Transformation – (k)ein Sommermärchen

Landauf, landab beten Schweizerinnen und Schweizer für eine Transformation der Schweiz im christlichen Sinn und Geist. Diese Vision muss kein Sommermärchen bleiben. Der erste Schritt zur Durchdringung und werteorientierten Prägung unseres Landes ist aber die Erkenntnis, dass wir alle Teilhaber dieser Entwicklung sind. Dann nämlich, wenn wir ein schlichtes Prinzip ernst nehmen, das wir dank Corona unfreiwillig einüben konnten: das Prinzip der Nähe.

(Lesezeit: 6 Minuten)

So wie es aussieht, wird es auch dieses Jahr wieder Sommer werden. Nun, die mehrwöchige Reise in die weite Welt ist vermutlich auch dieses Jahr noch nicht die richtige Wahl; aber vielleicht finden wir umso mehr Zeit für Wandererlebnisse in der Schweiz. Das erlaubt uns, die faszinierenden Landschaften, Dörfer und Städte unseres Landes zu Fuss kennenzulernen. Und uns Gedanken zu machen über die Menschen, die hier Tag für Tag ihr Leben gestalten, mit oder gegeneinander, mit oder ohne Gott.

 

Stündeler

Bei meinen Wanderungen durchs Bernbiet ist mir aufgefallen, dass auch in vorwiegend ländlichen Umgebungen, dort, wo es weit und breit keine Kirchen gibt, schmucke Häuser stehen, die neben Wohnungen auch einen grösseren Saal enthalten. Spätestens das Schild beim Eingang zeigt, was hier abgeht: «Vereinshaus EGW»1. Solche Gebäude finden sich auch in Stadtquartieren fernab vom Zentrum.

Mitten auf dem Land – oder im Stadtquartier – kommen hier also sonntags Christen aus der näheren Umgebung zum Gottesdienst zusammen. Historisch gesehen geschieht dies seit der pietistischen Erweckung von 1831 in Bern. Ursprünglich trafen sich diese Christen am Sonntagmorgen zum Gottesdienst in der nächstgelegenen Landeskirche – und dann zusätzlich am Nachmittag für eine gute Stunde. Sie wurden deshalb «Stündeler» genannt.

Diese engagierten Gläubigen hielten an der örtlichen Landeskirche und ihrem «Parochialprinzip» fest. Das ist nichts anderes als das «Prinzip der Nähe» umgesetzt in den kirchlichen Zusammenhang. Die örtliche Landeskirche beschränkt sich bei ihrem Wirken auf ein genau definiertes Einzugsgebiet: in der Regel ein Dorf oder mehrere benachbarte Ortschaften bzw. auf ein Stadtquartier. Hier sorgt sie für die religiöse Grundversorgung von der Wiege bis zur Bahre. Auch wenn das Interesse der hier lebenden Menschen an diesem kirchlichen Angebot bekanntlich abgenommen hat, das landeskirchliche «Parochialprinzip» ist weitgehend erhalten geblieben.

Die Kirche im Dorf – eine Baustelle und Quelle der Inspiration (Bild: Hanspeter Schmutz)

Weil das geistliche Leben und/oder die Theologie der örtlichen Landeskirche nicht immer alle Bedürfnisse abdecken konnte, holten sich die erweckten EGW'ler das Fehlende mit ihrem Zusatzprogramm am Sonntagnachmittag. Sie sahen sich dabei aber weiterhin als Erneuerungsbewegung in der örtlichen Landeskirche. 

 

Auto-Gemeinden

Heutige Freikirchen gehen in der Regel anders vor. Sie treffen sich rund um eine neue geistliche oder theologische Erkenntnis in regionalen Zentren, möglichst mit Autobahnanschluss. Ihre Mitglieder kommen von weit her: Am Sonntag geben sie alles, damit sie möglichst unverfälscht in ihrem bevorzugten Glaubensstil versorgt werden können. 

Bei ihrer Fahrt zum entfernten Gottesdienst lassen sie nicht nur die örtliche Landeskirche hinter sich, sondern auch ihr Dorf – und die dortigen kirchen- und glaubensfernen Menschen mit ihren geistlichen Defiziten.

Auto-Gottesdienst (Bild: Florian Pircher auf Pixabay) 

In der freikirchlichen Regionalgemeinde legt ihnen dann der Prediger ans Herz, dass sie ihre Nächsten doch bitte noch mehr als bisher lieben sollten! Sobald sie mit ihrem Auto wieder zufrieden in ihrem Dorf angekommen sind, ist die Predigt aber weit weg. Der familiäre Alltag und die beruflichen Herausforderungen irgendwo in der nächsten Stadt werden sie die nächsten sechs Tage in Beschlag nehmen. Bis sie am Sonntag wieder in die weit entfernte Gemeinde fahren können, um sich die nächste Predigt über die Transformation der Schweiz anzuhören.

 

Der Nächste ist ganz nah

Meine These zur Transformation der Schweiz lautet so: Wenn alle Christinnen und Christen ihre Aufgaben vor Ort gemeinsam anpacken würden, wären sowohl die werteorientierte Veränderung des Dorfes oder des Stadtquartiers wie auch die natürliche Evangelisation in der ganzen Schweiz auf den Weg gebracht. 

Vielleicht braucht es dazu vorerst eine Revitalisierung der örtlichen Landeskirche – durch engagierte Gläubige, die der alten Dame unter die Arme greifen. Zumindest das Prinzip der Nähe ist hier bereits gegeben. 

Aber auch die Auto-Gemeinden können sich dafür entschliessen, ihren Worten Taten folgen zu lassen, indem sie ihre Gläubigen dazu ermuntern, sich zwar sonntags in der Regionalgemeinde stärken zu lassen, sich dann aber werktags  vor Ort in Hauskreisen zu treffen, verbunden mit der Frage, wie sie dem Nächsten in der Nähe am besten dienen können. 

Egal ob in oder ausserhalb der Landeskirche: Wenn die Christinnen und Christen vor Ort die Grenzen ihrer kirchlichen Heimat überschreiten und sich regelmässig in ihren Quartieren zum Gebet für das Dorf oder das Stadtquartier treffen, dann lässt sich etwas kaum vermeiden: Das Reich Gottes bekommt plötzlich Hände und Füsse. Und die Transformation wird zu mehr als einer Vision: Sie erhält das konkrete Gesicht des Dorfes oder des Stadtquartiers.

Deshalb mein Tipp: Bewegen Sie diese Gedanken diesen Sommer doch mal in Ihrem Herzen. Und sorgen Sie dann dafür, dass sie kein Sommermärchen bleiben.

 

1  Evangelisches Gemeinschaftswerk – hervorgegangen aus der 1996 wieder aufgehobenen Trennung der beiden landeskirchlichen Bewegungen «Evangelische Gesellschaft» und «Landeskirchliche Gemeinschaft».

 

Zwei Hinweise

Anregungen zur werteorientierten Ortsentwicklung finden Sie hier: www.dorfentwicklung.ch

Wir unterstützen Sie gerne beim Start oder auf dem Weg zur Transformation des Dorfes oder der Stadt, sei es mit theologischen Impulsen oder mit praktischen Modulen aufgrund unserer Erfahrungen aus den letzten 20 Jahren.

hanspeter.schmutz@insist-consulting.ch

Schreiben Sie einen Kommentar