Praxis: Was ist Kontemplation?

Dieser Beitrag zeigt, was mit Kontemplation gemeint ist: ein ganzheitliches Dasein vor Gott. Und er zeigt, wie die Kontemplation zu einer täglichen Praxis des geistlichen Lebens werden kann – als Vorbereitung zur anschliessenden Tat.

(Lesezeit: 4 Minuten)

(Bild: Felix Merler auf Pixabay)

«Dasein vor dir, Herr, das ist alles.

Die Augen meines Leibes schliessen und still sein.

Die Augen meiner Seele schliessen und warten.

Dir gegenwärtig sein, dem unendlich Gegenwärtigen.

Mich dir aussetzen,

der du dich mir ausgesetzt hast.»

 

Der Arbeiterpriester Michel Quoist, dem man keine Weltflucht vorwerfen kann, sagt hier betend, was Kontemplation ist.

  • Es geht um Reduktion, Vereinfachung, Verdichtung, nämlich: «Dasein vor dir, Herr, das ist alles.»

Manche Reaktionen darauf sind: «Nein, das ist nicht alles!» Weshalb? Quoist schliesst ja die Aktion nicht aus, aber in der Kontemplation ist dieses Sein und Dasein wirklich das Ein und Alles. Es ist das gute Teil, das Eine, das Not tut; das Eine, das Maria erwählt hatte: die Kontemplation zu Füssen Jesu.

  • Dieses Dasein vor Gott, in Gott, mit Gott in mir – das ist Kontemplation. 

Man kann sehr viele Worte zu Gott sagen, also mit Worten beten, und doch nicht voll da sein vor ihm. Da hilft es, die äusseren Sinne zur Ruhe kommen zu lassen: «Die Augen meines Leibes schliessen – und still sein.» Mehr noch: «Die Augen meiner Seele schliessen.» Die inneren Bilder, die Phantasie, die Gedanken loslassen «... und warten».

  • Die Haupttätigkeit in der Kontemplation ist deshalb: Da sein und warten.

«Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen1.» Dieses Warten wird nun genauer beschrieben: «Dir gegenwärtig sein, dem unendlich Gegenwärtigen.» Das erinnert an Tersteegens «Gott ist gegenwärtig».

  • Also warten auf den, der schon da ist.

Wir warten nicht auf jemanden, der noch nicht da ist. Dieses Warten bedeutet:

  • Ich öffne mich Gottes Gegenwart immer mehr und warte, dass sie sich mir öffnet.

Ich warte, dass Jesus mir, dem innerlich Taubstummen, sein Ephatha – «Öffne dich – sei aufgetan!»2 – zuspricht.

  • Kontemplation ist Einübung in Gottes Gegenwart und ins Gegenwärtigsein.

Als Frucht davon wird im Alltag die Gegenwart Gottes bewusster bleiben.

«Mich dir aussetzen, der du dich mir ausgesetzt hast.»

  • Kontemplation ist Hingabe.

Gott hat sich uns hingegeben – das Kreuz ist das deutliche Zeichen – und er ist heute der gleiche, der sich ganz an uns hingibt.

 

Gott macht Kontemplation möglich

Kontemplation ist möglich, weil Gott gegenwärtig ist und sich uns aussetzt. Das ist Gottes Name und Wesen: Ich bin für dich da.

Darum üben auch wir: «Mich dir aussetzen3

 

1 Psalm 103,6

2 Markus 7,31ff

3 frei nach Walter Gasser zitiert

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