, dass Freikirchen einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten würden3. Dabei werden interessanterweise auch finanzielle Aspekte hervorgehoben, die zeigen sollen, wie Freikirchen der Gesellschaft nützen.

(Bild von Ralph auf Pixabay)

Tendenzen zur Ökonomisierung

In diesen Beispielen argumentieren sowohl die Landeskirchen als auch Freikirchen in eine ähnliche Richtung. Überspitzt formuliert, leisten Kirchen einen Beitrag, der einen Gewinn für alle bringt. Mit dieser Fokussierung neigen sie dazu, sich selbst ungewollt auf ökonomische Aspekte zu reduzieren. Dieser Prozess kann als Ökonomisierung bezeichnet werden. Die Arbeitsdefinition einer Ökonomisierung aus meiner Doktorarbeit, die nicht als Weisheit letzter Schluss verstanden sein soll, sondern als Arbeitshypothese, lautet4: «Das Denken, Planen und Handeln einer Gesellschaft priorisiert wirtschaftliche Aspekte gegenüber anderen Gesichtspunkten und durchdringt dabei die Lebensbereiche einzelner Menschen sowie die Ausrichtung von Organisationen und Interessengemeinschaften und der globalen Gemeinschaft.»

Diese Arbeitsdefinition darf nicht als starres Entweder-oder verstanden werden, denn Denken, Planen und Handeln sind nur selten ausschliesslich von wirtschaftlichen Aspekten geprägt. Allerdings gibt es immer wieder Momente, meistens aufgrund von äusseren Veränderungen und Faktoren, bei denen ökonomische Aspekte plötzlich höher gewertet werden als in anderen Zeiten. Beispiele sind die Beobachtungen von Simon Hofstetter hinsichtlich der Landeskirchen, aber auch in anderen Feldern wie etwa in der Entwicklungszusammenarbeit.

 

Eine gut gemeinte Steuerungslogik, die Fragen offen lässt

Institutionen, die aufgrund ihres Angebots keine Einnahmen erwirtschaften können, sind oft mit dem hartnäckigen Vorwurf konfrontiert, sie gäben verschwenderisch (staatliche) Gelder aus. Um diesen vermeintlich vernachlässigten Zahlenfaktoren Rechnung zu tragen, versuchen Zahlenversierte ein Instrumentarium zusammenzustellen, das zum Beispiel angeblich verschwenderische Sozialarbeitende disziplinieren soll. Dieser Prozess wurde von Mechthild Seithe in der Sozialen Arbeit beschrieben, als Ende der 1980er-Jahre die Soziale Arbeit immer stärker mit Fachbegriffen wie Budget, Qualitätssicherung, Steuerung, Effektivität und Effizienz konfrontiert wurde5. Erst im Nachhinein stellte sie fest, Sozialarbeitende hätten auf diesen Umstand zu spät reagiert und statt «das Ross selber zu reiten»6 und aus fachlicher Sicht heraus zu definieren, was etwa Qualität bedeutet, hätten sie «zu lange zögerlich zugeschaut, wie fachfremde Controller diese Aufgaben […] übernahmen»7.

Dieser Aspekt soll mit einem ganz anderen Feld vertieft werden, das jedoch inhaltlich ähnlich ist. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) beschreibt in ihrer Strategie des Vierjahresprogramms 2021-2024 indirekt ihr Verständnis von Wissenschaft. Es fällt auf, dass die DEZA weniger ein allgemeines Interesse an Wissenschaft hat, sondern sie partikular für ihre Zielverfolgung einbindet: «Die wissenschaftliche Forschung liefert unentbehrliche Erkenntnisse über die Bedürfnisse der Bevölkerung, die Entwicklung der globalen Herausforderungen sowie die Auswirkungen und die Wirksamkeit der IZA»8.

Es ist sinvoll, dass die DEZA Wissenschaft für ihre konkrete Praxis nutzt, um mit ihren Programmen bessere Resultate zu erzielen. Problematisch wird es jedoch dort, wo Wissenschaft zu eng verstanden wird und Begriffe wie Steuerung, Effektivität oder Effizienz zu unumkehrbaren Leitkategorien werden. Denn dadurch entsteht letztlich ein vorprogrammierter Output. Oder kürzer: Eigentlich weiss man schon im Voraus, was das Resultat sein wird. Dass die DEZA Wissenschaft vor allem dann miteinbezieht, wenn es um sogenannte Wirkungen geht, wird etwa im Strategieprogramm deutlich: «Über 100 externe unabhängige Evaluationen werden jedes Jahr für das EDA und das WBF durchgeführt, um die Relevanz, die Wirksamkeit, die Effizienz, den Impakt und die Dauerhaftigkeit der IZA-Programme zu messen9.» Wer DEZA-Gelder beantragt, muss sich dem vorgegebenen Programm unterordnen, das Begriffe wie Steuerung, Effektivität und Effizienz ins Zentrum stellt. So wird nicht nur die Hilfe durch eine bestimmte Logik geprägt, möglicherweise gilt das auch für die Hilfswerke selbst.

 

Es gibt keinen «Sündenbock»

Wer denkt, die DEZA wähle aus freien Stücken eine bestimmte Form, wie Hilfe geleistet wird, täuscht sich. Die DEZA ist als Teil des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) nicht zuletzt abhängig vom Parlament, das jeweils Geldmittel für vier Jahre bewilligt. Wenn das Parlament die Höhe der Mittel vorrangig anhand von Zahlen festlegt und zugleich kaum Zeit bleibt, philosophische – und erst recht theologische – Überlegungen einzubeziehen, entsteht ein Verständnis, das vorwiegend von Zahlen geprägt ist.

Es wäre jedoch völlig falsch, hier einen Sündenbock auszumachen. Bei Einzelnen – von Hilfswerken über die DEZA bis hin zur Politik – ist intellektuelle Schärfe statt Kampagnenlogik durchaus wünschenswert und wohl auch nötig, jedoch ist das Problem ein gesamtgesellschaftliches, das kaum von einer einzelnen Person oder einer Gruppe verändert werden kann. In gewisser Weise befinden wir uns in einer Schicksalsgemeinschaft – und nur als Gemeinschaft mit vielen Einzelbeiträgen finden wir aus dieser Einbahnstrasse heraus. Wer dazu jedoch hilfreiche Beiträge leistet, ist kaum absehbar. Das wird wohl erst von späteren Generationen in Geschichtsbüchern nachzulesen sein.

 

Ausführende oder Handelnde?

Der Soziologe Hartmut Rosa zeigt in seinem neusten Buch «Situation und Konstellation» überzeugend auf, wie wir heute zunehmend Ausführende statt Handelnde sind. Rosa zeigt einleuchtend anhand von alltäglichen Situationen wie etwa dem Videoschiedsrichter (VAR) im Fussball, dass der Schiedsrichter auf dem Platz oft gar nicht selbst entscheiden kann, was zu tun ist. Sobald es um Fingerspitzengefühl und Urteilsfähigkeit geht, muss er bei kniffligen Entscheidungen den VAR konsultieren und unabhängig von Stimmung, Kontext und vielen weiteren Faktoren eine Entscheidung umsetzen, die letztlich nicht mehr seine eigene ist.

Dass der Mensch tendenziell zu einer ausführenden statt handelnden Person verkommt, läuft dem Ursprungsgedanken der Moderne völlig entgegen10. Das Projekt der Moderne wollte den Menschen gerade dazu befähigen, selbständige und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen zu können und nicht dem Schicksal ausgeliefert zu sein.

All diese Kontrollen wie etwa jene, die die DEZA einführte, um zum Beispiel die Wirkung aufzuzeigen, haben durchauch positive Seiten, nämlich die Kontrolle, dass Steuergelder nicht verschleudert werden. Die Problematik in diesen zahlreichen Kontrollmechanismen liegt jedoch darin, dass wir mehr und mehr in eine Ohnmacht geraten, die uns handlungsunfähig macht und dazu neigt, Hilfe nach einem Schema X auszuführen.

Hilfe ist eine komplexe Sache. Dazu ein vereinfachtes Beispiel von Hartmut Rosa, das den Gedanken verdeutlicht. Im Alltag erleben wir oft groteske Situationen, so dass etwa der Schaffner bei Beschwerden einer Kundin wegen eines fehlenden Tickets nur noch an die Hotline verweisen kann11. Das Augenmass und die Urteilsfähigkeit des Schaffners sind gar nicht gefragt, denn er muss sich an die Vorschriften halten, damit alle gleich behandelt werden. Das löst sowohl bei der Kundin als auch beim Schaffner Frustration aus, denn beide sind kaum noch aktiv Handelnde.  

 

Eine unübersichtliche Überlagerung von Konsum, Ökonomisierung und Glaubensinhalt

Wenn man etwa die DEZA betrachtet oder die Kirchen, die befürchten, dass künftig Steuergelder gekürzt werden und sie deshalb ihre Wichtigkeit anhand ökonomischer Aspekte aufzeigen müssen, kann man oberflächlich betrachtet von einer zunehmenden Ökonomisierung sprechen. Das mag durchaus stimmen und trifft bei einem bestimmten Blick und einer entsprechenden Definition zu, ist aber in vielen Fällen doch eine starke Simplifizierung. Meistens ist der grössere Kontext aufschlussreicher, als lediglich die Frage mit ja oder nein zu beantworten, ob eine Ökonomisierung stattfindet.  

Was die Landeskirchen angeht, ist es womöglich sogar sinnvoll, wenn sie Studien herausgeben und zeigen, dass ihre Arbeit wirtschaftlich und gesellschaftlich ein rentables Geschäft ist, um weiterhin Steuergelder zu erhalten. Um zu zeigen, warum Kirchen wichtig sind, dazu gäbe es jedoch sicher intellektuell überzeugendere und spannendere Argumentationen. Wenn allerdings Politikerinnen und Politiker und auch grosse Teile in der Gesellschaft nicht gewohnt sind, philosophische oder auch theologische Gründe miteinzubeziehen und eine sogenannte Studie für sie die evidenteste Basis ist, um wirklich sicheres Wissen zu erhalten, dann ist dieses Vorgehen wohl gut gewählt.

Für mich ist allerdings schleierhaft, weshalb Freikirchen zeigen müssen, dass sie mit einer halben Milliarde – wenn man ihre Freiwilligenarbeit verrechnet – ein Gewinn für die Gesellschaft sind. Freikirchen und Landeskirchen leisten wegen dieser Aussage wohl kaum plötzlich eine viel schlechtere oder bessere Arbeit.

Vielmehr ist die Frage, worauf sich der Blick richtet: Heute tendenziell eben auf ökonomische Aspekte. Deshalb soll ihr «Produkt» ein so genannter Gewinn sein. Glaubensgemeinschaften hätten aber die Möglichkeit, auf einen breiteren Hintergrund zurückzugreifen, statt ihr «Produkt» als Gut verkaufen zu müssen und damit in Teufels Küche zu geraten, aus der sie nicht mehr herauskommen. In vielen Fällen müssen sie ihr «Produkt» gar nicht verkaufen – und haben gerade dadurch eine kraftvolle Botschaft. Aber wahrscheinlich teilen sie das Schicksal mit allen anderen und müssen sich profilieren, reformieren, wachsen, gesellschaftsrelevant sein, konsumieren und verkaufen – mit der Gefahr, dass ihre Botschaft der «Umsonstigkeit»12 – eines unentgeltlichen freien Angebotes – pervertiert wird.

 

1 Vgl. Hofstetter, Diakonie als Ausdruck «sozialer Nützlichkeit» der Kirchen? 2025, S. 79. Gemeint sind wohl reformierte Landeskirchen, die in Hofstetters Text nicht näher beschrieben werden.

2 Vgl. Hofstetter, Diakonie als Ausdruck «sozialer Nützlichkeit» der Kirchen? 2025, S. 79-80

3 Vgl. Livenet, Wie Freikirchen die Gesellschaft stützen, online unter: https://www.livenet.ch/news/81799_wie_freikirchen_die_gesellschaft_stuetzen, abgerufen am 14. Mai 2026.

4 Gerber, Organisierte Hilfe in der Schweizer Aussenpolitik und kirchlichen Hilfswerke, 2026, S. 24 (Dissertation abgegeben, wird bald verteidigt)

5 Vgl. Seithe, Schwarzbuch, 2012, S. 116-119

6 Seithe, Schwarzbuch, 2012, S. 117

7 Seithe, Schwarzbuch, 2012, S. 117

8 DEZA, Strategie der internationalen Zusammenarbeit 2021-2024, S. 34. online unter: www.dfae.admin.ch/content/dam/deza/de/documents/publikationen/Diverses/Broschuere_Strategie_IZA_Web_DE.pdf, abgerufen am 14. Mai 2026; IZA = Internationale Zusammenarbeit

9 dito S. 22; WBF = Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung

10 Vgl. Rosa, Situation und Konstellation, 2026, S. 95

11 Vgl. Rosa, Situation und Konstellation, 2026, S. 33

12 Illich, In den Flüssen nördlich der Zukunft, 2006, S. 253

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