Praxis: Wie Zachäus gesehen werden und Heil erfahren kann 

In der folgenden Meditation mit allen Sinnen wird deutlich, wie Jesus dem Zöllner Zachäus begegnet – und wie Jesus auch uns begegnen will.

(Lesezeit: 8 Minuten)

Zachäus (Niels Larsen Stevns, dänischer Maler, 1864 – 1941) 

Jesus ging nach Jericho hinein und zog durch die Stadt. In Jericho lebte ein Mann namens Zachäus. Er war der oberste Zolleinnehmer in der Stadt und war sehr reich. Er suchte Jesus zu sehen, wer dieser sei. Aber er war sehr klein und die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht. So lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können, denn dort musste er vorbeikommen.

Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und redete ihn an: «Zachäus, komm eilends herunter, ich muss heute bei dir einkehren.»

Zachäus stieg schnell herunter vom Baum und nahm Jesus voller Freude bei sich auf.

Alle sahen es und murrten: «Bei einem ausgemachten Sünder, einem Gottlosen ist er eingekehrt.»

Aber Zachäus wandte sich an den Herrn und sagte zu ihm: «Herr, ich verspreche dir, ich gebe die Hälfte meines Besitzes den Armen. Und wenn ich jemandem zu viel abgenommen habe, will ich es ihm vierfach zurückgeben.»

Darauf sagte Jesus: «Heute ist dir und deiner ganzen Hausgemeinschaft die Rettung (das Heil) zuteil geworden. Denn auch du bist ja ein Sohn Abrahams. Denn dazu ist der Menschensohn ja gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten1.»          

 

Meditation

1) Ich lese den Bibelext und stelle mir wie ein Regisseur die Szene innerlich vor:

Welche Personen sind beteiligt?

Welche Gegenstände waren da?

Wie hat es ausgesehen, gerochen?

Was wird gesprochen?

Und ich bin mitten drin in der Szene ...

Mit welcher Person / welchen Personen / welchem Gegenstand kann ich mich identifizieren?

Was würde ich sagen, tun, empfinden?

Würde ich Jesus ansprechen? Wie?

Ich lasse mich hinein nehmen in das Geschehen...

 

2) Der Ort der Begegnung

Ich lasse vor meinem inneren Auge den Ort dieser Begegnung entstehen ... die Stadt Jericho, das Gedränge, den Baum. – Ich nehme den Ort wahr und er­kun­de ihn mit allen Sinnen ... Dabei kommt es nicht darauf an, wie es «wirklich» dort ausgesehen hat. So wie es sich einstellt, ist es jetzt gut.

 

3) Die Szene sich ereignen lassen                   

Ich lasse das Geschehen in der Vorstellung ablaufen und auf mich wirken:                         

Ich sehe wer alles da ist ...                                     

und was die Personen tun ...

Ich höre das Gespräch zwischen Jesus und Zachäus

Zwischen den murrenden Menschen

Wie riecht es an diesem Ort?

Ich berühre mit dem inneren Tastsinn den Ort, eventuell Personen …

 

4) Mich in der Szene «verorten»:  Wenn ich «mit­spielen» könnte:                                               

Was wäre mein Platz, meine Rolle?                                          

Was würde ich tun, sagen, empfinden …?                             

Wie würde ich das Geschehen dann erleben?                         

Ich versuche, nicht nachzudenken, sondern «nur» in die inneren Bilder «einzusteigen» und sie mit allen Sinnen wahrzunehmen ...

 

Ich lese den Text noch einmal.

 

5) Abschied                                                               

Am Ende verabschiede ich mich aus der Szene und lasse das innerlich Erlebte nachklingen ...                                    

 

6) Ich vergewissere mich

Was ist mir deutlich geworden über Jesus, über die Aussage dieser biblischen Erzählung und vor allem über ihre Bedeutung jetzt und hier für mich ...

 

7) Ich beende die Meditationszeit mit einem Gespräch mit Jesus und schliesse eventuell mit einer Geste ab.

 

8) Zum Schluss schreibe ich auf, was mir wichtig, kostbar geworden ist, wo sich Widerstand geregt hat ...

 

Vertiefung: Ein heilsamer Blickkontakt

Lebensalltag des Zachäus: Oberzöllner und reich – Kollaborateur der verhassten Besatzer, deswegen verachtet

Mein Lebensalltag ...

 

Zachäus suchte / begehrte Jesus zu sehen ...

Dafür scheut der hohe Beamte keine Mühe. Er klettert sogar auf einen Maulbeerfeigenbaum und wird vielleicht von nicht wenigen belächelt ...

Meine Suchen, meine Sehnsucht, mein Begehren ...

Was lasse ich es mir «kosten», Jesus zu begegnen?

 

... und er vermochte es nicht ...

Mein Unvermögen, meine Einschränkung(en) ...

 

... weil er von Gestalt klein war.

Was ist bei mir klein geraten ...

Wo fühle ich mich als zu kurz gekommen ...

Wo habe ich mich ver-stiegen ...

Was / wer verdeckt mir den Blick auf Jesus ...

Ein Schritt, um mit Jesus (erneut, tiefer...) in Kontakt zu kommen ...

 

Und Jesus blickte zu ihm auf.                                                      

Da geschieht es: Zachäus wird von Jesus entdeckt, nicht nur äusserlich. Nicht von oben herab wird er angeschaut ...

Ob Zachäus spürt: Dieser Jesus durchschaut mich bis auf den Grund? Hat er vielleicht Angst: Dieser Jesus durchschaut meine Fassaden und Lügen? Ob er mich jetzt blossstellt vor so vielen Leuten?

Ich stelle mir vor: Jesu Blick trifft mich ... Ich unter dem Blick Jesu:                          

Was bewirkt das in mir?

Wie geht es mir dabei?

 

Aspekte des Gesehen-Werdens

Gott sieht mich trotzdem – auch wenn ich zu klein, zu kurz geraten bin oder schambehaftet – Gott sieht mich trotzdem … Kann ich mich in Gottes Gegenwart wagen …

Mögliche Konsequenzen, wenn ich mich in Gottes Gegenwart wage …

Welcher Blick ruht auf mir … Möglicherweise ist bei mir verschüttet, wie Gott mich sieht …

Projiziere ich den Blick anderer auf Gott? Oder meinen Blick auf mich?

Wo gibt es bei mir «blinde Flecken»; eine «getrübte Brille». Liess das Leben mich «erblinden» ….?

Wandlungspotenzial, wenn ich mich anschauen lasse mit dem Blick «Du bist kostbar in meinen Augen und wertvoll – ich habe dich lieb2

Zachäus wird angeschaut. Gesehen werden. Wie? Jesus sieht ihn nicht zuerst als Sünder, sondern als Sehnsüchtiger – «Er suchte Jesus zu sehen.»

 

Ich versuche mit Gott, wenn es mir möglich ist, mit Jesus Christus, zu reden über das, was mich dabei bewegt, wenn mich sein Blick findet: Fragend, bittend, dankend, zweifelnd, vertrauend ...

 

Ich kann abschliessend die Worte auf mich wirken lassen:

Heilsamer Blickkontakt

Heilsamer Blickkontakt mit Jesus.

 

Einladung3

ihn einkehren zu lassen

ihn bei mir einkehren zu lassen

 

Einladung

zu teilen

mit ihm zu teilen:

 

Alles

alles was ich will

alles was ich kann

alles was mich bedrückt

alles was mich belastet

 

meinen Schmerz

meine Trauer

meine Wut

meinen Hass

meine Fragen

mein Unverständnis

meine Enttäuschung

meine Bitterkeit

meine Hoffnungslosigkeit

meine Verzweiflung

meine Heimatlosigkeit

meine Einsamkeit

 

Und

mein verwundetes Herz

 

Jesus

Ich halte es dir hin

Ich lege es

und mich damit

 

in deine liebenden Arme

in deine liebende Gegenwart

an dein liebendes Herz

an dein verwundetes Herz

 

Herz zu Herz

Heilsame Begegnung

Heilsame Begegnung mit dir.   

 

 

1 Lukas 19,1-10 in der Übersetzung von Walter Gasser

2 Jesaja 43

3 Verena Kaspar, Luzern, 29.1.2011

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