Stadtentwicklung: Bitte nur integral und partizipativ!

Städte sind in Bewegung und stehen vor immer neuen Herausforderungen räumlicher, sozialer und wirtschaftlicher Prozesse. Entwicklungen zu initiieren, zu begleiten und zu steuern sowie auf deren Wirkung zu untersuchen, ist ein komplexes und vielschichtiges Unterfangen. Wie kann eine positive Stadtentwicklung gelingen?

(Lesezeit: 8 Minuten)

In Stadtentwicklungsprozessen arbeiten verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammen. Komplexe Ausgangslagen in Stadtentwicklungsprozessen erfordern deshalb ein grosses Mass an Dialog und Kommunikation sowie eine Kultur der Verständigung, damit die Vielzahl von verschiedenen Ansprüchen und Bedürfnissen berücksichtigt werden können. 

 

Der Blick aufs Ganze und seine Teile

Angestrebt wird eine nachhaltig orientierte Stadtentwicklung, die gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und ökologische Aspekte berücksichtigt. Diese bedingen und beeinflussen einander gegenseitig und tragen zur Gesamtentwicklung einer Stadt bei. Damit verlangt die Stadt- und Quartierentwicklung ein interdisziplinäres und integrales Vorgehen. Die Stadt- und Quartierentwicklung umfasst die Entwicklung einer Stadt im Gesamten wie auch in den neuen und bestehenden Quartieren. Dies verlangt nach einer integralen Sichtweise ohne Quartieregoismus oder Dominanz von oben nach unten. Dazu gehört auch eine sorgfältige und fachlich abgestützte städteplanerische Entwicklung. 

 

Die Menschen ins Zentrum rücken

Wenn die Bewohnerinnen und Bewohner sich in einer Stadt wohlfühlen sollen, müssen sie in die Entwicklung ihrer Stadt einbezogen werden. Vielfach sind Stadtentwicklungen (zu) stark planerisch geprägt. Zu guten Lösungen kommt man aber erst, wenn man die Menschen und ihre Sichtweisen mit berücksichtigt. Die politischen Entscheidungen und ihre Umsetzung werden «einfacher», wenn die Verantwortlichen im Vorfeld Wissen und Bedürfnisse der direkt Betroffenen abgeklärt haben. Sie weisen damit ein höheres Mass an Legitimation auf. Dieses partizipative Vorgehen trägt dazu bei, dass sich die Menschen in der Stadt ernst genommen fühlen und Sorge zu einer Umwelt tragen, die sie mitgestaltet haben. Eine so verstandene Stadt- und Quartierentwicklung fördert eine konstruktive, ganzheitliche Kultur der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen der Politik wie auch zwischen den Behörden und den Bewohnerinnen und Bewohnern.

Diese Mitbeteiligung ist eines der 7 Prinzipien der werteorientierten Dorf-, Regional und Stadtentwicklung (WDRS), wie sie auch von der «insist consulting gmbh» vertreten und gefördert wird. Das Prinzip «Betroffene zu Beteiligten machen» ist aus meiner Sicht einer der entscheidenden Faktoren für eine positive Stadtentwicklung. Deshalb greife ich im Folgenden vor allem diesen Aspekt auf.

Unterschiedliche Handlungsspielräume (Klick zum Vergrössern)

Unterschiedliche Spielräume

Je grösser der Handlungsspielraum, desto eher können Vorhaben mit den Betroffenen im Dialog entwickelt und Ideen auch verbindlich berücksichtigt oder sogar gemeinsam umgesetzt werden. Je weniger Handlungsspielraum vorhanden ist oder von den Verantwortlichen gegeben wird (Wille), desto weniger soll die Bevölkerung frei nach Wünschen befragt oder z.B. aktiv in Entscheide miteinbezogen werden.

Der unterschiedliche Grad der Mitwirkung muss klar und transparent kommuniziert werden, damit sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in ihren Erwartungen entsprechend einstellen können. Bei aller Partizipation muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass damit keine der formellen und institutionalisierten Gefässe ausgelassen werden. Alle Resultate und Ziele müssen über den normalen demokratischen Weg via Stadtrat, Parlament und allenfalls Abstimmung beschlossen werden. 

Damit gehören das «Mitentscheiden» und die «Mitarbeit bei der Umsetzung» eher zu den politischen Regelstrukturen. «Mitsprache/Dialog», «Anhörung» und «Information» sind hingegen die Grundpfeiler der Mitwirkung (Partizipation). Es macht deshalb Sinn, unterschiedliche Formate der Partizipation zu etablieren und sie zu benennen. 

 

Unterschiedliche Formate

Nachfolgend ein Beispiel von vier Beteiligungsformaten:

1) Stadt-Werkstatt 

= Öffentliche Grossgruppenveranstaltung zu einem oder mehreren strategischen Themen, welche die ganze Stadt betreffen

- Mitwirkungsgrad: Dialog und Mitsprache

- Mitwirkung: öffentlich

2) Stadt-Atelier 

= Veranstaltung mit Einladung für Betroffene oder Interessengruppen 

- Mitwirkungsgrad: Dialog und Mitsprache

- Mitwirkung: halböffentlich

3) Dialogbox 

= Digitale Beteiligung oder Befragung 

- Mitwirkungsgrad: Mitsprache und Anhörung

- Mitwirkung: öffentlich oder halböffentlich

4) Stadt informiert 

= Physische oder digitale Veranstaltung 

- Mitwirkungsgrad: Information und Anhörung

- Mitwirkung: öffentlich

 

Partizipation in Bülach

Im Zeitraum von Herbst 2017 bis Frühling 2018 fand in Bülach ein partizipativer Stadt- und Quartierentwicklungsprozess in Form von Stadt-Werkstätten zu folgenden Themen statt:

  • Grünflächen und Freiräume
  • Wachstum und Identität
  • lebendiges Zentrum und attraktives Gewerbe
  • Begegnungsorte und Treffpunkte
  • Anliegen aus den Weilern.

Zahlreiche der dabei vorgebrachten Themen finden sich im durch den Stadtrat definierten Zielbild 2030 sowie in den Legislaturzielen 2018-22 wieder1.

 

Weitere Schritte

Die bisherigen Stadtwerkstätten waren nicht nur aus inhaltlicher Sicht von grosser Bedeutung, sie sind es auch aus Sicht der politischen Kultur. Mitdenken fördert die Identifikation und prägt die Art und Weise der Zusammenarbeit in der Stadt und in der kommunalen Politik.

Aus diesem Grund kommen, wenn immer möglich, diverse Beteiligungsformate in regelmässigen Abständen zur Anwendung. Seit 2019 wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt:

Zwei Stadt-Werkstätten zum Thema eines neuen Kultur- und Begegnungszentrums und eine Stadt-Werkstatt zum Thema Gesamtverkehrskonzept. Die nächste Stadt-Werkstatt zum Thema Verkehr wird wiederum digital im Juni stattfinden.

Zum Thema «Zentrumsentwicklung» wurden drei Stadt-Ateliers mit interessierten Eigentümern im entsprechenden Gebiet (Perimeter) durchgeführt. Dabei konnte ein klares Zielbild eines verkehrsberuhigten Zentrums mit einer gesteigerten Aufenthaltsqualität entwickelt werden. Ein weiteres Stadt-Atelier fand zum Thema «Grünraumkonzept» statt. Zudem sind zwei weitere Stadt-Ateliers zum Thema «Büülifäscht 2024» und drei weitere zum Thema «Kultur- und Begegnungszentrum» geplant. 

Das Alterskonzept wird ebenfalls partizipativ überarbeitet. Der Prozess wurde mit einer Umfrage bei allen Einwohnerinnen und Einwohner gestartet, die über 55-jährig sind.

 

Ausblick

Das grosse Engagement der Einwohnerinnen und Einwohner trägt dazu bei, unser Zielbild 2030 zu erreichen. Kurz zusammengefasst lautet es so: «Bülach als Zentrum des Zürcher Unterlandes ist eine dynamische und moderne Stadt, in der gute Lösungen in partizipativen Prozessen entstehen. Gute Lösungen, weil sie auf einem transparenten Vorgehen basieren, welches durch Toleranz, Respekt und Wertschätzung geprägt ist. Deshalb engagieren sich Personen und Unternehmen gerne für die Stadt. In Bülach wohnt, geniesst und arbeitet man gerne. Eine Stadt auf starkem Fundament gebaut, lebendig und mit positiven Zukunftsperspektiven.»

Ich danke Gott für das Privileg, dass ich in dieser dynamischen Zeit die Entwicklung unserer Stadt und die Kultur des Zusammenlebens aktiv mitgestalten darf. Es ist mir persönlich wichtig, christliche Werte wie Wertschätzung, Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit vorzuleben und damit in meinem Umfeld wie auch in unserer Stadt einen Unterschied machen zu können.

 

https://www.buelach.ch/themen/politik-verwaltung/stadtrat/legislaturprogramm

2 Sie musste aus bekannten Gründen komplett digital durchgeführt werden; siehe: 

https://www.buelach.ch/themen/wohnen-bauen/stadtplanung/gesamtverkehrskonzept/artikel/video-online-stadt-werkstatt

Schreiben Sie einen Kommentar